Aus vertraut mach‘ fremd: Fisheye-Fotografie mal anders

Johannes Hauser Bilder Fotografie Fischauge Europa nach oben künstler die wir lieben

Manchmal laufen wir in unserem Alltag wie mit Scheuklappen durch die Gegend. Wir sehen zwar die Gebäude um uns, aber die Schönheit bleibt uns verborgen. Der Fotograf Johannes Hauser schafft es allerdings, dem allzu Bekannten neues Leben einzuhauchen. Im Rahmen seines Projekts „nach oben“ fotografiert er Gebäude und Plätze mit einem Fisheye-Objektiv. Es entstehen runde Bilder bekannter Orte, die gleichzeitig vertraut und fremd wirken. Wir haben den Fotografen zu seiner Serie interviewt:

 

ZEITjUNG: Was machst du neben der Fotografie noch so und wie kamst du zur Fotografie?

Johannes Hauser: Ich arbeite als Redakteur und Pressefotograf beim DONAUKURIER in Ingolstadt. Während meines Studiums habe ich unter anderem als Sportfotograf für die Zeitung gejobbt. Neben der journalistischen Fotografie habe ich aber immer auch „künstlerische“ Projekte verfolgt, Ausstellungen gemacht und so weiter.

 

Was war die Inspiration hinter deiner Fotoserie? Wie kamst du auf die Idee, ein Fisheye-Objektiv zu wählen?

Bei der künstlerischen Fotografie reizt es mich, wenn die Bilder ins Abstrakte gehen, ohne dass sie digital verändert sind. Die Idee zu der Serie „nach oben“ kam mir beim Herumspielen mit dem Fisheye-Objektiv. In der Extremeinstellung (8 Millimeter) ermöglicht es einen ungewöhnlichen Blick auf die Welt und das wollte ich zeigen. Mir macht es Spaß, dass die Methode eine neue Sichtweise auf bekannte Orte anbietet. Ich habe zum Beispiel mal einen Ausstellungsraum fotografiert und das Foto in die Ausstellung gehängt. Manch einer hat den Raum nicht erkannt, obwohl er gerade selber mittendrin stand.

 

Was macht ein gutes Foto für dich aus?

Das ist keine leichte Frage. Wahrscheinlich ist ein gutes Foto eines, das aus der Bilderflut, der wir täglich im Internet oder sonst wo ausgesetzt sind, heraussticht. Ein Foto, auf das man einen zweiten Blick wirft, weil es irgendetwas hat, das einen kurz innehalten lässt. Wenn man bei diesem zweiten Blick dann noch etwas Besonderes entdecken kann, dann ist es ein gutes Foto. Schön ist es auch, wenn das Bild – zumindest bei der künstlerischen Fotografie – eine Metaebene hat, eine neue Perspektive anbietet und einen auf neue Gedanken bringt.

 

Was glaubst du, was war das überzeugende Argument, dich im Plenarsaal des Bundestages arbeiten zu lassen?

Die Erlaubnis, das Foto zu machen, habe ich von der Bundestagsverwaltung, genauer dem Kunstbeirat des Deutschen Bundestages, erhalten. Nachdem ich die Bilder gemacht hatte, hat der Bundestag drei davon für seine Kunstsammlung gekauft. Norbert Lammert hat bei der Vorstellung der Bilder eine Laudatio gehalten und dabei gesagt, die Entscheidung auf mich sei gefallen, weil einem die Bilder „gleichzeitig vertraut und fremd“ vorkommen. Lammert hat gesagt: „Genau das ist es, was wir von einer ästhetischen Auseinandersetzung mit Politik erwarten: Dass nicht nur schlicht dupliziert wird, was wir ohnehin kennen, sondern dass anders auf etwas geschaut wird, das wir zu kennen glauben, das aber immer wieder fremd, anders dargestellt wird.“

 

Kannst du uns etwas zum Prozess verraten? Wie gehst du vor und wie viel Arbeit steckt in so einem Foto?

Die Bilder entstehen relativ schnell. Sie sind ja nicht digital verändert, der Kreis-Effekt ergibt sich rein optisch durch das Objektiv. Es ist also nur ein einziges Foto, das so aus der Kamera kommt. Ich passe lediglich Farbe und Helligkeiten etwas an. Beim Fotografieren arbeite ich ohne zusätzliches Licht. Es geht mir darum, dem Eindruck, den ein Besucher in dem Raum hat, möglichst nahezukommen. Wo es geht, liegt die Kamera auf dem Boden und ist senkrecht nach oben gerichtet. Dann starte ich den Selbstauslöser und verstecke mich. Das gelingt nicht immer, weswegen man mich auf einigen der Bilder auch sehen kann. Zum Beispiel wollte ich die Kamera in Macau nicht einfach nur auf dem Boden liegen lassen und verschwinden. Deswegen bin ich da relativ prominent im Bild.

Hin und wieder ist es schwer, genau die Mitte eines Raumes zu finden, da ist dann etwas Probieren angesagt. Manchmal ist es aber auch ganz leicht. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass in gotischen Kathedralen genau in der Mitte oft ein Metallstift im Boden das Zentrum markiert. Auch unter dem Eiffelturm gibt es einen kleinen Knopf genau unter der Spitze. In der Allianz Arena war es ebenfalls nicht sonderlich schwer, das Zentrum zu finden: Es war natürlich der Anstoßpunkt. Meine Kamera lag für die Aufnahme genau drauf.

 

Nach zwei halbherzigen Semestern an der Uni war ich durch mit dem Thema Sozialwissenschaften. Die gute alte „Selbstfindung“ musste auch von mir in Angriff genommen werden. Vier Monate Arbeitsleben pur in Österreich und nochmal vier Monate Reisen in Südostasien später, fand ich meine tiefe Liebe für das Schreiben. Und sonst so? Ich bin auch noch unfassbar gut darin, teure Dinge zu verlieren, gerate oft unnötigerweise in Zeitnot und bin ein Profi im Analysieren. Wenn ich euch nicht gerade mit meinen Artikeln beglücke, bin ich in den Bergen, fange neue Perspektiven ein, reise durch die Welt oder verhelfe anderen Menschen zu ihren Reisen in ferne Länder. Oder aber ich tänzle mit einem verdammt guten Glas Rotwein durch die Küche, den Duft eines weltklasse Risottos in der Nase. Alles, bloß keine Monotonie.