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Reise-Erlebnisse sind nicht nur Superlative!

Warum Reisen manchmal auch nicht mehr ist, als nur ein in die Fremde verschobener Alltag. Über das Unverständnis Zuhausegebliebener.

Von Melanie Wolfmeier

„Was, du warst ein halbes Jahr unterwegs?“ Ich nicke, kaue, schlucke. Ziehe unbewusst den Kopf ein, versuche, Blickkontakt und damit das Unvermeidbare zu vermeiden. Ich vergrabe mich in meinem Teller Spaghetti, aber ich weiß, ich kann der Flut nicht entkommen. Und da sprudeln sie auch schon aus meinem Gesprächspartner hervor, diese todlangweiligen Fragen zu der sechsmonatigen Reise rund um den Erdball. „Und, wie war’s? Wo hat es dir am besten gefallen? Was war das Krasseste, was du erlebt hast? Und das Gefährlichste? Und wie konntest du dir das überhaupt leisten?“

Mir graut schon davor, wenn ich neue Leute kennen lerne und irgendwann die Frage aufkommt, ob man schon mal länger im Ausland gewesen sei. Bei der ständig wachsenden Zahl an Stempeln in meinem Reisepass kann ich es nicht leugnen – ich liebe Reisen. Und ich liebe es auch, darüber zu sprechen. Aber nicht mit Menschen, die keine Ahnung davon haben, wie es ist, unterwegs zu sein. Und die eigentlich nur eines hören wollen: dass die Zeit draußen in der großen weiten Welt das absolut geilste war, was ich jemals erlebt habe.

 

Geil, Geiler – am Nervigsten

 

Ein Problem mit Superlativen hat auch Beate Wild, Autorin der Süddeutschen Zeitung. Seit sie in San Francisco wohnt, ist sie neben Journalistin nun auch zur professionellen Komplimenteschleuderin geworden. Alles und jeden in den Himmel zu lobpreisen, muss aber sein, weil sonst der „Gegenüber denkt, dass das Beschriebene alles andere als ‚good‘ war.“ So ging es ihr auch, als sie Freundinnen von ihrem Mexiko-Urlaub erzählte. Wörter wie „absolutely awesome“, „amazing“, „a stunning trip“, „wonderful people“ und „a breathtaking country“ durften in der Reisebeschreibung nicht fehlen – sonst wäre der Eindruck entstanden, dass der Kurztrip nicht das gewesen wäre, was er sein sollte: eine absolut fantastische Auszeit!

Eine Reise ist ein Ausbruch aus dem Alltag. Ein Entschlüpfen eingestaubter Beziehungen und Traditionen. Ein All-Inclusive-Package, vollgestopft mit Adrenalin, Grenzüberschreitungen, unbegrenzten Möglichkeiten.
Aber Backpacken ist kein Perpetuum Mobile aus bloßen Abenteuern. Genau wie daheim auch, bildet sich auf dem Weg von Hostel zu Hostel ein Alltag, der wichtig ist – weil er dem Heimatlosen Halt gibt. Nur das hören Daheimgebliebene nicht gern, weil es leider völlig unspannend ist, von Abenden zu hören, die man nur im Fernsehzimmer der Jugendherberge verbracht hat.

 

Normal ist das!

 

Ich beantworte solche Fragen wie „Was war das Abgedrehteste, was du gemacht hast?“ nur ungern. Erstens, weil ich meine Reise nicht auf Superlative herunterbrechen will. Zweitens, weil ich keine Lust habe, davon vorzuschwärmen, wie unfassbar spannend mein Trip um die Welt doch war – nur, um das Bild des fragestellenden Abenteuerschmarotzers zu bestätigen, der mir gegenüber sitzt. Man fragt doch auch einen Musiker nicht, welcher Ton in dem dreieinhalbminütigen Song jetzt der beste war, den er gespielt hat. Es kommt auf den gesamten Klang an, das Zusammenspiel der einzelnen Noten. Eine einzige Sekunde herauszunehmen und gesondert zu betrachten, lässt einen nicht nachvollziehen, wie unfassbar gut der ganze Track ist – oder wie unbeschreiblich der Trip um die Welt war.

Eine Auslandsreise lässt sich nicht in Worte zusammenfassen. Aus dem Rucksack zu leben heißt nicht, dass sich nicht zwischen den vielen Glücksmomenten genauso viele uninteressante Frequenzen ansammeln. Das Gesamtpaket ist letztendlich das, worauf es ankommt. Bevor ich nur über das berichten soll, was aus dem Erfahrungskoffer heraus sticht, sage ich lieber gar nichts. Weil es doch nur eine verfälschte Darstellung dessen wäre, was eigentlich etwas viel größeres als jeder Superlativ gewesen ist.

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Bildquelle: Pexels CC0 Lizenz

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