„Bastion des Sexismus“: Wieso im Fußball Sexismus noch einen Platz hat

Die WM ist längst vorbei. Kein fester, abendlicher Termin im Biergarten mehr und keine Diskussionen im Büro am nächsten Tag. Doch was mit Sicherheit weitergehen wird, ist der Sexismus im Fußball. Auch wenn sich immer mehr – seit diesem Jahr auch arabische – Frauen unter Fans und Fußballexperten befinden. Der Sexismus scheint sich mit aller Kraft an Ball und Stollen zu klammern und auf den Tribünen der Stadien und vor den fußballzeigenden Bildschirmen besonders wohlzufühlen.

Auch noch oder gerade im Jahr 2018 klappt allen, die sich für die Gleichberechtigung einsetzen, die Kinnlade herunter, wenn die Traditionsmarke Dr. Oetker die sexistischste Werbung des Jahres schaltet oder die deutsche Kommentatorin Claudia Neumann sich einem Shitstorm auf Twitter stellen muss.

Wie kann das sein? ZEITjUNG hat mit dem Sportpsychologen Dr. Raphael Nixdorf von der TU München gesprochen, um herauszufinden, wieso Sexismus im Fußball noch eine so große Plattform bekommt. Er erklärt, dass Fußball und Sport allgemein „mit Attributen, die als männlich gelten,“ verbunden werden. „Im Fanwesen und auch Sportler selbst sehen männliche Attribute als erstrebenswert. Es geht darum, dass Aggressivität und Stärke da ist, dass Dominanz ausgestrahlt wird. Das sind alles Eigenschaften, die wir mit Männern verbinden. Da haben es Frauen insgesamt schwerer, sowohl als Sportler als auch als Fan oder Kommentatorin.“

 

Fußball als Zeichen der Maskulinität

 

Es ist also eine ganz ursprüngliche Argumentation, die begründet, dass Fußball nach wie vor „eine herausragende Bastion des Sexismus, des Chauvinismus und Zeichen der Maskulinität“ ist. Männer waren rational betrachtet schon immer das stärkere Geschlecht, allein schon aufgrund ihres Körperbaus. Und Stärke zählt im Sport. Wo in anderen Bereichen vielfältige Attribute zum Erfolg egal welchen Geschlechts beitragen, müssen Frauen im Sport darum kämpfen, auf ein annähernd gleiches Niveau wie ihre männlichen Kollegen zu kommen.

Das spielt natürlich den Falschen den Ball zu. „Weil unser Konzept von Sport eher ein männliches ist, ist es leichter zu behaupten, dass ein Experte oder ein Vorstand nur ein Mann sein kann. Dann wird gar nicht in Frage gestellt, ob die Kompetenzen einer Frau – ohne einen Unterschied zwischen Frau und Mann zu machen – besser passen könnten“, sagt der Sportpsychologe. Da kommt es nicht auf Expertise an, sondern das „Reinpassen in ein starres Konstrukt und Rollenverständnis.“ Und dass sich diese Denkweise weiterentwickelt, dauert.

 

Wieso ändert sich nichts?

 

Ob durch #metoo, Frauenquote oder „Grl Pwr“-Shirts – irgendwie hat jeder mitbekommen, dass Feminismus und Gleichberechtigung – zum Glück – omnipräsent sind, dass sich unsere Gesellschaft – wenn auch nur langsam – weiterentwickelt und man sich, wenn man anderer Meinung ist, zumindest nicht allzu offensichtlich äußern sollte. Denn in dieser Hinsicht sind andere Meinungen ganz objektiv betrachtet nun mal Bullshit. Wo also leben die Fußballverbände, Dr. Oetkers und Shitstorm-Verursacher dieser Welt? Selbst, wenn sie dieses männliche Bild von Fußball haben, wieso verbreiten sie es so ungeniert? Offensichtlicher sexistisch als im Fußball geht es kaum. Nixdorf glaubt, „da fehlt zumindest bisher noch der Aufschrei und die Sensibilisierung bei den Verantwortlichen und der Druck von außen. Ähnlich wie das vielleicht beim Rassismus irgendwann mal so war, weil es zu viel Aufschrei von außen gab.“

Man fragt sich, was noch passieren muss, damit sich FIFA und Co. mit dem Überdenken ihrer eingerosteten Gebilde konfrontiert sehen. Denn eine Änderung läge auf jeden Fall auch primär an ihnen. „Dann ist die Frage, wie flexibel, wie modern, wie offen die Strukturen und die Verantwortlichen sind, das zu ändern. In den Fußballverbänden fallen vermutlich Änderungen in jedem Bereich schwerer und gerade in einem Bereich, in dem die eigenen Machtverhältnisse ins Wanken gebracht werden könnten.“

 

 

Und was können wir ändern?

 

Wenn also die Entwicklung auf den eingerosteten Gebilden nur langsam bis gar nicht vor sich geht, müssen zumindest wir von unten daran rütteln. Immerhin haben die Werbespots überhaupt einen Aufschrei erzeugt, wenn auch wieder eher auf der weiblichen Seite, weil es die eben betrifft. „Ich finde es insgesamt falsch, dass Frauen versuchen sollten, akzeptiert zu werden“, sagt der Sportpsychologe. „Das ist jetzt eine Aufgabe für die Männer. Es kann nicht immer nur sein, dass die Frauen aufstehen und für ihre eigenen Rechte kämpfen. Da müssen Männer sich auch an die eigene Nase fassen und aufmerksamer werden, wo Sexismus eintritt und was man persönlich machen kann. Es geht nicht darum, dass sich die Frauen integrieren, sondern ihre Art des Ausdrückens der Zugehörigkeit und ihre Art des Fußballs ausleben dürfen.“

Und irgendwann dann sollte es so sein, dass es einfach egal ist, ob Frau oder Mann. Dass Geschlechter keine Rolle mehr spielen, weil sie alle die gleichen Voraussetzungen haben. „In der Gesellschaft geht es darum, nicht mehr diesen Vergleich zwischen Mann und Frau zu haben. Sondern dass die Frauen für sich Fußball spielen und dabei gar nicht den Anspruch haben, in das Klischee des aktuellen Fußballs zu passen.“ Vielleicht schaffen wir es alle gemeinsam, Männer und Frauen und alle anderen, eine Welt zu schaffen, in der sich keiner in bestehende Strukturen integrieren muss sondern jeder so Fan, so Sportler und so Kommentator sein darf wie er ist. Damit sich der Sexismus auch von Tribünen und Stollen löst, weil es ihm da zu langweilig wird.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

Mir wurde die Faszination für Worte in die Wiege gelegt. Direkt neben meine Vorliebe für alles, was mit Gefühlen und Zwischenmenschlichem zu tun hat, Mode und französische Filme. Aus der Wiege in der fränkischen Heimat ging es für mich mit dem Vorhaben, all meine Vorlieben in einen Beruf zu packen, ins Schwabenländle. Mit einem Winter in irischen Pubs, einem Sommer in der Isar und bald einem Bachelor im Gepäck lasse ich mich nun überraschen, wie brotlos meine Kunst wirklich ist.