Chronische Depression: Ist Cannabis die Lösung?
ZEITjUNG: Seit der Reklassifizierung von Cannabis als verschreibungspflichtiges Medikament, nicht mehr als Betäubungsmittel, gibt es neue Möglichkeiten für die Therapie. Wie sehen Sie die Rolle von medizinischem Cannabis in der Behandlung chronischer Depressionen, und welche Kriterien sollten erfüllt sein, bevor es verschrieben wird?
Dr. med. Julian Wichmann: Seit April gilt medizinisches Cannabis nicht mehr als Betäubungsmittel, sondern wie auch höherdosiertes Ibuprofen, Antibiotika, oder Antidepressiva nur noch als verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Dies bedeutet einen Meilenstein für die Therapie mit medizinischem Cannabis, denn künftig dürfen Ärztinnen und Ärzte auch für Indikationen wie Angststörungen oder Depressionen häufiger medizinisches Cannabis einsetzen.
Und das zurecht, denn medizinisches Cannabis hat sich als effektive alternative Behandlungsmöglichkeit bei Depressionen und Angststörungen in der Medizin erwiesen und gewinnt zunehmend an Bedeutung, wie auch eine jüngste Studie belegt: Ein Forscherteam mit renommierten Ärzten, Psychiatern sowie Wissenschaftlern der LVR-Universitätsklinik Essen hat, basierend auf Daten von Algea Care, herausgefunden, dass Patient*innen mit chronischer Depression, die erfolglos medikamentös behandelt wurden, während einer Therapie mit medizinischem Cannabis signifikante Verbesserungen zeigten, ohne schwere Nebenwirkungen zu erleiden.
Da die Ursachen und der Verlauf einer Depression sehr individuell sind, wird auch die Cannabis-Therapie auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt. In der Regel entscheiden die mit uns kooperierenden Ärztinnen und Ärzte nach dem Ausfüllen des Fragebogens über unsere Website oder App, ob eine Cannabis-Therapie in Frage kommt. Grundsätzlich wird medizinisches Cannabis bei chronischen Erkrankungen eingesetzt. Bei Depressionen sollte also zumindest ein Therapieversuch mit einem Antidepressivum erfolgt sein.
Es ist wichtig zu betonen, dass Menschen mit chronischen Depressionen sich dennoch zunächst neben Freund*innen und Familienangehörigen auch ihrem Hausarzt oder Hausärztin anvertrauen – und im Idealfall eine Psychotherapie in Betracht ziehen sollten. Medizinisches Cannabis kann zwar in vielen Fällen ohne schwere Nebenwirkungen helfen, ist aber kein Allheilmittel. Meistens ist eine Kombination aus Selbsthilfestrategien, Gesprächstherapie und dem Einsatz von Medikamenten im Behandlungsplan am wirksamsten. Haben typische Antidepressiva jedoch nicht ausreichend Symptome gelindert oder zu belastenden Nebenwirkungen geführt, sollte man zumindest einen Therapieversuch mit medizinischem Cannabis einmal in Erwägung ziehen.