Benachteiligung per Design

Eine Frau blickt mit Mund-Nasen-Schutz in die Kamera

Seit 2018 haben wir mit der „Metoo“-Debatte eine neue feministische Ära erreicht. Der Missbrauch von Männern in Machtpositionen wurde nicht nur deutlich gemacht, sondern medial aufgegriffen wie noch nie zuvor. Ein Riesenschritt. Doch es gibt noch viel mehr Situationen in unserem Alltag, in denen Frauen schlichtweg keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Hier sind vier Dinge, bei deren Herstellung nur an Männer gedacht wurde.

Jedem ist bekannt, dass die Weltbevölkerung gleichermaßen aus Männern und Frauen besteht. 50 zu 50. Da grenzt es doch fast an ein Wunder, dass bei den banalsten alltäglichen Dingen einfach auf die Hälfte der Menschheit vergessen wurde. Die britische Autorin und Aktivistin Caroline Criado-Perez hat diesem Phänomen ein ganzes Buch gewidmet. In „Unsichtbare Frauen“ schreibt sie darüber, wie viele Situationen für Frauen erschwert werden, weil nicht an sie gedacht wurde. Grund: In Politik, Forschung und Wirtschaft stehen Männer an der Spitze, die leider nur aus männlicher Sicht denken…

1. Autogurte

Ein Autogurt ist aus festem Stoff mit ziemlich harten Kanten. Streift er über eine flache Ebene, ist er kaum merkbar. Hat man allerdings Brüste, sieht es schon etwas anders aus. Vor allem bei großen Brüsten reiben die Kanten des Gurts auf der Haut, was meistens im Sommer zu unangenehmer Irritation auf der Haut führen kann. Doch das ist nicht das Schlimmste: Bereits im Jahr 2010 fanden Unfallexperten des ADAC heraus, dass ein normaler Gurt nicht allen Menschen den optimalen Schutz gewährt. Den bekommen nämlich nur Menschen, die dem „Norm-Mann“ entsprechen. Heißt: Menschen, die 1,75 Meter groß sind und 75 Kilo wiegen. Eine kleine schlanke Frau hat bei einem Unfall somit ein viel größeres Verletzungsrisiko. Die Lösung? Ein „intelligenter“ Gurt, der sich dem jeweiligen Passagier individuell anpasst. Das würde auch Schwangeren zugutekommen. Zehn Jahre sind vergangen. Die Gurte sind die gleichen.

2. Smartphones

Es ist immer ärgerlich, wenn einem das Smartphone aus den Händen rutscht und man es samt Spiderapp wieder aufheben muss. Mit den Jahren wurden unsere Handys immer größer und somit für viele Frauen schwerer zu greifen. Criado-Perez beschreibt in ihrem Buch genau, wie die Smartphones mit den großen Displays auf Männerhände ausgerichtet sind. Eine durchschnittliche Frauenhand hat es schwer mit nur einem Daumen eine WhatsApp-Nachricht zu schreiben, geschweige denn alle Apps zu erreichen. Und auch die Sprachsysteme wie Siri, Alexa und Co. sind dem weiblichen Geschlecht nicht besonders wohlgesinnt: Sie erkennen tiefe Stimmen nämlich um einiges besser als hohe. Eine Sache mehr auf der Welt, die der weiblichen Stimme zu wenig Gehör schenkt.  

3. Medizin

Erschreckenderweise gibt es in der Medizin zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass die weibliche Anatomie oft vernachlässigt wird. Zum Beispiel hält sich das Vorurteil, dass ein Herzinfarkt eine typische Männererkrankung ist. Dabei äußern sich die Symptome bei Frauen einfach anders und werden deswegen seltener erkannt. Während Männer meistens über starke Schmerzen in der Brust klagen, müssen sich Frauen oft übergeben und spüren den Schmerz in Bauch oder Rücken. Und auch in der Medikamentenforschung wurden Frauen in der Vergangenheit benachteiligt. Viele klinische Studien hatten ausschließlich Männer als Probanden. Die Medikamente und vorgegebenen Dosierungen wurden aber für beide Geschlechter verordnet. Das kann zu schwerwiegenden und auch lebensgefährdenden Nebenwirkungen führen. Die Lösung ist die geschlechterspezifische Medizin, die nicht nur das biologische Geschlecht (Sex), sondern auch das soziokulturelle Geschlecht (Gender) in ihre Forschung miteinbezieht.

4. Schutzmasken

Zum Schluss noch ein sehr aktuelles Beispiel: der beliebte Mund-Nasen-Schutz. Seit der Coronakrise nicht nur ein treuer Begleiter, sondern auch Zeichen für geschlechterspezifische Ignoranz. Beim Einkaufen, in der U-Bahn oder beim Spazieren gehen sieht man viele Frauen, die ihre Maske ständig wieder über die Nase ziehen müssen. Oder deren komplettes Gesicht von Stoff bedeckt ist. Denn auch hier wurde bei den meisten Masken als Vorlage für die Herstellung ein männliches Gesicht verwendet. Oder habt ihr schon mal Masken gesehen, die explizit für Frauengesichter geschneidert wurden? Zumindest nicht im herkömmlichen Handel.

Die Liste dieser Beispiele könnte noch um viele Punkte erweitert werden. Doch schon vier reichen aus, um deutlich zu machen, dass 50 Prozent der Menschheit immer noch nicht 50 Prozent der Aufmerksamkeit bekommt. Das kann sich jedoch ändern, indem noch mehr auf dieses Missverhältnis hingewiesen wird und noch mehr Frauen in Unternehmen oder in der Politik an die Spitze kommen. Und Hoffnung ist zum Glück geschlechterlos!

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Bildquelle: Pixabay; CCO-Lizenz