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„Das ist schleichender Selbstmord“: Im Gespräch mit Suchtkranken

Alkohol wird in unserer Gesellschaft extrem verharmlost. Unsere Autorin hat Suchtkranken zugehört, für die dieser Umstand besonders schwer zu ertragen ist.

„Was lachst du denn so?“, reißt mich die Stimme des Gruppenleiters Andreas aus meinen Gedanken. Bevor ich mir eine Antwort überlegen kann, lächelt die Frau neben mir eher traurig und meint: „Sie kann noch lachen, im Gegensatz zu uns.“ Etwas beschämt über meine eigene Unbedarftheit, bin ich gleichzeitig überrascht, wie schnell ich aufgeflogen bin. Jemand mit meinem Auftreten kann offensichtlich nicht suchtkrank sein. Warum? Um das herauszufinden werde ich zwei Samstage lang Mitglied einer Selbsthilfegruppe.

 

Alltagskämpfer gegen das Verlangen

 

„Schön, dass ihr wieder alle da seid. Gibt es bei jemandem etwas Neues, hatte jemand einen Rückfall?“ Michael, der andere Gruppenleiter, eröffnet die Runde. Es gibt keine Meldungen, also hat wohl jeder Anwesende eine weitere „trockene Woche“ hinter sich. Ich nehme diese Information beiläufig hin. Erst nach dem Eintauchen in die Schicksale der Menschen wird mir bewusst sein, dass diese Tatsache für die Betroffenen jedes Mal ein Erfolg ist. Michael hat eine 21-Jährige Tochter und ein Alkoholproblem. Seine Ehe ist an seiner Sucht zerbrochen, es folgte der berufsbegleitende Entzug, heute leitet der Alleinstehende ehrenamtlich die Selbsthilfegruppe und findet keine neue Partnerin an seiner Seite. „Du glaubst gar nicht, wie schnell die weg sind, wenn ich sage, dass ich trocken bin.“ Als Nächster ist Andreas an der Reihe. Andreas ist 48 Jahre alt. Angefangen hat es mit einer Leidenschaft fürs Feiern. „Was soll ich sagen? Es war einfach geil“, beschreibt er auch heute noch die ausgelassenen Partynächte von damals. Weniger geil ist, wie sich seine Geschichte weitergesponnen hat. Andreas säuft, ist aber schon nach einiger Zeit polytox unterwegs: Koks, Ecstasy, Heroin. Er wird durch seinen Konsum zum Spiegeltrinker. Spiegeltrinker brauchen einen bestimmten Pegel, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen. „Das sind meistens um die 1,5 Promille.“ Andreas steht in einem Zustand auf, der für andere bereits lebensgefährlich wäre. Eines Tages stellt er seinen Pegel falsch ein und geht ahnungslos zur Arbeit. Dort kippt er um, erleidet einen Krampfanfall und beißt sich seine Zunge durch. Ändern wird er trotzdem nichts. Als Andreas Mutter stirbt, zieht es ihm komplett den Boden unter den Füßen weg. An die Monate nach ihrem Tod kann er sich bis heute nicht erinnern. Halluzinationen plagen ihn, er sieht überall Ratten und Hummer. Als er während dieser Zeit ins Krankenhaus kommt ist er so am Ende, dass er das Laufen neu lernen muss – mit dem Rollator. Dort beschließt er, nach einem knappen Jahrhundert Leben, dass es das gewesen sein muss. Andreas ist 48 Jahre alt. Er lebt heute von seiner Erwerbsunfähigkeitsrente, ist fast erblindet und zuckerkrank.

 

Die Sucht hat ihr die Tochter genommen

 

„Ich bin der Walter, 57, trockener Alkoholiker. Ich war Lkw-Fahrer, habe dreimal meinen Führerschein und Frau und Kind verloren. Ich habe mir meine komplette Existenz versoffen, dann wollte ich mich umbringen. Es hat alles nichts mehr getaugt.“

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Walter ist ein Biker, wie er im Buche steht. Lederjacke, zahlreiche goldene Ringe am Ohr, Glatze und ein hitziges Temperament. Dass das Trinken so verharmlost wird, macht ihn richtig wütend. Seine Eltern hatten ein Gasthaus, der Alkohol war ein ständiger Begleiter. „Ich wusste jahrelang gar nicht, dass es neben Bier überhaupt andere Getränke gibt“. Bitteres Lachen – auch von den restlichen Suchtkranken. Anna teilt eine ähnliche Vergangenheit und hat die Sucht von ihren beiden schrecklichsten Seiten kennengelernt. Ihr Vater war Brauer, beide Eltern hatten ein Alkoholproblem. Anna rutscht so bereits in Kindesjahren in die Co-Abhängigkeit. Co-Abhängigkeit bezeichnet das Leiden der Angehörigen unter dem Problem der Betroffenen. Eines Tages ist die Mutter wieder so besoffen, dass Anna einen Entschluss fasst. Sie sammelt alle Flaschen im Haus ein, schraubt die Deckel ab und lässt das Gift erleichtert in den Abfluss laufen. „Da war Polen offen, weil der Stoff weg war, den sie so dringend gebraucht hat“, erinnert sich die Tochter, ihre Hände mimen beim Wort Stoff den gierigen Griff nach der Pulle. Erst jetzt, wo Anna selbst die Alkoholsucht überstanden hat, kann sie die unbändige Wut ihrer Mutter nachvollziehen. Hinten in der Ecke sitzt Beate, eine ältere Frau, schätzungsweise 70 Jahre alt. Die dünnen blonden Haare hängen ihr locker über die Schultern, sie hat bisher überhaupt nichts erzählt. Sie scheint aber eine Art Mutterrolle der Gruppe zu übernehmen, alle schauen liebevoll zu ihr auf. Was dann ihre dünnen Lippen verlässt, rechtfertigt jegliche Zurückhaltung innerhalb der letzten Stunde. „Ich konnte es nicht verstehen, weil ich selbst nie getrunken habe. Aber meine Tochter hat es nicht geschafft…Sie ist daran gestorben.“ Tränen sammeln sich in Beates Augen und für einen Moment ist es mucksmäuschenstill, obwohl alle außer mir ihre Geschichte bereits kennen. „Aber ich bin einfach nur froh, dass ihr heute alle hier seid und dass ihr es geschafft habt“, bringt sie mit Mühen hervor und ich schlucke einen großen Kloß. Jetzt verstehe ich, warum ich den anderen mit Übertreten der Türschwelle vermittelt habe, dass ich nicht mitreden kann.

 

Neue Drogen und Sucht 2.0

 

Das macht mir Walter während unseres Gesprächs auch immer wieder klar. Auch er ist mittlerweile seit 10 Jahren Suchthelfer, besucht die Kliniken und sieht dort viele junge Menschen wie mich. „Wir haben früher gesoffen, aber mittlerweile nehmen die alle möglichen Tabletten, Meth, Crystal, Badesalz und es kommen jeden Tag neue Sachen mit dazu“, platzt es aus ihm heraus. Die unkontrollierbare Masse an illegalen Drogen sei ein riesiges Problem. Der Entzug dauert deutlich länger als beim Alkohol und natürlich kommt auch noch die Beschaffungskriminalität hinzu. Deshalb sind in der Selbsthilfeeinrichtung oft junge Betroffene, denen das Gericht „Therapie statt Haft“ verordnet hat. Bleiben tun die wenigsten. „Das Bewusstsein ist in jungen Jahren nicht da, es gibt wenig Einsicht“, erklärt Michael. „Einmal kam ein 25-Jähriger Kerl, der hatte eine Frau und ein Kind, das zweite war unterwegs. Er meinte, dass er die Therapie schnellstmöglich durchziehen möchte, damit er weitermachen kann wie bisher.“ Momente, in denen die Ehrenamtlichen an ihre Grenzen stoßen und akzeptieren müssen, dass Hilfe ohne Eigeninitiative nicht möglich ist. Michael rät mir, dass wir Bekannte, bei denen wir ein Suchtproblem vermuten, darauf ansprechen sollten. „Es gibt unzählige Selbsthilfeeinrichtungen. Man sollte alle ausprobieren und dann die Beste für sich selbst aussuchen.“

 

*Namen von der Redaktion geändert

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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