Cancel Culture – Was steckt dahinter?

Im Juni trendete auf Twitter der Hashtag „#canceljkrowling“, danach war die sogenannte „Cancel Culture“ wieder in aller Munde. Dabei wird eine Person öffentlich und systematisch boykottiert. Das geschieht jedoch nicht ohne Grund. Die gecancelten Personen haben meist diskriminierende oder beleidigende Aussagen getätigt. Das Canceln einer Person soll also nicht nur die Person an sich treffen, sondern vor allem die wiedergegeben Ansicht quasi aus der Öffentlichkeit radieren. 

Laut eines Online-Wörterbuchs hat sich der Begriff bereits in den 90ern entwickelt. Mitte der 2010er Jahre tauchte der Begriff „canceln“ dann vor allem auf Black-Twitter auf. Dort machten BiPoC auf Rassismus und Diskriminierungen aufmerksam. So wurde zum Beispiel Ed Sheeran vorläufig gecancelt, als er die Kritik von Künstlerin Nicki Minaj an der teilweise rassistischen Musikindustrie „redundant“ genannt haben soll. Falls ihr euch fragt, warum denn der britische Musiker gar nicht gecancelt wurde – dazu später mehr.

Dieses Jahr traf es also Joanne K. Rowling, die erfolgreiche Autorin und Erschafferin des Harry Potter-Universums. Sie hatte sich mit ihren Büchern in viele Herzen geschrieben, doch mit transfeindlichen Aussagen brach sie diese reihenweise. Im Juni brachte sie dann das Fass zum Überlaufen. Auf Twitter schrieb sie, dass Transfrauen keine richtigen Frauen sind. Daraufhin trendete relativ schnell der Hashtag „#canceljkrowling“. 

Kritik gegen Cancel Culture

Generell sollte man ja meinen, dass es eine gute Sache ist, diskriminierende Aussagen in der Öffentlichkeit zu „canceln“. Doch es gibt Kritik, sowohl von den gecancelten Personen selbst, als auch von anderen Unterstützer*innen. Anfang Juli veröffentliche das Magazin ‚Harper’s Magazine‘ einen offenen Brief, der sich gegen das öffentliche Bloßstellen richtete. 150 bekannte Persönlichkeiten haben diesen Brief unterzeichnet, um sich gegen die Cancel Culture zu wehren. Auch Joanne K. Rowling war dabei, das sorgte vor allem auf TikTok für Spott.

@simp_for_jemcarstairs

JK Rowling really thought she did something….and btw we stan Dylan ##jkrowling ##canceljkrowling ##dylanobrien ##harrypotter

♬ original sound – timmychalametsbuttlice

Den Unterzeichner*innen im Brief ging es darum, dass das Canceln Überhand nehmen würde und so freie Debatten nicht mehr möglich sind. Die sehen ihre Meinungsfreiheit in Gefahr. Viele gecancelte Personen begeben sich deshalb nun in eine Opfer-Position. Nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass ein Shitstorm auf allen sozialen Plattformen natürlich auch eine psychische Belastung ist.  

Meinung oder Diskriminierung?

Doch in wie weit sollten Menschen überhaupt das Recht haben, diskriminierende Meinungen zu verbreiten? Schon länger wird über die verschobene Grenze des „Sagbaren“ diskutiert. Das war auch der Grund des ehemaligen amerikanischen Arbeitsministers Robert Reich, den Brief von Harper’s Magazine nicht zu unterzeichnen:

Natürlich sollte man vorsichtig mit der Cancel Culture umgehen, es will schließlich niemand, dass die Meinungsfreiheit bedroht wird. Doch in wie weit wir diskriminierenden und beleidigenden Aussagen einen Platz bieten müssen, unter dem Deckmantel einer ausgewogenen Diskussion, ist wohl mehr als fragwürdig.

Auch die Cancel Culture sollte differenzieren

Kommen wir zurück zu dem Cancel-Versuch von Ed Sheeran. Tatsächlich war es nur ein Missverständnis gewesen, denn seine Kritik hatte sich überhaupt nicht gegen den Rassismusvorwurf gerichtet. Dennoch entschuldigte er sich dafür. Einer von vielen Fällen, in denen die Cancel Culture einen überstürzten Sprung nach vorne gemacht hat. Daher sollte man aufpassen, dass nicht plötzlich die Falschen auf der Cancel-Liste landen.

Mittlerweile können wir mit Hilfe der sozialen Medien einen großen Druck auf Menschen und Unternehmen ausüben. Und das ist auch gut so, denn lange lag diese Macht bei Anderen. Nun fällt es uns leichter denn je Menschen zu hören, deren Stimmen viel zu lange stummgeschaltet wurden. Denn ja, endlich haben die Diskriminierten selbst so laute Stimme, dass sie sich auch gegen bekannte Persönlichkeiten durchsetzen könn(t)en.

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Bildquellen: Pexels; CCO-Lizenz

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