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Das Fremdsprachen-Ich: Was Sprache aus uns macht

Neue Sprache, neues Leben? Das zumindest ist die These einer Studie. Aber so einfach ist das nicht. Denn Worte sind wie Pfeile: Gut gezielt treffen sie immer – egal in welcher Sprache.

„I Love You“ – „Je t’aime“ – „Ti Amo“ – „Ich liebe dich“! Und, welche dieser vollkommen gleichbedeutenden Aussagen hat dich am meisten getroffen – mitten ins Herz? Wahrscheinlich, wenn deutsch deine Muttersprache ist, war es das knallharte „Ich liebe dich“. Das zumindest will uns eine Studie weismachen, die davon ausgeht, dass unsere Muttersprache deutlich mehr Emotionen in uns auslöst als jede andere.

Ein Beleg für die These der Studie sitzt direkt neben mir: Mein Sitznachbar in der Redaktion führt seit mehreren Jahren eine Beziehung mit einer Australierin. Er erzählt mir, „I love you“ habe für ihn immer noch nicht dieselbe Bedeutung wie ein Liebesgeständnis auf Deutsch. Für mich ist das doch überraschend, nach seiner Erklärung jedoch einleuchtend: Er spricht von Erziehung, Werten und einer festen Bindung zu einer Sprache, die Deutsch für ihn irgendwie wertvoller machen. Im Gegensatz dazu stößt er im englischen Berufsleben weniger an seine sprachlichen Grenzen als er das macht, wenn er mit deutschen Kollegen zusammen arbeitet. Im Englischen kann er leichter „seine Meinung geigen“, auch mal seinem Chef.

 

Deutsch kommt krasser

 

Wäre unser Körper also eine Zielscheibe und Wörter die Dart-Pfeile, würde das heißen, dass Liebeserklärungen, Beschimpfungen, Lob und Tadel auf Deutsch deutlich öfter ins Schwarze treffen als dieselben Aussagen in einer Fremdsprache. Es wird klar – Deutsch kommt krasser. Was ist schon so ein kleines „Fuck you“ im Gegensatz zu einem harten „Fick dich“. Wir gehören zu einer Generation, die mit mindestens einer Fremdsprache aufgewachsen ist, die wir dann auch noch fließend beherrschen. Die meisten von uns können aber im Lebenslauf neben Englisch auch noch mit Französisch, Spanisch und – wenn’s gut läuft – mit exotischem Schwedisch punkten.

Was macht diese Mehrsprachigkeit aus uns? Eine Generation von weit gereisten Weltbürgern? Das wäre wohl doch zu optimistisch. Klar, wir sind deutlich internationaler geworden und Beziehungen, Freundschaften oder Bekanntschaften über Ländergrenzen sind kein Problem mehr. Aber, wenn wir der Studie Glauben schenken wollen, wären all diese zwischenmenschlichen Kontakte von einer anderen Persönlichkeit geknüpft worden. Denn das Sprechen in einer anderen Sprache lässt uns in eine Rolle schlüpfen. Das warst dann also nicht du, die den süßen Amerikaner in der Bar letztes Wochenende aufgerissen hat, sondern dein Alter-Ego, das fließend Englisch spricht.

 

Fremdsprachen als Entscheidungshilfen?

 

Von mir selbst kann ich sagen, dass ich mich, wenn ich Englisch spreche, anders verhalte und mich, aus welchem Grund auch immer, selbstbewusster fühle. Wahrscheinlich fühle ich mich einfach weniger angreifbar – ein bisschen unverwundbar sogar. Als Studentin der Sprachwissenschaften fällt mir außerdem täglich auf, was für eine Macht die Sprache über uns hat. Ganz frei nach „Kleider machen Leute“ machen wohl auch Wörter uns und unsere Persönlichkeit aus. Wer bist du also auf englisch, französisch, japanisch und zu guter letzt: Wer bist du auf deutsch?

Eine Studie der Association of Psychologial Science besagt, dass wir in einer Fremdsprache rationalere Entscheidung treffen, weil weniger Emotionen im Spiel sind. Finanzielle Entscheidungen könne man in einer Fremdsprache besser treffen, weil sie nicht aus einem Gefühl heraus gefällt werden.

So ganz kann ich da nicht zustimmen: Wir sind auf Reisen und unter den guten alten Hostel-Bekanntschaften deutlich gelöster und irgendwie abenteuerlustiger als zuhause. Es mag an der Urlaubssituation liegen – oder: Es ist die fremde Sprache, die uns über unseren eigenen Horizont blicken lässt. Uns mehr Selbstbewusstsein erlaubt. Denn fernab von Menschen, die uns gut kennen, haben wir die Freiheit, auch die Seiten an uns zu entfalten, die wir bisher gar nicht kannten. Kommen doch stille, graue Mäuschen nach ihrem Auslandsaufenthalt oft als strahlende Party-Queens zurück. Ob das mit der klassischen „Erasmus + Alkohol = Zügellosigkeit“-Formel zu erklären ist, oder vielleicht wirklich auf eine fremde Sprache und die damit verbunden Persönlichkeitsveränderung zurück zu führen ist, sei dahingestellt. Aber mit Rationalität hat das, erfahrungsgemäß, wenig zu tun. Eher damit, dass uns die neue Sprache mehr Mut einflößt.

 

Sprache als Kostüm

 

Claudia Wüstenhagen vergleicht Fremdsprachen in einem Zeit-Wissen Artikel mit einem Kostüm und unser Verhalten, wenn wir eine andere Sprache sprechen, mit Karneval. Ist dann eine Beziehung mit einer Person, die nicht deine Sprache spricht, nichts als ein großes Kostümfest? Erneut frage ich meinen Sitznachbarn. Er erzählt mir, dass besonders im Bereich Humor die englische Sprache doch problematisch sei. Der eine oder andere Wahnsinns-Witz schlage eben kompliziert übersetzt manchmal doch nicht so ein. In der Liebe hingegen seien Gefühle das wichtigere Kommunikationsmittel. Kitschig, aber wahr – verbal hat das „I love you“ nicht denselben Wert – das Gefühl sei aber dasselbe. Und seine Freundin, sagt er, versteht das deutsche Gegenstück mittlerweile auch.

Ich glaube, Sprache ist eine so emotional beladene Sache, dass da wenig Platz ist für eine Studie, Wissenschaft und ausladende Forschungsberichte bleibt. Mit jedem gesprochenem Wort senden wir hunderte von nicht laut ausgesprochene Nachrichten an unser Gegenüber. Egal, ob das in der Muttersprache oder der Fremdsprache geschieht. Also: Studie hin oder her – was wir sagen und wie wir es meinen, bestimmen immer noch wir selbst. Egal, wie gut und wie viele Sprachen wir sprechen: Ein ernst gemeintes „Ich liebe dich“ – egal in welcher Sprache – trifft immer ins Schwarze.

 

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Bildquelle: Ermin Celikovic

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