„Dr. Chatbot hat jetzt deine Krankenakte“ – OpenAIs Gesundheits-KI startet in den USA

Kennst du das? Kurz vor dem Einschlafen tippst du „seit drei Tagen Ziehen im Knie“ in eine Suchmaske und bekommst zwanzig Tabs mit möglichen Diagnosen zwischen Zerrung und seltener Autoimmunerkrankung. Genau diese Lücke will OpenAI jetzt füllen, und zwar nicht mehr nur mit Textantworten, sondern mit Zugriff auf echte Gesundheitsdaten.

Die Krankenakte zieht ins Chatfenster

Seit Ende Juli ist „Health in ChatGPT“ für alle Nutzer*innen in den USA freigeschaltet. Wer will, verknüpft Apple Health und elektronische Patientenakten direkt mit dem Chatbot, der dann Laborwerte einordnet, Medikamentenlisten checkt oder beim Formulieren von Fragen für die nächste Sprechstunde hilft. Die Nachfrage ist entsprechend groß: Mehr als 300 Millionen Menschen stellen ChatGPT inzwischen wöchentlich Gesundheitsfragen, im Januar waren es laut OpenAI noch rund 230 Millionen. In der EU, der Schweiz und Großbritannien bleibt die Funktion vorerst gesperrt, offiziell wegen strengerer Datenschutzvorgaben und weil sie hier möglicherweise als Medizinprodukt eingestuft würde.

Wenn die KI sich zu sicher ist

Genau hier liegt der Haken. Ein aktueller Radiologie-Benchmark namens RadLE 2.0 hat sechzehn KI-Modelle getestet, keines erreichte das Niveau menschlicher Radiolog*innen. Problematischer als die Fehlerquote selbst: Die Modelle lieferten falsche Befunde oft mit derselben Selbstsicherheit wie richtige, statt Unsicherheit zu signalisieren. Für ein Tool, das Millionen Menschen bei echten Gesundheitsentscheidungen begleitet, ist das kein Detail.

Zwei-Klassen-Gesundheit und eine Gesetzeslücke

Dazu kommt: Wer zahlt, bekommt das leistungsfähigere Modell GPT-5.6 Sol, kostenlose Nutzer*innen landen bei GPT-5.5 Instant, das in Gesundheitsbenchmarks schwächer abschneidet. Und sobald deine Akte einmal bei ChatGPT liegt, greift der strenge US-Datenschutzstandard HIPAA nicht mehr, der gilt nämlich nur für Kliniken, Kassen und Praxen, nicht für Konsumenten-KI. Deine Daten unterliegen dann OpenAIs eigenen Nutzungsbedingungen.

Nichts davon macht ChatGPT zu deiner Hausärztin. Aber als Vorbereitung für den nächsten Termin oder um einen unverständlichen Laborbefund grob einzuordnen, kann das Tool durchaus helfen, solange du im Hinterkopf behältst, wie selbstsicher es sich auch im Unrecht präsentiert.

Zum Weiterdenken: Würdest du deine Krankenakte mit einer KI teilen, wenn du dafür schnellere Antworten bekommst, aber auf gesetzlichen Schutz verzichtest?

Foto von Pavel Danilyuk: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-kaffee-technologie-stehen-8439174/