Durchgesuchtet: „Das letzte Wort“

Frau mit Urne

Wir Menschen sind wahre Meister der Verdrängung. Geht es um unsere eigene Vergänglichkeit, gelingt uns das ganz besonders gut. Doch wir schreiben das Jahr 2020. Noch nie wurden uns die Themen Tod und Sterben gnadenloser vor den Latz geknallt. Die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff, über 1,3 Millionen Menschen sind bereits an der Viruserkrankung verstorben. Etwas weniger gnadenlos, sondern sehr ehrlich und feinfühlig, erinnert auch die neueste deutsche Netflix-Produktion „Das letzte Wort“ daran, dass wir irgendwann einmal nicht mehr hier sein werden – und macht ihren Job sehr gut.

Sterben, das tun die anderen

„Ich weiß, dass du an deinen Socken riechst und beim Scheißen die Brigitte liest. Das alles weiß ich über dich und gerade darum lieb‘ ich dich.“ Anke Engelke tanzt in der Rolle von Karla Fazius singend durch die Wohnung – sie und ihr Mann feiern mit Freunden und Familie ihre Silberhochzeit. Kurz darauf ist die Party vorbei, alle Gäste sind weg. Und Karla versucht, wie früher, ihren Stephan zu verführen. Halbnackt ruft sie ihren Göttergatten ins Bett und der? Sitzt tot am Küchentisch. Von einer Sekunde auf die andere wird aus der glücklich verheirateten Ehefrau eine alleinerziehende Mama zweier Kinder. Als der fast insolvente Bestatter für Stephans Beerdigung schließlich keinen Trauerredner finden kann, ist der tragisch-komische Anfang der Serie perfekt. Karla beschließt kurzerhand, selbst zu sprechen und schlüpft unverhofft in die Rolle ihres Lebens. Das Ganze überzeugt alle anwesenden Trauergäste, die Rotz und Wasser heulen. Denn Karla Fazius pfeift auf die unausgesprochenen Regeln einer Beerdigung. Da ist keine Zurückhaltung, keine Stille, da ist markerschütterndes Schluchzen und pure Ehrlichkeit. Und offensichtlich eine Berufung, denn Karla entscheidet sich anschließend spontan, Trauerrednerin zu werden. Denn ganz ehrlich, wo haben Emotionen Platz, wenn nicht dann, wenn wir einen geliebten Menschen von dieser Welt verabschieden? „Das letzte Wort“ führt vor Augen, wie unglaublich verklemmt wir uns beim Sterben anstellen, wie sehr wir uns vom Tod entfremdet haben.

Seltener Anblick: Lachende Trauergemeinde
Seltener Anblick: Lachende Trauergemeinde

Beim Trauern darf gelacht werden

Eine Blaskapelle, die ohrenbetäubend fröhliche Tanzmusik spielt, während der mit bunten Sommerblumen geschmückte Sarg zum Grab getragen wird? Menschen, die auf dem Friedhof laut lachend hinausschreien, was sie an der Verstorbenen so geliebt haben? Eine Urne, die zur Hymne des 1. FC Union Berlin in die Erde gelassen wird? Und wirklich überhaupt kein einziger Trauergast in schwarzer Kleidung? Das alles erscheint auf den ersten Blick seltsam befremdlich, fast möchte man den Menschen in der Serie zurufen: „Reißt euch mal zusammen, wo bleibt euer Anstand, wo ist die Pietät?“ Doch schon im nächsten Moment erinnert man sich daran, wie es war, die ersten lieben Menschen im Leben gehen lassen zu müssen. Und wie tröstlich, sich gemeinsam beim gemeinsamen Bierchen an Opa zu erinnern, weil er es genau so gewollt hätte. Und wie dieses stumpfe Schweigen am Friedhof so gar nicht seinem Leben entsprochen hat. Seit vielen Jahrzehnten sind wir aufgrund von irgendwelchen seltsamen Regeln penibel darauf bedacht, bei Beerdigungen bloß nicht zu menschlich zu werden. Warum das so ist, kann doch kein Mensch erklären. Warum halten wir das Leben so strikt aus dem Sterben raus? Anke Engelke kommt in „Das perfekte Wort“ mit genau diesen Fragen um die Ecke und zeigt, welche Energie entstehen kann, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht – auch und gerade nochmal bei seinem letzten großen Auftritt auf der Welt. Die Netflix-Serie nimmt ihre Zuschauer*innen vorsichtig an die Hand und zeigt, wie Beerdigungen auch sein können. Und warum wir keine Angst davor haben müssen, ein letztes Mal „Tschüss“ zu sagen.

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!
Bildquellen: Netflix

Seit meiner aus jugendlichem Leichtsinn absolvierten Banklehre bin ich auf der stetigen Suche nach einem vom Spießertum befreiten Leben. Im Moment volontiere ich an der Katholischen Journalistenschule ifp und habe damit endlich die Lösung für mein stark ausgeprägtes Kommunikations- und Mitteilungsbedürfnis gefunden. Meinem verschriftlichten losen Mundwerk könnt ihr über diesen Link folgen!