Als meine beste Freundin in meine Männer-Wohnung zog

Zeitjung Beste Freundin zieht in die wG

Als Marie mit ihren Sachen vor meiner Tür steht, bekomme ich zum ersten Mal Zweifel an der Sinnhaftigkeit der kommenden drei Wochen. Sie lächelt, umarmt mich und tritt ein. In meine Wohnung. Mit ihren Sachen. Ihrer Gitarre, ihren Büchern, ihrer Unterwäsche. Ich denke: Drei Wochen ohne Alleinsein. Drei Wochen WG-Extrem, obwohl ich normale WGs eigentlich nicht mal mag. Denn Marie zieht für drei Wochen zu mir in mein 32-Quadratmeter-Appartement. Zu mir, der es liebt, alleine zu sein und ungestört lesen zu können oder nachts um 3 Musik anzumachen, wenn ihm danach ist. Die Idee entstand auf einer Party. Marie, meine beste Freundin, erzählte, dass sie für drei Wochen bei ihren Eltern einziehen würde, da ihr Mietvertrag gekündigt wurde und sie in ihre neue Wohnung nicht sofort könne.

Wie das manchmal so ist nach ein paar Bier, in der Euphorie des Abends, bot ich ihr an, bei mir unterzukommen. Sind ja nur drei Wochen, dachte ich und: Marie würde das Gleiche für mich tun. Da bin ich mir sicher. Denn Marie ist loyal, sogar so loyal, dass sie bei den ganzen Tröstungen ihrer Freundinnen manchmal vergisst, selbst zu leben. Nun steht sie also in meiner Tür, mit vom Regen gelockten Haaren und lächelt mich an. Sie hat Bier mitgebracht, also stellen wir ihre Sachen in die Ecke als wären es ungebetene Gäste und setzen uns aufs Bett. Marie war schon öfter hier, aber es fühlt sich trotzdem komisch an. Für sie noch mehr als für mich. Das merkt man bei ihr immer sofort, wenn sie sich nicht richtig wohl fühlt. Es ist spät, wir müssen am nächsten Tag beide raus und so liegen wie nach einem kurzen, aber intensiven Kampf, wer auf der Luftmatratze schläft, nebeneinander im Bett und hören uns beim Atmen zu.

Als ich aufwache, noch bevor der Wecker klingelt, liegt Maries Hand auf meinem Bauch. Sie scheint sich dort wohlzufühlen, ich muss sie dennoch entfernen, weil ich ins Bad will. Ich dusche und als ich wiederkomme, schaut Marie mich ganz verschlafen an. Sie ist wach geworden von den Wassergeräuschen. So ist es, wenn man auf so engem Raum zusammen wohnt. Ich muss mich beeilen, sage ihr noch, dass sie ihre Sachen in meinen Schrank räumen kann, den ich freigemacht habe und dass sie sich wie zu Hause fühlen soll.

 

Nah wie nie

 

Schon am zweiten Abend ist Marie angekommen in meiner Junggesellenbude. Sie hat ihre Schminksachen im Bad platziert, ihre Sachen hängen neben meinen, ihre Gitarre wurde ausgepackt, es riecht nun öfter nach ihrem Parfüm und das Bad ist irgendwie ordentlicher, weil sie ihre Klamotten nicht achtlos in die Ecke wirft und ich auch nicht, aus Rücksicht auf sie.

Drei Tage später haben wir uns bereits eingerichtet in unserem kurzen gemeinsamen WG-Leben. Wir kochen zusammen und wir sind uns so nah wie nie. Denn wenn man abends gemeinsam einschläft, sich von seinen Erlebnissen erzählt und morgens nebeneinander im Bad steht und schlecht gelaunt Zähne putzt, dann ist man sich automatisch nah. Wir erleben Momente, die eigentlich nur in Beziehungen vorkommen, weil es keine Möglichkeit gibt, sich zurückzuziehen. Sie kommt mit einem Handtuch aus dem Bad und befiehlt mir, die Augen zuzumachen und ich lasse sie ins Bad, wenn ich in der Wanne liege, weil ich mein Handtuch draußen liegen lasse habe.

Die anfänglichen Zweifel verschwinden, ich finde es schön, ihr ein bisschen von dem Leben zu zeigen, das man mit niemandem teilt, wenn man alleine als Single wohnt. Denn von den ganzen kleinen Dingen seines Lebens erzählt man seinen Freunden bei einem Bier nicht. Man berichtet von Reisen, von Konzerten, vom neuen Cliquen-Gossip, aber erzählt nichts vom Lachanfall, nachdem man sich auf blödeste Weise den Kopf angehauen hat oder von einem schönen Sonnenaufgang, der einen weckt.

 

Köpfe aus, Gefühle an

 

Marie und ich teilen diese Momente für drei Wochen. Wir zeigen uns stundenlang Lieder, die wir mögen und entdecken uns auf eine Art und Weise, die in der Welt da draußen niemals möglich wäre. Nicht in dieser Intensität. Natürlich entdecken wir am anderen auch Seiten, die nerven. Ich verdrehe morgens die Augen, weil Marie ihre schlechte Laune erst ablegt, wenn sie einen Kaffee getrunken hat. Sie ist genervt, weil ich vergesse, dass wir zusammen kochen wollten und erst um 3 von einem Barabend zurückkomme. Aber da unsere Zeit zeitlich begrenzt ist, genießen wir sie. Und wir reden. Über unsere Kindheit, die Eltern, die Zukunft. Ich bilde mir sogar ein, dass wir uns anders ansehen. Denn während der ganzen Zeit sind wir niemandem näher als uns.

Nach einem gemeinsamen Party-Besuch liegen wir im Bett, es ist dunkel und man hört nur ab und zu draußen ein Auto vorbeifahren. Wir haben beide was getrunken und es passiert etwas, von dem ich dachte, es wäre eine Erfindung von Buchautoren oder Hollywood. Es liegt etwas über uns, eine Spannung, wir beide spüren sie. Und als sie unerträglich wird, küssen wir uns. Lange. Es fühlt sich nicht falsch an, aber auch nicht richtig. Man kann es in diesem Moment unmöglich bewerten. Es zählt nur, dass wir beide unsere Köpfe ausknipsen als wären sie Lichtschalter.

In den kommenden vier Tagen geht es so weiter. Wir küssen uns, wir schlafen miteinander und vermeiden jedes Gespräch über das, was kommt und sein wird. Eines Abends sagt Marie: „Morgen ist unser letzter Tag.“ Es kommt mit vor, als hätten wir einen einzigen, nicht enden wollenden wundervollen Tag zusammen gehabt, nie im Leben können das drei Wochen gewesen sein. Wir schweigen eine Weile und ich spüre, wie sie langsam ihre Hand in meine schiebt.

 

Plötzlicher Zettelfund

 

Als sie durch die Tür geht, durch die sie vor 19 Tagen gekommen ist, wieder mit dem Gitarrenkoffer in der Hand, kann ich mir einen Moment nicht vorstellen, dass sie jetzt geht. Dass wir nur ein kurzes gemeinsames Experiment zusammen erlebt haben. Wir umarmen uns, küssen uns nicht und sie geht. Wieder regnet es, wieder sind ihre Haare gelockt.

Wir schreiben, sehen uns. Gehen gemeinsam auf Partys. Aber es ist völlig undenkbar, dass wir zusammen kommen oder dass wir das Sexuelle mit ins Leben ohne Ausnahmezustand nehmen. Wir sprechen nicht einmal darüber, sondern sind einfach wieder beste Freunde. Marie und ich. Ich und Marie. Unseren gemeinsamem Freunden haben wir nie davon erzählt, es ist wie etwas Kostbares, das uns gehört. Erst zwei Monate später finde ich in meinem Kulturbeutel, den ich nur auf Reisen benutze, einen Kassenzettel von einem gemeinsamen Einkauf. Darauf steht: „Wir könnten es versuchen.“

 

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Bildquelle: Scott Webb via CCO Lizenz