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Würdest du einen Flüchtling in deiner WG aufnehmen?

Die Unterbringung der Flüchtlinge in Deutschland ist eine Odyssee. Leider. Das Projekt „Flüchtlinge Willkommen“ zeigt, wie es wirklich funktionieren kann.

Junge Leute, die coole Sachen machen: Nicht lange warten, einfach loslegen. Wir stellen euch in diesem Format junge Leute vor, die wir bewundern, weil sie sich einfach getraut haben, einen Traum in die Tat umzusetzen. Sie zeigen uns, warum sich das lohnt. Den Auftakt machen Mareike, Jonas und Golde von der Non-Profit-Organisation „Flüchtlinge Willkommen“. Eins, zwei drei, los!

Es ist ein leidiges Thema. Die Frage nach der Unterbringung der Flüchtlinge in Deutschland erzeugt viele unterschiedliche Meinungen und meistens leider auch viele Probleme. Die Politik scheint schrecklich überfordert, angesichts der großen Flüchtlingszahlen. Und gleichzeitig kommt das Gefühl auf, dass man Hilflosigkeit und Überforderung seitens der Politik auch ein wenig provoziert. Wieso bereitet uns die Aufnahme und Unterbringung der Flüchtlinge so viele Sorgen und warum findet die Angst vor dem Fremden hier in Deutschland so viel Raum? Mareike Geiling hat sich zusammen mit Jonas Kakoschke und Golde Ebding genau diese Fragen gestellt und die Non-Profit-Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ gegründet, um eine andere Willkommenskultur zu etablieren.

 

Flüchtlinge Willkommen

 

Seit dem 18. November 2014 gibt es nun schon die Non-Profit-Organisation „Flüchtlinge Willkommen“. Auf der gleichnamigen Website werden Menschen mit Wohnraum mit Flüchtlingen zusammengebracht, die ein neues Zuhause außerhalb der Flüchtlingswohnheime suchen. Das Prinzip ist simpel: Wenn du an einem Zusammenleben mit einem Flüchtling interessiert bist, registrierst du dich unverbindlich auf der Homepage und kommst so mit den Initiatoren in Kontakt, die dich mit einem Geflüchteten vermitteln. Mareike und Jonas haben sich schon länger an der Unterbringung in Flüchtlingsheimen gestört und überlegt, was sie denn tun können, um die Willkommenskultur in Deutschland zu ändern, erzählt Mareike gegenüber ZEITjUNG.de.

„Der direkte Auslöser war mein Umzug nach Kairo“, erklärt sie weiter. Somit war ein Zimmer in der gemeinsamen Wohnung mit Jonas frei und die Idee einen Flüchtling darin wohnen zu lassen, kam ins Rollen. Inzwischen ist ihr Konzept ein voller Erfolg. Seit November 2014 haben die beiden schon 57 Flüchtlinge an Interessierte vermittelt. Dabei treten Geflüchtete aus aller Welt, wie beispielsweise aus Afghanistan, dem Senegal oder Pakistan mit Deutschen in Kontakt und beziehen ihr neues Heim, egal ob in Berlin, München oder Darmstadt. Das Ziel ist einfach ein Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen.

 

Wie genau funktioniert das Projekt?

 

Prinzipiell kann sich jeder auf der Webseite „Flüchtlinge Willkommen“ registrieren. Es gibt dabei nur einige wenige Bedingungen, die man erfüllen muss. Am wichtigsten ist, dass man dem Flüchtling ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen kann. Denn ein eigener Rückzugsraum ist Voraussetzung für eine Vermittlung von „Flüchtlinge Willkommen“. Außerdem wird erst ab einem Mindestzeitraum von drei Monaten vermittelt, um den Flüchtlingen ein wenig Kontinuität zu ermöglichen, wie man der Webseite entnehmen kann. Und auch eine gemeinsame Sprache ist eine weitere Voraussetzung. Das mit Abstand wichtigste, das Interessierte aber mitbringen müssen, ist Geduld. Eine Vermittlung dauert gut und gerne vier Wochen oder länger. „Daran zeigt sich dann auch am besten, ob eine WG geeignet ist. Wirklich Interesse haben nur diejenigen, die bis zum Ende der Kommunikation durchhalten“, verrät uns Mareike.

Natürlich kann man mitbestimmen, welcher Flüchtling bei sich zu Hause einzieht. „Gegenseitiges Einverständnis ist sehr wichtig und wir fragen auch schon vorab Präferenzen ab, was den Flüchtling angeht, der einziehen soll. Viele Leute wollen nur, dass eine Frau einzieht oder jemanden aus dem arabischen Sprachraum, weil sie selbst diese Sprache sprechen“, erzählt Mareike. Solche Dinge werden alle berücksichtigt, wenn es auf die Suche nach einem passenden Flüchtling geht. „Und dann gibt es ja auch noch das erste Treffen, bei dem beide Seiten schnell herausfinden, ob sie sich sympathisch finden und nachdem man sich immer noch gegen den Einzug entscheiden kann. Es werden niemals Menschen einfach so zusammengesteckt“, sagt Mareike. Und das ist auch gut so, denn nur so ist ein harmonisches Zusammenleben garantiert, von dem beide Seiten profitieren können.

Was die Finanzierung angeht, gibt es mehrere Möglichkeiten. Meistens funktioniert die offizielle Kostenübernahme, das heißt Behörden oder Kommunen kommen für die Miete eines anerkannten Flüchtlings auf. Aber längst nicht immer verhält es sich so unkompliziert. „Manchmal läuft das Ganze auch über Mikrospenden“, erklärt Mareike. Das heißt, die Interessenten selbst suchen sich Sponsoren aus ihrem privaten Umfeld, die für einen bestimmten Zeitraum für die Miete des Flüchtlings aufkommen. „Funktioniert auch das nicht, hat die Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ auch selbst noch ein kleines Budget aus Spenden, das wir für die Mieten verwenden können“, versichert sie gegenüber ZEITjUNG.de.

 

Grenzen der Initiative

 

Neben den bisherigen 57 erfolgreichen Vermittlungen gibt es über 1000 WGs und andere Wohnformen, die sich auf der Website registriert haben. Aber leider kommt es dann oftmals, wie die Zahlen auch verraten, nicht zum Abschluss der Vermittlungen. Das liegt einerseits daran, dass sich viele Menschen vielleicht zu unüberlegt auf der Seite registrieren. „Sie melden sich zwar an, antworten dann aber niemals mehr auf eine E-Mail“, sagt Mareike. Andererseits besteht die Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ aus einem sehr kleinen Team, das ehrenamtlich für die gute Sache arbeitet. „Es fehlen also personelle Kapazitäten begründet durch zu wenig finanziellen Mitteln, mit denen man mehr Mitarbeiter bezahlen könnte“, erfahren wir. Auch die Bürokratie spielt eine Rolle bei der Diskreptanz zwischen Registrierungen und tatsächlichen Vermittlungen. „Bei jeder neuen Vermittlung müssen wir erst einmal eine Organisation in der Stadt finden, mit der wir zusammenarbeiten. Außerdem gilt es, die Gesetze zu überprüfen, weil die Rechtslage ja von Bundesland zu Bundesland verschieden ist.“ Ist der Kontakt dann hergestellt, laufe die Kommunikation oft viel zu langsam, vor allem wenn die Sache konkret wird. Man müsse manchmal richtig hartnäckig sein, wenn man eine Antwort braucht.

 

Eine gute Sache

 

„Wir nehmen uns mehr als Pilot-Projekt wahr. Wir zeigen, was möglich ist und es ist möglich. Die Zahlen beweisen: Die Bevölkerung ist willig Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt Mareike gegenüber ZEITjUNG.de. Aber letztendlich muss eine staatliche Stelle diese Angelegenheit in die Hand nehmen, denn einer Non-Profit-Organisation, wie „Flüchtlinge Willkommen“ fehlt dafür einfach die Kapazität, wie auch Mareike erklärt. Außerdem ist die Flüchtlingspolitik eine Sache ganz Europas. Das ist auch der Grund, warum Jonas und Mareike in Zukunft noch mehr auf europäischer Ebene aktiv werden wollen. „Wir haben schon Anfragen aus anderen Ländern, wie Griechenland, Portugal oder Belgien“, verrät uns Mareike.

„Flüchtlinge Willkommen“ ist definitiv eine super Sache, die uns zeigt, dass Hilfe funktioniert – und vor allem wie! Flüchtlinge, die in der Mitte unserer Gesellschaft leben, sind keine Utopie, sondern es lässt sich, wie die Organisation beweist, recht einfach umsetzen. Dabei profitieren beide Seiten: Die Flüchtlinge finden schnell Anschluss an die deutsche Gesellschaft und die Sprache. Deutsche lernen andere Kulturen kennen, und Vorurteile zu überwinden. Ganz nebenbei entwickelt sich ein Verständnis für die jeweils andere Kultur und Integration findet plötzlich in der eigenen Wohnung statt.

 

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