Der unsichtbare Tod: China zensiert Dokumentation über Smog

Smog in Peking

Es ist ein warmer Frühlingstag im Jahr 2014. Peking flimmert. Wir haben Fahrräder geliehen. Ein Verkehrspolizist zeigt uns mit einer Handbewegung an, dass wir die sechsspurige Hauptstraße nahe des Tian’anmen-Platz nun sicher überqueren können.  Die Sonne brennt auf der Haut und die Luft, die wir einatmen, fühlt sich schwer an. Staubig. Beim Frühstück haben wir online in einem deutschen Nachrichtenportal gelesen, die Feinstaubbelastung sei zurzeit extrem hoch in chinesischen Großstädten. Ein paar Minuten später lässt sich die Seite nicht mehr aufrufen. Vermutlich wurde sie gesperrt.

 

Unter einer Glocke aus Smog und Zensur

 

Mit der Zensur ist das so eine Sache. Was die Regierung Chinas viel mehr fürchtet, als den unsichtbaren Tod in Form von Feinstaubpartikeln, sind – schlichtweg – Fragen. Und Fragen kommen, wenn Websites aufgerufen werden. Wenn Einwohner an Daten geraten, die sie zu kritischen Köpfen machen könnten. Wenn Ausländern Informationen zukommen, die China in ein gewisses Licht rücken. Denn mit den Fragen wächst der Druck auf die Regierung. Und so werden Seiten ganz einfach gesperrt.

Ebendieses Schicksal ereilte nun auch den Dokumentarfilm „Under the Dome“ (unter der Glocke), gedreht von der Journalistin Chai Jing, die früher als Reporterin für Chinas Staatsfernsehen CCTV arbeitete. Der Film beschäftigt sich mit einem ewig währenden Thema in China – dem Smog. Am 28. Februar stellte Chai Jing den Film online.

Die Resonanz ist gewaltig. Die Zugriffszahlen stiegen bald in die Millionen, in nationalen und internationalen Medien wurde er diskutiert, sogar das Parteiorgan Chinas, die „Volkszeitung“ verbreitete den Film über seine Internetseite. Und der neue Umweltminister, Chen Jining, der einen Tag vor der Veröffentlichung sein Amt antrat, lobte öffentlich den Film.

Doch die Regierung bekam es mit der Angst zu tun. Die Resonanz war zu gewaltig. Die Zahl der Fragen und der Druck drohten zu wachsen. Und so wurde der Film kurzerhand entfernt. Die Berichterstattung über die Dokumentation und ihre Macherin sei einzustellen, ließ das Propagandaministerium verlauten.

 

Die Kinder Pekings

 

Die Glocke legt sich oft über Peking. Auch wir spüren sie noch, als wir abends mit dem Taxi in einen Außenbezirk fahren, zu dem es keine U-Bahn-Verbindung gibt. Wir sind eingeladen in ein Künstlerviertel, erbaut von einem der bekanntesten systemkritischen Künstler Chinas. Wir betreten den videobewachten Eingang zum Gelände, vor dem eine Polizeistreife ohne Licht steht.

Den großen Meister bekommen wir nicht zu Gesicht. Wohl aber seine Architekten, Fotografen und Modedesigner.  Wir essen und reden. Sie zeigen uns Ausstellungsräume und erzählen von ihrem Leben. Viel offener, als man es von Menschen erwarten würde, die ständig unter Beobachtung stehen, die ständig mit einer willkürlichen Festnahme rechnen müssen. Sie kritisieren die Regierung und ihr Vorgehen. Die Modernisierung, das Zerstören jeglicher Tradition und die Nebeneffekte der Industrie.

Mir gegenüber sitzt eine junge, zarte Frau mit freundlichen Augen, die uns immerzu über Europa ausfragt. Sie ist Floristin und arbeitet in der Stadt, ihr Mann ist einer der Architekten. Die beiden haben einen drei Monate alten Sohn, der von seinen Großeltern, die ebenfalls mit am Tisch sitzen, hin und her gereicht wird.  „Morgen fliegen wir nach New York für eine Ausstellung von meinem Mann“, erzählt die Floristin aufgeregt in gebrochenem Englisch und nippt an ihrem Wein. Dann wird sie ernster: „Ich will, dass mein Sohn in Europa oder Amerika aufwächst. Hier ist die Luft verschmutzt. Das wird ihn eines Tages krank machen.“

 

„Wird es mir wehtun?“

 

Nicht alle Chinesen haben dieses Bewusstsein. Viele sind sich nicht im Klaren darüber, welche Auswirkungen der Smog auf ihre Gesundheit haben kann. Wie auch, bei zensierten Medien und einseitiger Berichterstattung? Deswegen war „Under the dome“ ein großer Schritt in Richtung Aufklärung und Offenheit. Denn der Film berichtet nicht nur über den Smog, sondern erzählt auch die Geschichte der Reporterin. Sie war in einer ähnlichen Situation wie die Floristin aus Peking. Eine junge, schwangere Frau, die als Reporterin aus Städten berichtete, die aus Smog zu bestehen schienen. Aus Feinstaub. Ihr Kind jedoch kam nicht gesund auf die Welt. Sofort nach der Geburt musste ihm ein Tumor entfernt werden. Noch ehe sie es zum ersten Mal in den Arm nehmen konnte.

Seitdem achtet sie darauf, dass ihre kleine Tochter nur an Tagen raus geht, an denen die Feinstaubbelastung nicht hoch ist. An denen nicht der Smog die Stadt verhängt. „Doch wie viele bleiben da schon übrig?“, fragt sie zu Recht. Im Ergebnis lässt sie ihr Kind fast das halbe Jahr im Haus. Aus Angst vor der fast unsichtbaren Gefahr in den Straßen. „Was ist da draußen? Wird es mir wehtun?“, fragt ihre Tochter manchmal, wenn sie am Fenster steht und raus möchte.

 

Weiße Wolken oder 21 Zigaretten

 

Ein durchschnittlicher Tag Atmen in Chinas Hauptstadt entspricht dem Konsum von 21 Zigaretten. Smog ist nach Schätzung der WHO die vierthäufigste Todesursache in China. Gerade für Alte, Schwangere und Kinder ist das enorm gefährlich. Viele Babys leiden bereits nach wenigen Wochen unter Lungenerkrankungen. Als Chinas ökonomischer Aufstieg begann, waren die Rauchsäulen Zeichen des Fortschritts. Jetzt sind sie Zeichen einer unverantwortbaren Wirtschaftspolitik.

Chai Jing ist der Angst um ihre Tochter auf den Grund gegangen. Ihre Dokumentation erklärt, was der weiße Nebel, der den Himmel verhängt, für Gefahren mit sich bringt. Was er zu bedeuten hat. Ihr Versuch der Aufklärung ist ein wichtiger Schritt. Jetzt ist das Video aus allen chinesischen Medien verschwunden. Ob es dennoch einen Anstoß zur Diskussion gebracht hat, bleibt abzuwarten.

Die Reporterin interviewt ein sechsjähriges Mädchen. Ob sie schon einmal den blauen Himmel gesehen habe, will Chai Jing wissen. Manchmal. Und weiße Wolken? Nein, sagt das Mädchen.

 

Bildquelle:  BriYYZ unter CC BY-SA 2.0 (Schanghai)