Können Sachsen sexy sein? Über die Attraktivität von Dialekten

Dialekt Sexy Sprache

Von Stefanie Witterauf

Da saß er. Mein Traummann. Versunken in einen Roman sitzt er am Fensterplatz des ICE nach Düsseldorf. Viel zu spät aufgestanden, hat es leider nur für einen unordentlichen Pferdeschwanz bei mir gereicht und nicht eine tolle Föhnfrisur. Dafür für Frida Kahlo Augenbrauen, weil ich sie mir im Halbdunkeln viel zu stark nachgefahren habe.

Egal! Die Chance muss ich nutzen, ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und strahle meinen künftigen Lover an. Er schaut kurz hoch, lächelt zurück. Die nächste halbe Stunde versuche ich auf mich aufmerksam zu machen, damit wir ins Gespräch kommen. Ich huste, esse demonstrativ einen Apfel, weil ich irgendwo gelesen habe, dass das attraktiv wirken soll und gehe bestimmt dreimal zu Toilette. Aber bis auf eine ältere Dame die mir verstehend zuzwinkert, als ob sie die Probleme einer schwachen Blase nachvollziehen könnte passiert nichts. Und dann kommt die Ernüchterung.

 

Kiss kiss, Bäähng bäähng

 

Der Schaffner geht durch die Reihen und kontrolliert die Fahrkarten. Als er bei dem Mann meiner Träume ankommt, blickt dieser hoch und „Guhdn Daach, isch hädde gärne een…“ Ich höre nicht mehr hin. Sofort krampft sich irgendetwas in mir zusammen. Jetzt schaut er mich an und lächelt mir zu. Ich drehe schnell meinen Kopf und starre in eine andere Richtung. „Guhdn Daach“ donnert es durch meinen Kopf und das Schloss aus Zuckerwatte, die Heiratspläne, die Gesichter unserer zukünftigen Kinder – alles zerplatzt mit einem kleinen, sächsischen Puff. 

Die restliche Fahrt mache ich mir Gedanken, wie Dialekt und Attraktivität zusammenhängen. Was mir die Zehennägel hoch rollen lässt, ist für den anderen ein sprachlicher Hochgenuss. Die Yougov-Umfrage hat ergeben, dass es aber vielen Deutschen mit Sächsisch ähnlich geht, wie mir: er ist den meisten Deutschen am wenigsten sympathisch. Nur acht Prozent der Befragten bezeichnen die ostdeutsche Mundart als ihren Lieblings-Dialekt. Damit ist der das Schlusslicht der Liste.

 

Dialekt = dumm?

 

Wer Dialekt spricht, kommt laut der Forschung oft nur mäßig weg. Dialekt wird zwar als nett assoziiert, aber auch mit dumm. Wer hingegen hochdeutsch spricht, wird für gebildet und klug gehalten. Obwohl man mit Dialekt sympathischer eingestuft wird, wird man aber auch gleichzeitig in der gesellschaftlichen Hierarchie weiter unten eingeordnet. „Diese Zuordnung geschieht weitgehend unterbewusst“, meint Peter Auer, Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Freiburg.

 

Moin ist nett

 

Bei der repräsentativen Umfrage von der Internetseite Yougov wurden 1048 Bundesbürger nach ihren sprachlichen Vorlieben und Abneigungen befragt. Jedoch gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Im Osten von Deutschland steht Berlinerisch hoch in der Hitliste der beliebtesten Dialekte. Im Westen ist es besonders Kölsch und Bayerisch. Aber es gibt einen Dialekt der den Geschmack aller Deutschen trifft und das ist: Norddeutsch. Er wird von 29 Prozent als sympathischster Dialekt genannt.

Doch je jünger die Befragten werden, desto weniger wird eine Sprachfärbung als attraktiv gehalten. Mehr als die Hälfte der 14 bis 19-Jährigen finden jegliche Mundart unsexy. Die Online-Partnerbörse FriendScout24 hat den Zusammenhang zwischen Attraktivität und Dialekt mit dem Marktforschungsinstitut GfK genau unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind oft regional geprägt. Reizvoll ist oft das, was daheim gesprochen, geschwätzt, geklönt oder geschwaadet wird. Kann man also überhaupt ein allgemeines Dialekt-Ranking machen?

 

Servus ist sexy

 

Anscheinend schon: Besonders attraktiv sind die Dialekte im Süden. Vorreiter ist Bayrisch mit mehr als einem Viertel der Befragten. Gefolgt von „Weanarisch“ (also der Mundart aus Wien) mit 17,3 Prozent. Vor allem die weiblichen Befragten gaben an, dass es „durchsetzungsfähig und warmherzig“ klingt. Verlierer auch hier Sächsisch. Und auch Hessisch.

 

Warum der Süden

 

Neben Bayerisch und Wienerisch schneidet auch Schwitzer Dütsch in dem Attraktivitätsranking hoch ab. Aber wie kommt es, dass besonders die Dialekte rund um die Alpen für attraktiver gehalten werden? Das liegt zum einen an rein sprachlichen Eigenarten. Während beim Sächsischen und Schwäbischen die Vokale und r-Laute besonders weit hinten im Mund artikuliert werden und so distanziert wirken, ist es beim Bayerischen genau gegenteilig. Besonders offen und direkt wirkt das Klangbild von diesem Dialekt.

Zum anderen kommt es auf die Assoziationen der bestimmten Bevölkerungsgruppe an. Wenn man zum Beispiel nach Dresden ziehen würde, dann würde es nicht lange dauern, dass man sich an den Dialekt gewöhnt hat und wieder anfängt die Leute danach zu differenzieren wie sie wirklich sind und nicht danach welche Sprachfärbung sie haben.

 

Auf den „Sound“ kommt es an

 

Also nicht nur die Mundart beeinflusst bei der Partnerwahl, sondern auch der Klang der Stimme. Je gebildeter der aufmerksame Hörer ist, desto wichtiger ist der wird das Kriterium einer schönen Stimme. Der richtige „Sound“ ist für Frauen (59 Prozent) noch wichtiger als für Männer (51 Prozent). Besonders Sprechberufe haben deswegen auf dem Partnermarkt ein leichteres Spiel. Schauspieler wirken wegen ihrer ausgebildeten Stimme als besonders attraktiv, dicht gefolgt von Sängern.

Autorin: Stefanie Witterauf ist eine junge Journalistin aus München. Sie liebt Kaffee, Neologismen und neue Leute und Geschichten kennenzulernen. Manchmal packt sie die Sehnsucht. Dann schnallt sie sich ihren Rucksack auf den Rücken und reist in den Westen. Oder in den Mittleren und Nahen Osten. Bevor sie dreißig Jahre alt ist, möchte sie alle europäischen Hauptstädte bereist haben.