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Fahrrad statt Auto: BYCS will bis 2030 den Autoverkehr in Innenstädten halbieren

Radfahren ist so viel mehr als nur Radfahren. Drei Holländer haben uns im Interview erzählt, wie sie das Radeln revolutionieren möchten.

Eigentlich wollte ich mit dem Fahrrad kommen. Schließlich treffe ich zwei Holländer, die das Radfahren auf der Welt revolutionieren wollen. Aber an diesem Freitag im Juli regnet es in Strömen in München. Die Radtour am Morgen musste deshalb leider ausfallen, doch in ihrem Fahrrad-Lab, an dessen Scheiben in großen Buchstaben „DIALOGKREATIV“ steht, ist es zum Glück trocken. In dem Raum, in dem nur ein Tisch mit Flyern, zwei Biertischgarnituren und ein paar Hocker vor einer Leinwand stehen, sitze ich jetzt mit zwei netten Herren und noch ein dritter gesellt sich noch zu uns.

„DIALOGKREATIV“, das ist ein Austausch zwischen Amsterdam/Utrecht und München in den Themen Gesundheit und Mobilität. An diesem Freitag im Juli geht es speziell ums Radfahren. BYCS ist eine holländische Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, dass weltweit bis 2030 ganze 50% aller innerstädtischen Wege mit dem Rad zurückgelegt werden sollen. Ganz schön ambitioniert.

Aber auch ganz schön sympathisch. Die drei Holländer, das sind Floris Beemster, der Projektleiter der Kooperation zwischen München und Amsterdam, Maarten Woolthuis von BYCS und Sander Buningh vom Unternehmen BAM Verkehrsmanagement, das mit BYCS zusammenarbeitet. Maarten drückt mir gleich eine Stofftasche mit Flyern und eine original holländische Kekswaffel in die Hand. Im Gespräch wird schnell klar, dass die drei mehr als überzeugt sind. Sie sprudeln nur so vor Ideen und sprechen aufgeregt durcheinander, was mit ihrem holländischen Akzent süß, aber nicht immer sofort zu verstehen ist. Jeder von ihnen will auch mich überzeugen, aber auf eine weniger aufdringliche, als sehr charmante, inspirierende Art und Weise. Was entsteht, ist ein rundes und entspanntes Gespräch über ihre Vision.

 

ZEITjUNG: Was unternimmt BYCS, um das Ziel zu erreichen?

Maarten: Wir richten uns nach den Bedürfnissen der Menschen. Wir setzen uns zusammen und sprechen miteinander. Was sind die Herausforderungen? Was können wir zusammen erschaffen, das wir dann in der Praxis testen? Unsere Projekte konzentrieren sich auf Lösungen im lokalen Kontext. Außerdem schaffen wir ein weltweites Netzwerk von Fahrradbürgermeistern, die in den großen Städten eine führende Position einnehmen und Fahrradaktivisten, Wirtschaft und öffentliche Behörden zusammenbringen. Sie arbeiten an der Frage: Wie können wir das Ziel in unserer Stadt umsetzen?

Sander: Eine gute Infrastruktur ist aber nicht genug. Man muss sich zum Beispiel auch Bike-Sharing oder die Beschilderung der Wege kümmern. Und man muss sich auch die unterschiedlichen Zielgruppen anschauen. Ein Geschäftsmann, der jeden Tag zur Arbeit kommen muss, hat andere Bedürfnisse als ein Tourist, der die Stadt besichtigen möchte. Wir arbeiten viel mit anderen Unternehmen zusammen, um die Expertise zusammenzuführen.

Maarten: Ja, Zusammenarbeit ist sehr wichtig. Man muss auch mit Menschen sprechen, die die Politik und Behörden im Land gut kennen. Oder mit Bauunternehmen, die eine sehr innovative Denkweise und Strategie haben. Und wir sind dann diejenigen, die Kreativität mit einbringen. In der Automobilindustrie gibt es diese Zusammenarbeit schon länger, weshalb sie auch so erfolgreich ist. Wir sehen jetzt, wie viel Mehrwert Kooperation hat.

 

Wie seid ihr zu eurem starken Interesse und Engagement gekommen?

Maarten: Ich habe eine Zeit lang in Köln gewohnt und war dort einer der sehr wenigen in meinem Alter, die immer mit dem Fahrrad fuhren. In Deutschland ist Autofahren normal und Radfahren besonders. Die ganze Infrastruktur ist darauf ausgerichtet. Für mich ist es aber so normal, das Fahrrad zu nehmen, dass ich es überall tun möchte. Es geht aber nicht überall und ist nicht überall sicher. Es kann nicht sein, dass Radfahren so unsicher ist, obwohl es das erste Verkehrsmittel ist, das einem Menschen ab dem 3. Lebensjahr Freiheit gibt.

Floris: Ja, vielleicht ist es dieses Freiheitsgefühl. Aber in deutschen Städten ist es schwierig. Ich lebe in Berlin mit meiner Familie und habe Angst, meine Tochter allein auf die Straße zu lassen. Wir Holländer merken in unseren Städten, dass es so ein großer Vorteil ist, sich frei bewegen zu können, sei es zu Fuß, mit Fahrrad oder ÖPNV. Daran könnte sich Deutschland orientieren. Aber wir sehen natürlich, dass die Städte hier eine andere DNA haben und man da auch andere Lösungen braucht. Denn Freiheit ist sehr wichtig.

 

Was macht Holland anders bzw. besser als Deutschland?

Floris: In Deutschland geht viel über Regeln und Gesetze. In Holland ist alles viel pragmatischer organisiert.

Maarten: Ich habe das Gefühl, in Deutschland wird mehr in Rollen gedacht. Man denkt, die Politik ist verantwortlich, also muss die auch alles ändern. Vielleicht haben wir in Holland weniger Vertrauen in die Politik. Er lacht. Jedenfalls sehen wir auch andere Belange, wie zum Beispiel die Wirtschaft. Und dann fangen wir an, einfach auszuprobieren. Wir testen und experimentieren. Es darf auch schiefgehen, dann probieren wir eben etwas Neues. Auf der anderen Seite muss man Deutschland zugestehen, dass die Dinge auch wirklich gut funktionieren, nachdem gut und gründlich darüber nachgedacht wurde. Wir versuchen, in Deutschland eine etwas lockerere Weise mit einzubringen, wollen dabei am liebsten die Menschen selbst fragen, was für sie funktioniert.

Floris: Da will ich noch ergänzen, dass in Deutschland auch eine „entweder oder“-Mentalität herrscht und in Holland viel mehr in „und und und“ gedacht wird. Deshalb gibt es da auch ganz andere Diskussionen und pragmatischere Lösungen.

Sander: Es gibt eine ganz lustige Geschichte in Holland. In den 60ern dachte die Politik, dass vor jedem Haus ein Auto stehen sollte. Aber die Bürger wollten das nicht, weil es unsicherer für ihre Kinder wäre. Also stoppten die Bürger die Politik. Die treibende Kraft sind nicht immer die Politiker, sondern auch die Menschen, die aufstehen.

 

Wo seht ihr die größten Hürden?

Alle lachen. Und mir wird schnell bewusst, dass ich wohl doch typisch deutsch bin.

Maarten: Wir sehen keine.

Floris: Wir Holländer sehen keine Hürden, sondern Chancen. Das ist vielleicht auch der Unterschied zwischen Deutschen und Holländern. Deutsche denken viel mehr in Grenzen als wir.

Sander: Eine Herausforderung war zum Beispiel, dass die Distanzen, die mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, bisher nie lang waren. Aber dann kamen die Elektroräder, mit denen wir jetzt ganz neue Möglichkeiten haben. Ein anderes Beispiel ist das Fly & Bike Konzept, bei dem die Wege zwischen Flughäfen und Städten mit dem Rad zurückgelegt werden sollen. Da ist die Herausforderung, dass das Gepäck hinderlich sein kann. Aber jetzt haben wir gehört, dass zum Beispiel DHL anbieten möchte, dass das Gepäck abgeholt und verschickt wird. So etwas bekommen wir mit und entdecken darin ganz neue Möglichkeiten für uns. Einiges ist Zufall, aber auch Unternehmergeist.

Maarten: Wir wollen beweisen, dass das Rad einen großen Wert in vielerlei Hinsicht hat. Und um Belege zu liefern, forschen wir jetzt auch mehr.

 

Was wird dann zum Beispiel erforscht?

Floris: Es ist erforscht worden, ob das Verschwinden von Parkplätzen vor Supermärkten wirklich einen negativen Einfluss auf das Kaufverhalten der Menschen hat. Dabei hat man herausgefunden, dass Fahrradfahrer viel einfacher einkaufen, es also viel mehr ein Vorteil ist. Viele Unternehmen glauben das nicht. Natürlich braucht beispielsweise Media-Markt einen Autoparkplatz, aber die Geschäfte in den Innenstädten nicht.

 

Jetzt mal ganz praktisch gedacht: Wie sieht es in Städten mit einer anderen geographischen Beschaffenheit als in Holland aus? Und was ist mit Menschen, die nicht verschwitzt auf der Arbeit erscheinen können?

Maarten: Natürlich gibt es klimatologische und geographische Hindernisse, das ist ganz klar. An der Stelle gibt es aber die Möglichkeit, elektrisch betriebene Fahrräder zu nutzen. Und die Modeindustrie könnte Kleidung entwerfen, die kühlt. Wenn man die tragbar gestaltet, könnte das sogar zum Trend werden und auch im Sport Anwendung finden. Wir versuchen nie, die Lösung nur innerhalb der Radbranche zu suchen. Wir versuchen, den Menschen anzuschauen, und den Erfolg größer zu machen als für nur eine Industrie. Das ist Unternehmerschaft.

Sander: Mit Bike-Sharing kann man eine gute Kombination aus ÖPNV und Fahrrad anbieten. Vor ein, zwei Jahren dachten wir in Holland noch, jeder hat ein Rad, da braucht man kein Bike-Sharing. Das hat sich geändert.

Maarten: Und wenn man es erzwingen möchte, kann man auch ein Faltrad ins Auto packen und wenigstens dafür sorgen, dass die Innenstadt autofrei ist. Damit könnte man sogar die 33%, die nie über ein Fahrrad nachdenken wollen, gewinnen.

Floris: Zum Beispiel könnte BMW ein E-Auto zusammen mit einem Faltrad verkaufen.

Maarten: Und dann könnten die Behörden für ein Park & Ride Konzept sorgen und dann stimmt die Zusammenarbeit und Kombination wieder.

 

Und was ist mit Städten mit ganz anderen politischen und kulturellen Hintergründen, z.B. in Asien?

Maarten: Wir sind zum Beispiel auch in Indien. Da wächst die Bevölkerung so schnell, aber auch da gibt es gute Ansätze. Die Inder sind Unternehmer und haben ein ausgeprägtes Gefühl für digitale Entwicklung. Es gibt dort einige Fahrradbürgermeister und gerade schließen sich wieder acht neue an. Dann reden wir über Millionen Menschen, um deren Belange sich gekümmert werden kann. Natürlich ist es in den Ländern, in denen das Fahrrad gar nicht etabliert ist, schwieriger, einen Eingang zu finden. Aber, wenn es uns dort gelingt, kreiert das so viel Mehrwert für das Leben in diesen Ländern. Wenn das Fahrrad eine Rolle spielen kann, damit man sich in seiner Umgebung sicherer und wohler fühlt, dann wäre das fantastisch. Denn jeder will sich dort, wo er wohnt, gut fühlen.

 

Wie sehen die Ansätze dort aus?

Maarten: Wir versuchen nie, etwas zu zeigen, sondern mit den Menschen vor Ort zu sprechen und gemeinsam etwas herauszufinden. Die Fahrradbürgermeister haben das Netzwerk und wissen genau, was funktionieren kann. Das versuchen wir zu kanalisieren. Wir sagen: Local for local mit globaler Expertise. Wir wollen den Städten nicht unsere Meinung aufzwängen, sondern mit ihnen zusammenarbeiten.

Floris: Jede Stadt hat ihre eigene DNA.

Sander: Wir wollen ein Wissensnetzwerk aufbauen, damit überall individuelle Lösungen gefunden werden können.

 

Habt ihr schon ein nächstes Ziel?

Maarten: Gerade nicht. Wir wollen uns vollkommen auf unser Ziel 50by30 konzentrieren.

Floris: Wir wissen nicht, was sich in 10 Jahren noch verändern wird. Aber bei ein paar Sachen weiß man einfach, dass sie funktionieren werden. In Deutschland z.B. muss die Infrastruktur ausgebaut werden. Das anzustoßen, würde so viel ändern. Es hilft auch schon, die Dinge zu verändern, die schon da sind. Dann sehen die Menschen, dass etwas fürs Radfahren getan wird. Städte sind für Menschen gemacht und nicht für den Verkehr. Also müssen alle zusammenarbeiten, damit alle eine lebenswerte Umgebung schaffen. Dieses Ziel ist überall das gleiche.

 

Nach dem Interview laden mich die drei noch zur Filmvorstellung von „Why we cycle“ ein, die direkt im Anschluss stattfindet. Auch darin erfahre ich noch einmal so viel Neues. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass wir beim Radfahren viel mehr mit den anderen Menschen agieren als beim Autofahren? Oder, dass ohne Straßen viel mehr Platz für Wohnraum und Parks wäre? Mich konnten die Drei überzeugen. Und das nächste Mal, wenn ich in die Stadt will, überlege ich mir zweimal, ob ich nicht doch lieber U-Bahn gegen Rad tausche. 

 

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Bildquelle: © Dialogkreativ

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