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Esskultur: Beef statt Bärchenwurst

Nach dem Veganismus kommt nun der Fleisch-Fetischismus. Über Esskultur-Extreme und unseren verlogenen Umgang mit Fleisch.

Seit einigen Jahren ist die Selbstkasteiung wieder auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt. Wo sich im 14. Jahrhundert die Flagellanten dramatisch ihre sündigen Rücken geißelten, steht nun die urbane Laktose-Mimose am Supermarktregal und überlegt, ob sie ihren Joghurt lieber glutenfrei oder vegan haben möchte. Verzicht ist in. Das Abendessen wird gestrichen, weil das schlank im Schlaf macht, Kohlenhydrate gibt es nur einmal in der Woche und der vegetarische Pastinakenaufstrich schmeckt sowieso viel besser als die grobe Leberwurst.

Doch wie Newton schon wusste, folgt auf jede Aktion eine Reaktion. Und die Reaktion auf die vollvegane Verzichtsgesellschaft ist – ein ausgeprägter Fleisch-Fetischismus. Der Beweis, dass unsere Gesellschaft verlernt hat, Maß zu halten und stattdessen lieber von einem Extrem ins andere fällt, liegt auf unseren Tellern. Beziehungsweise im Zeitschriftenregal. Denn dort stapeln sich nicht mehr nur dümmliche Frauenzeitschriften und pinke Mädchenhefte, sondern auch Fleischmagazine. Wer dabei an bäuerliche Panoramabilder aus der Wurstwarenabteilung denkt, irrt gewaltig; ab jetzt gilt: je tierischer, desto besser. Und deshalb packt das hippe Fleischmagazin BEEF auch einen abgetrennten Schweinekopf über die Titelstory und ein totes Reh mit klaffender Kopfwunde zum Rezepte-Teil. Wie ehrlich muss ein ehrlicher Umgang mit unserem Fleischkonsum sein?

 

Kaninchen häuten leicht gemacht

 

So ehrlich, dass man vor laufenden Kameras einer Gruppe Kinder das Häuten eines Kaninchens überlässt? Denn ja, die Zeiten sind vorbei, in denen wir unseren Bälgern Bärchenwurst serviert und ihnen süße kleine Mini-Würstchen in die Pausenbox gelegt haben. Wenn der Kevin Kaninchen essen will, muss er ihm eben selbst das Fell abziehen – so geschehen 2009 in Sarah Wieners Kniebeißer-Kochshow „Küchenkinder“. Eine sicherlich quotengelenkte Aktion, die aber einen wichtigen Grundsatz propagierte: Wenn du ein Tier essen möchtest, muss es dafür sterben.

Was als provokative Kampagne begann, hat letztendlich zu einem küchenphilosophischen Machtwechsel geführt. Wir wollen unser Fleisch nicht mehr in Nugget-Form, sondern blutig, roh, tierisch. „Heutzutage liegen bei angesagten Fernsehköchen die Filetstückchen nicht mehr sauber im Glasschälchen, das Tier wird vor laufender Kamera zerlegt“, schreibt Karin Janker auf sueddeutsche.de und fügt hinzu: „Die hippen Fernsehköche und das Fleischmagazin, das seine Zielgruppe als „Männer mit Geschmack“ definiert, sind Modeerscheinungen, die uns zurück zum Echten und Ursprünglichen führen wollen.“ Back to the roots ist das Motto, und es könnte verlogener nicht sein.

 

Töten? Mach’s doch selbst!

 

Denn die Zeit der Jäger und Sammler ist lange vorbei – und niemand muss seinem Frühstück noch persönlich den Hals umdrehen. Das ist das Problem. Zwar wird das tote Tier medial bis zum Erbrechen hochstilisiert, das Töten bleibt jedoch weiterhin ein Tabuthema. Kaum jemand hat Zugang zu den rund 5.100 deutschen Schlachthöfen, der Tötungsakt findet vollkommen unbeobachtet statt – ein Vorgang, vor dem viele angeekelt zurückschrecken. Ein Leben beenden? So richtig mit Bolzenschussgerät und Entblutestich? Oder noch schlimmer, mit den eigenen Händen? Pfui, wie unzivilisiert! Das sollen die unterbezahlten Osteuropäer in Niedersachsen erledigen. Unser Schnitzel wollen wir natürlich trotzdem genießen können.

Die Äthetisierung des Steaks, der blutige Fleisch-Fetischismus, ist daher recht einfach zu erklären. Es ist eine Art Trotzreaktion auf die Veganismus-Bewegung, die immer weiter um sich greift und Fleischesser mal mehr, mal weniger militant verurteilt. Rund zehn Prozent der Deutschen essen kein Fleisch, etwa eine Million verzichtet zudem auf tierische Produkte und lebt vegan, stellt der VEBU fest. Ob nun aus gesundheitlichen oder moralischen Gründen – in gewissen Kreisen ist es mittlerweile verpönt, sich jeden Tag die obligatorische Leberkässemmel in die Futterluke zu werfen. Das können viele Allesfresser nicht verstehen und reagieren mit der pseudonatürlichen Inszenierung ihres Essens: Schaut nur, ich hab nicht einfach ein Suppenhuhn vom Aldi gekauft, sondern mir extra die Mühe gemacht, es selbst zu rupfen und auszunehmen! Jetzt habe ich aber das Recht, mein Abendessen auch zu genießen, ihr streitsüchtigen Scheiß-Veganer!

 

Wer essen will, muss den Schrecken aushalten

 

Die Wahrheit ist: der deutsche Großstadthipster mit „Ich kaufe Fleisch nur vom Biobauern“-Attitüde schert sich herzlich wenig darum, unter welchen Bedingungen das Rind auf seinem Teller aufgezogen und getötet wurde. Es ist ihm meistens sogar egal, ob das, was als Rind etikettiert wurde, auch mal ein Rind war. Es geht ihm wieder einmal nur um die persönliche Profilierung – wie schon unlängst beim Glutenfrei-Trend. Er will allen anderen beweisen, dass er nicht zu der Sorte Mensch gehört, die ihren wurschtigen Brotbelag für 99 Cent im Angebot bei Lidl kaufen. Nein, er ist anders. Er weiß das Tier zu schätzen. Er darf sein Fleisch genießen.

Es ist jedem selbst überlassen, der Fleisches-Lust aus hedonistischen Gründen zu frönen. Schmeckt ja auch gut. Aber die Doppelmoral, die dieses Thema umschwirrt, ist unerträglich. Gebt doch bitte, bitte endlich zu, dass es euch egal ist, dass die Chicken Nuggets auf eurem Teller früher mal lebende Hühner waren. Gebt doch zu, dass euch das Ableben irgendeines Rindes in irgendeinem Schlachthof irgendwo in der deutschen Wallachei derbe am Arsch vorbei geht. Gebt doch zu, dass ihr einfach andere Prioritäten im Leben habt, als dauernd darüber nachzudenken, was nun in dieser Discounter-Salami drin ist. Das macht euch zu besseren, ehrlicheren Menschen als denjenigen, die laut über Tierwohl und Natürlichkeit schwadronieren und sich später doch heimlich ihr fertig mariniertes Nackensteak für 1,99 Euro in die Pfanne hauen.

 

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Bildquelle: Marius Boatca unter CC BY-SA 2.0

 

 

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