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Zwischen Schmerz und Schein: Aus dem Leben einer Tänzerin

Mehr als ein Hobby: Ballerinen erzählten uns von Verletzungen, Schmerzgrenzen und Zukunftsträumen.

Spätestens seit „Pam! Pam! Pam!“-Detlef D! Soost wissen wir, dass Tänzer die coolsten Menschen auf Erden sind. Zum Welttag des Tanzes lud die Munich International Ballet School (MIBS) zu einem Potpourri der anspruchsvollen Bewegungskunst ein. Frauen, die ihre Ballerina-Karriere noch vor oder bereits hinter sich haben, erzählten ZEITjUNG, mit welchen Entbehrungen und Aufopferungen ihr Leben verbunden ist.

Aufstrebende Jungtalente aus aller Welt reiben den Besuchern ihre Ambitionen und perfekten Füße unter die Nase. Wie es sich gehört, sind alle begeistert und klatschen – typisch deutsch – auf 1 und 3 im Takt. Tapfer lächeln die Mädels und Jungs in den halb gefüllten Saal; Stolperer und Missverständnisse in der Musikwiedergabe werden professionell überspielt. Die klassischen Tanzkostümchen legen sich eng um jeden Muskelstrang und offenbaren alles. Das Quietschen der nackten Füße auf dem Linoleumboden darf nicht auffallen, geschweige denn irritieren: Mehr als einmal fragt man sich, welche Überwindung und Anstrengung es einen jungen Menschen kosten muss, die komplette Bühne allein zu füllen und sich dem Urteil des Publikums zu stellen.

 

Gut trainierte Accessoires

 

Ein wenig Mitleid erregen auf den Außenstehenden vor allem die männlichen Tänzer der Show. Nicht aufgrund ihrer durchtrainierten Körper oder ihrer unmenschlichen Sprungkraft. Doch die Rolle des Mannes in einem Pas de deux wirkt stets ein bisschen undankbar: Er hebt, fängt, dreht und stützt – und am Ende geht es ausschließlich darum, die Partnerin gut aussehen zu lassen. Ein zynischer Unbeteiligter könnte fast meinen, dass dies lediglich ein Abbild der Realität sei: Der Mann malocht, die Frau profitiert und steht im Rampenlicht.

Derartige Gedanken beschäftigen die Darsteller dieses Abends eher weniger. Dass die jungen Tänzer auf der Bühne keine gewöhnlichen Kinder sind, offenbart sich wenige Tage vor der Vorstellung im Training. Beim Betreten der Unterrichtsräume schlägt einem der Odem von Disziplin und Ehrgeiz entgegen. Automatisch nehmen auch die Besucher eine aufrechte Haltung ein: Schultern zurück, Bauch rein, Rücken gestreckt. Die Vorbereitungen für die Show laufen auf Hochtouren. Sechs Tage die Woche trainieren die größtenteils japanischen Schülerinnen von Kumiko Noshiro, beginnend morgens um 9 Uhr bis in die Abendstunden. Auf dem Stundenplan steht neben der morgendlichen Gymnastikeinheit selbstverständlich das klassische Ballett. Nachmittags finden Kurse in modernem Tanz statt. Die Anatomie eines Menschen hat dabei großen Einfluss auf die Karriereausrichtung einer Tänzerin: „Wenn die Füße nicht passen oder das Auswärts nicht ausreicht, dann sind die Schüler für klassischen Tanz nicht geeignet und gehören eher in den modernen Bereich“, erklärt Frau Noshiro.

 

Harte Arbeit und Willensstärke

 

Neben dieser Vollzeitausbildung gilt es für viele der Schüler noch, auf einen Schulabschluss hinzuarbeiten. Meistens geschieht dies in Form eines Fernstudiums. Zu den Prüfungen geht es also in die weit entfernte Heimat, um dort anderweitige Leistungen abzurufen.

Die 21-jährige Moeka weiß, dass ihr Tagesablauf stark von dem anderer Mädchen in ihrem Alter abweicht. Auch habe sie in ihrer Jugend wenig Zeit für das Ausgehen mit Freunden gehabt. Doch diese in den Tanz investierten Stunden bewertet sie durchweg positiv, haben sie ihr schließlich ein Engagement in einer Company in Ulm ermöglicht. Langfristig arbeitet sie aber auf eine Anstellung bei einer großen Company hin, wie an der Staatsoper in Wien. Die Direktorin der Privatschule kommentiert diesen Wunsch wie folgt: „Alles ist theoretisch möglich, wenn man hart arbeitet und die entsprechende Willensstärke hat.“

Mangelnde Willensstärke kann man hier tatsächlich niemandem vorwerfen. So zog die erst 17-jährige Tildora bereits vor einem Jahr von Bulgarien nach Deutschland, um von der guten Ausbildung zu profitieren. Auch für sie gab es zum Tanzen nie eine wirkliche Alternative. „Mit 12 wollte ich mal kurzzeitig irgendwas mit Modedesign machen. Aber letztendlich entschied ich mich doch immer wieder fürs Tanzen.“

Auf die Frage nach ihrem Vorbild erwartet man Standardantworten wie: „Miley Cyrus„. Die süße, unschuldige Miley – damals, als sie noch Hannah Montana war und nicht der hammerleckende Vamp auf der Abrissbirne. Stattdessen erzählt Tildora mit leuchtenden Augen von Marianela Nuñez, einer Tänzerin des Royal Balletts in London. Sie habe sie einmal live erleben dürfen und war fasziniert von der Emotionalität, die sie auf die Bühne brachte.

 

Ackern bis zur Schmerzgrenze

 

Auf diesem Niveau der Ausbildung trifft man also nicht mehr auf die Art von Ballerinen, die der gängigen Klischees wegen tanzen. Auf die Frage nach dem Hobby mit „Tanzen“ zu antworten, klingt einfach toll: Nach Kunst, Grazie, Anmut und Schönheit. Eine Glitzerwelt, der wohl jedes kleine Mädchen mindestens einmal angehören wollte. „Unser Training ist sehr hart. Hier ist kein Platz für Äußerlichkeiten oder schöne Geschichten“, so Frau Noshiro über die Einstellung ihrer Schülerinnen.

Wie sehr so ein Training abhärtet, zeigt sich bei der Show: Getrimmt bis über die eigene Schmerzgrenze hinaus, steht eine verletzte Tänzerin auf der Bühne und verzerrt keine Miene. Ein Handwerker käme wohl kaum auf die Idee, mit einer verletzten Hand zu arbeiten. Für den Tänzernachwuchs hingegen ist dies eine Selbstverständlichkeit.

 

Vom Regen in die Traufe?

 

Sind die Aufopferungen der Ausbildung überstanden, wird der Alltag des professionellen Tänzers aber mitnichten entspannter. Rosina Pop unterrichtet heute an der MIBS, lebte zu Hochphasen den Traum einer jeden Ballettschülerin. Während ihres Engagements als Solistin am Bayerischen Staatsballett tanzte sie alle Rollen, die selbst Laien bekannt sind: Schwanensee, Giselle, Romeo & Julia, Don Quijote, Lola Montez. „Ich habe extrem viel getanzt – extrem“, so Frau Pop „Und damit meine ich, dass ich keinen Urlaub gemacht habe. Wenn ich Urlaub gemacht habe, dann eine Woche mal im Sommer. Aber da war mein Kopf auch nur am Tanzen und ich habe mich trotzdem fit gehalten. Ich hatte vielleicht so ein bis drei Tage frei und sonst habe ich durchgearbeitet. Und das 30 Jahre.“ Dass die schöne Scheinwelt des Theaters also auch Schattenseiten hat, weiß sie nur zu gut: „In diesem Beruf ist es sehr schwierig, sich psychisch stark zu halten.“ Logisch, schließlich ist der Vergleich mit den anderen allgegenwärtig. „Alleine schafft man diesen Beruf nicht. Deshalb muss ein Lehrer auch Psychologe sein.“

Aber was kommt nach der Ausbildung? Wer unterstützt einen Tänzer im beruflichen Alltag? Frau Pop weiß das aus eigener Erfahrung: „Eigentlich niemand. Es ist selten, dass du einen guten Ballettmeister hast, der sich um dich kümmert. Am Staatsballett sind 60-80 Leute angestellt. Du bist Teil der Masse, anonym. Und diese Anonymität in der Company zu ertragen ist sehr schwierig. Denn unser Beruf ist es, uns darzustellen, nach vorne zu drängen.“ Trotz dieses Drucks und der Opfer, die für das Leben im Scheinwerferlicht zu erbringen sind, sagt Rosina Pop: „Ich hätte nichts Anderes machen wollen.“

Man wünscht den jungen Talenten also alles Gute und viel Erfolg. Aber vor allem wünscht man ihnen ein starkes Nervenkostüm und ein noch stärkeres Selbstbewusstsein. Denn Eines steht fest: Mit dem Sprung auf die Bretter, die die Welt bedeuten, wird der Anspruch keinesfalls geringer.

 

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Bildquelle: Sharon LeePhotography unter CC BY 2.0

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