Auf ein Pils im „Manuela’s“: Vom Charme der Eckkneipe

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Dort, wo das Bier schon am Tisch steht, bevor der Stammgast pünktlich um 13 Uhr die Türschwelle überquert. Dort, wo blinkende Spielautomatenknöpfe für die „Visual Atmo“ sorgen, die man dort niemals so nennen würde. Dort, wo gelb verrauchte „Retrogardinen“ die Uhrzeit ausblenden. Dort, wo Dieter seine Hosen mit Gummibund statt Knöpfen tragen darf. Und dort, wo seit Jahrzehnten „Schnitzel mit Pommes“ auf der Tafel steht, obwohl es gar keines gibt: In der Pilsbar am Eck.

Oft ist sie nicht weiter als 50 Meter von der eigenen Wohnung entfernt, in der man bereits fünf Jahre lebt. Auf dem Weg zum Supermarkt laufen wir hastig daran vorbei; manchmal sogar noch etwas schneller, weil seltsames Unwohlsein mitschwingt. Und immer durchzucken mich die gleichen Gedanken: Was, wenn ich einfach mal stehen bliebe? Mir die Kneipe, die zumeist nach der Wirtin oder dem Wirt benannt wurde, einfach mal genauer ansehe? Das Schnitzel verlange, das mir für 6,50 Euro angeboten wird?

 

Milieutourismus im eigenen Viertel

 

Ich bin also bei „Manuela’s“ zu Besuch. Natürlich mit falschem Apostroph, wie sich das für eine richtige Eckkneipe gehört. Ich will mir das Ganze mal anschauen – ein bisschen Milieutourismus sozusagen. Und trotzdem mit ehrfürchtigem Respekt vor den Menschen, die dort ihr Wohnzimmer gefunden haben. Pünktlich zur Mittagszeit betrete ich schüchtern das Lokal. Zuerst den gefliesten Vorraum, in dem sich die Raucher am Stehtisch zusammenrotten, bevor Manuela den Laden dicht macht und geschlossene Rauchergesellschaft verkündet: Hunderte Kippenstummeln in einem mit Sand gefüllten 1 Liter fassenden Joghurteimer. Manche mit Lippenstiftresten am Filter. Manche verkehrt herum angezündet.

 

Nun allen Mut zusammengenommen und rein in die gute Stube. Ich vernehme fünf leere Tische und einen Tisch, besetzt mit vier verwundert aufblickenden Augenpaaren – eines davon gehört sicher Manuela. „Grüß Gott“ murmele ich, das sagt man hier sicherlich so. „Grüß Gott“, raunt es zurück. Ich stapfe zur Bar und mache es mir auf einem Hocker bequem. Ein älterer Herr, dessen Bauch wohl so einige Bierweisheiten zu erzählen hat, steht auf und fragt: „Was willst’ n Fräulein?“ Der heißt aber bestimmt nicht Manuela – egal: „Schnitzel!“ antworte ich, „Hamma net!“, brummt er. Dachte ich mir doch. Hier werden nicht nur Kunden, sondern auch Klischees bedient. Ich mag es. Irgendwie authentisch.

 

Dann eben ein Helles. Der Wirt, der sich Ulli nennt, wie ich später herausfinde, öffnet eine Flasche und schenkt mir ein. Der Zapfhahn funktioniert nämlich schon lange nicht mehr. Dann setzt er sich wieder zu den anderen an den Tisch. Sie ignorieren mich. Normalerweise würde ich nun mein Handy aus der Tasche kramen und darauf herumspielen. Aber ich versuche mich konsequent im „Auf den Tresen starren und alle paar Sekunden einen kräftigen Schluck nehmen“. Immer einen Schluck voraus. So läuft das hier doch – oder?

 

Die Klischeemanufaktur vergrößert sich

 

Währenddessen öffnet sich die Tür und ein Mann – ich schätze ihn auf Ende dreißig – kommt rein, im Postbotenoutfit. „Feierabend!“, brüllt er. Mit einem lauten „Servus“ klopft er auf den Tisch, „bringst mir a Bier, Ulli!“. Alle freuen sich, den Postboten zu sehen. „Andi – auch mal wieder da!“, „Servus Andi!“, „Bringst mir wieder Rechnungen mit, Andi?“. Schallendes Gelächter. Sofort ist die Atmosphäre nicht nur biergeschwängert, sondern auch merklich heiter. Da bemerkt der Briefträger, ich vermute inzwischen stark, er heißt Andi, den Fremdkörper – mich. „Wer bist denn du?“, fragt er. „Nadine, hallo!“ Wie erwartet stellt er sich als Andi vor. Wir geben uns die Hand und stoßen an. „Hopp, hock dich zu uns an den Tisch!“. Ich bin noch etwas zögerlich, aber auch irgendwie erleichtert. Alle rücken zusammen. Jetzt kann ich mir die fünf mal genauer ansehen.

 

Da hätten wir Ulli, bierbäuchig, älteres Semester, Cordhose und Schnauzbartträger. Andi, Enddreißiger, hager und Halbtagspostbote – liebt seine bequeme Uniform. Eine Frau namens Renate stellt sich mir vor. Sie trägt kurz geschorene, weinrot gefärbte Haare mit Föhnpony und auf ihrem riesigen Busen glitzert eine grobgliedrige Goldkette mit Pferdekopfanhänger, die Pferdeaugen sind mit Strasssteinen besetzt. Dann ist da noch Hans – wahrscheinlich der Älteste in der Runde. Er redet nicht viel. Seine weißen Haare sind zum Zopf gebunden, buschige Augenbrauen und buschige Ohren mit riesigen Läppchen. Schweigend, aber gelassen wirkend trinkt er sein Bier. Zuletzt noch Andi–Zwei. Mitte vierzig, hager, grauer Pullover, Brille und trinkt Pils lieber als Helles. Gut so. Sind ja schließlich auch in einer Pilsbar. Die illustre Runde legt los.

 

Unterhaltungen über Kinder und Enkel, alte Zeiten, neue Zeiten, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Rückenschmerzen, Arztbesuche, Pferde (hauptsächlich Renate), Ärger mit Mobiltelefonen, Haushalt und Exfrauen bewegen den Tisch. Ab und an mal schrill herausstechendes Gelächter von Renate, während ihre mächtige Brust auf und ab bebt. Geheimnisse scheint hier niemand zu haben. Ich bin bereits bei Bier Nummer drei, als ich gefragt werde, was ich eigentlich mache und woher ich denn käme. So wirklich verstanden wird meine Antwort aber nicht. Kommunikationsdesignerin mit Schwerpunkt Text? Früher nannte man das Schreibkraft. Oder Sekretärin. Oder – ach egal. Ich lache mit. Wir stoßen regelmäßig an. Und ich beginne mich wirklich wohl zu fühlen. Das nächste Mal, wenn ich einkaufen gehe und an „Manuela’s“ vorbeilaufe, bleibt mein Gang im Schlender-Modus.

 

Was wäre wenn?

 

Ich werde allmählich zum stillen Beobachter der Szene und verfalle in Metaüberlegungen, ob wohl auch ich ein Kandidat mit Stammgastmentalität werden kann. Bin ich ja eigentlich schon. Nur eben nicht hier, sondern in einer hippen Studentenbar. War das hier vielleicht auch mal ein hipper „Place to be“ in den 80ern? Wird mein „Lieblingsschwadronier- und Trinkverein“ auch irgendwann mal so? Und wenn ja, wäre das eigentlich gut oder schlecht? Auf der Tafel stünde dann vielleicht „Veganes Schnitzel ohne Zusätze: 12,50 Euro“ – obwohl es gar keines gäbe. Die Bärte der Hipstergeneration hätten mittlerweile Druidenstandard erreicht und alle paar Meter träten wir aus Versehen darauf.

Gelbrauchige Gardinen wurden abgeschafft, stattdessen verstecken Möbel aus vergammelten Europaletten und Fensterkreide das Tageslicht. Exotische Craft Beer Varianten ersetzen das Helle und Manuela, der eigentlich Ulli heißt, wird nun Samuel, Jeremy oder auch Clara-Lucia genannt. Ich wäre dann Renate. Aber nicht mit Pferdekopfanhänger, sondern mit einem messingfarbenen Dreieck, das mein Doppelkinn hinge. Ja, ich liebe Klischees. Ich bekomme sie gern bestätigt. Noch lieber aber habe ich sie, wenn ich mich mit ihnen anfreunden und darin verlieren kann. Ich habe allerdings auch nichts gegen Überraschungen und Kehrtwenden, die Kurve kriegt man auch in einer Eckkneipe. Und im Kreis drehen wir uns doch alle ab und zu mal gerne – vor allem nach sechs Hellen. Und jetzt geh ich zu Manuela’s. Prost.

 

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Bildquelle: Toa Heftiba unter cc0 1.0

„Dinzkii? Inkonsequente Endzwanzigerin, sprunghaft und ein Latent-Talent im Beweisen von Murphy’s Law. Außerdem hervorragend versiert in solidem Halbkönnen!“ behauptet die beste Freundin. „Verbinden kann sie auch gut. Besonders Menschen mit anderen Menschen!“ Stimmt. Manchmal verfolgen mich welche bis in die Klos nächtlicher Schwadronier-Meilen, weil meine natürlich dauergeweiteten Rausch-Augen scheinbar mehr Spaß zu versprechen scheinen: dann die große Enttäuschung: Upsi! Außerdem neunmal umgezogen, hoher Autoverschleiß, freiheitsliebend und stundenlanges Amusement über dämlich klingende Wörter. Achja! Und Schreiben! An dieser Stelle Emoticon-Herzchen. Echt jetzt! <3