Er hat unsere Kindheit geprägt: Eine Erinnerung an Michael Ende

Ein Kind sitzt bei Sonnenuntergang an einem Baum und liest ein Buch.

Nicht alle kennen alle Kinderbücher, wie auch. Aber fast jede*r von uns kennt Momo, Jim Knopf und Atréju. Ihr Schöpfer Michael Ende hätte dieses Jahr seinen 91. Geburtstag gefeiert. Das gibt uns doch einen Anlass, die Erinnerungen an ein paar wunderbare Kindheitshelden aus der Tasche zu kramen und einen Blick auf den Mann zu werfen, der so viele von uns geprägt hat.

Manchmal braucht es keinen Plan

Nach eigener Aussage hasste er die Schule und die Schule hasste ihn. Er war einer mit schlechten Noten, mit Angst vor dem jeweils nächsten Tag. Nach dem Abitur erhoffte sich Michael Ende eine Karriere als Autor fürs Theater, der große Erfolg blieb aus. Irgendwann in den fünfziger Jahren saß er schließlich an seinem Schreibtisch und schrieb: „Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, war nur sehr klein.“ Lummerland war zwar klein, Endes Phantasie war es nicht. Er begann ohne Idee für einen Plot, ohne Plan. Die Erzählung um die Abenteuer von Lukas, Jim Knopf und der Eisenbahn Emma, von Drachen, Alfons dem Viertel-vor-Zwölften und dem Laden von Frau Waas wurde rund 500 Seiten dick. Zehn Jahre später und aufgeteilt in zwei Bände erschien Michael Endes erstes Kinderbuch. Es wurde ein internationaler Erfolg.

Manchmal braucht es Zeit

Wir leben in einer rastlosen Zeit. Zeit ist Geld. Wir versuchen, Zeit zu sparen, eigentlich fast immer. In Michael Endes Märchenroman gibt es zwei, die versuchen das gar nicht erst. Der eine, weil er es irgendwann verstanden hat. Die andere, weil sie gar nicht erst in diesen Kategorien denkt. Beppo, der Straßenkehrer, und Momo, das kleine Mädchen mit dem Lockenkopf, sind Freunde fürs Leben. Momo wohnt in einem Amphitheater in einer italienischen Kleinstadt. Sie kämmt sich nie die Haare, hat kein Geld und schmutzige Klamotten. Sie interessiert sich nicht für Äußerlichkeiten und spricht mit einer Schildkröte, die nicht antworten kann. Jeder ist ihr willkommen. Denn: Momo hat Zeit. Sie hört zu. Sie bietet den Menschen eine Blaupause in einer sich immer schneller drehenden Welt. Natürlich ist das nicht von allen gerne gesehen. Und so erinnert uns Michael Ende vor allem als Erwachsene daran, wer wir als Kinder nie sein wollten: Anonyme, profitorientierte, austauschbare Schachfiguren, die „grauen Herren“ in einer automatisierten Welt. Denn: „Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. “

Manchmal braucht es eine unendliche Geschichte

Wer wünscht sich nicht eine Geschichte, die niemals endet? Bastian Balthasar Bux zum Beispiel. Denn: Bücher sind ihm eine Flucht, er verliert sich in ihnen, weil seine Realität ihn ausstößt: Er wird gemobbt, seine Mitschüler grenzen ihn aus. So landet er an einem regnerischen Novembermorgen im Antiquariat von Karl Konrad Koriander, der Pfeife raucht und Kinder nicht leiden kann. Der kleine Junge findet ein Buch mit dem Titel „Die unendliche Geschichte“ und läuft damit davon. Bastians Reise nach Phantásien beginnt. Er begegnet Atréju, dem Glücksdrachen Fuchur, der urualten Morla. Gemeinsam müssen sie Phantásien vor dem Untergang bewahren. Denn das Nichts, es zieht Kreise, und es droht das Land zu verschlingen. „Die unendliche Geschichte“ erschien 1979 und wurde Michael Endes letzter und größter Erfolg. Ein Buch, in vierzig Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft, ein Buch, das bis heute ungebrochene Faszination auslöst. Eine Geschichte, die uns daran erinnert, dass wir uns unsere Phantasie bewahren müssen, unsere eigene schöpferische Kraft. Dass wir nicht alles glauben und kritisch hinterfragen sollen – und dass es letztendlich darauf ankommt, mit wachen Augen durch die Welt zu gehen, wie Michael Ende sagt: „Wenn du einmal nachdenkst, dann musst du zugeben, dass alle Geschichten der Welt im Grunde nur aus sechsundzwanzig Buchstaben bestehen. Die Buchstaben sind immer die gleichen, bloß ihre Zusammensetzung wechselt. Aus den Buchstaben werden Wörter gebildet, aus den Wörtern Sätze, aus den Sätzen Kapitel und aus den Kapiteln Geschichten.“

Manchmal braucht es Kindheitshelden

Warum das alles? Weil wir uns viel zu selten an unsere Kindheitshelden erinnern. Weil wir damals nicht erwachsen, bloß nicht wie „die Großen“ werden wollten. Weil uns im Alltag oft die Neugier, die Leichtigkeit, der Mut abhandenkommt. Weil es immer etwas zu entdecken gibt. Weil bei aller Planung dann doch manchmal alles zu viel wird. In „Momo“ sagt Beppo: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten.“ Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“ Und manchmal ist das alles, was es braucht.

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Bildquelle: Unsplash; CCO-Lizenz