Zwei Männer unterhalten sich. Was ist daran interessant?

Zwei Männer unterhalten sich

Von Christoph Schnabel

Es ist ein Herbstsonntag, die Sonne steht tief und scheint durch das Fenster. Deshalb sieht man, wie Staubkörner in der Luft wirbeln, weil der Schall sie sanft aus den Boxen schiebt. Mit ihm kommt eine sonore Stimme hervor, die sagt: „Zwei Männer unterhalten sich. Über dies und das und jenes …“ Das ist Fest und Flauschig, der Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz. Diese Sendung leistet, zumindest gemessen an ihrer medialen Relevanz, wovon andere im Moment nur träumen: Da wird ein ironischer Bogen von Smoothierezepten über Anekdoten aus Jans Zeit als Autor bei der Harald Schmidt Show bis hin zu Reeperbahn-Klamauk gespannt. Umrahmt wird das alles musikalisch durch nerdige Songs, die Böhmermann auf YouTube findet und alternativen Schmuckstücken aus Ollis Indie-Mottenkiste, bei denen man wunderbar einschlafen kann. Schulz zu Böhmermann: „Du achtest schon immer darauf, dass die musikalische Qualität unserer Playlist nicht zu hoch wird.“

Meine Freundin hat vom Bäcker Pflaumenkuchen mit großen Streuseln geholt. Ich esse ein Stück und frage mich, was denn bloß so besonders an diesem allsonntäglichen Gespräch ist. Die Quoten waren bei der Vorgängersendung Sanft und Sorgfältig schon gut, sind nach dem Wechsel zu Spotify noch besser geworden, in der Medienszene gibt es viel Beachtung und Lob. Aber warum? Was die beiden von sich geben ist dauerironisch, selbstreferentiell, streckenweise arrogant. Zwei Männer unterhalten sich, was ist daran interessant?

 

Gibt’s das auch in weiblich?

 

Wenn die beiden diskutieren, sprühen Funken. Sie treiben sich gegenseitig in absurd leidenschaftliche Gespräche, die oft völlig befreit von der tatsächlichen gesamtgesellschaftlichen Relevanz der Themen sind. Sie sind wie zwei Jungs, die ein neues LEGO-Set bekommen haben oder eine Flutburg vor dem unvermeidbaren Einsturz bewahren wollen. Wie zwei erwachsene Jungs. Liegt die Magie des Gesprächs also seiner Jungshaftigkeit? Könnte es auch heißen „Zwei Frauen unterhalten sich …“? Könnten Frauen mit gleichartiger Losgelöstheit von Vernunft über Musik, Imbissbuden und nicht zuletzt sich selbst diskutieren? Ich rase durch meine innere Mediathek – Schmidt – Schlingensief – Reich-Ranicki – und finde nur verrückte, auf ihre Art obsessive Männer.

Und dann fällt mir ein Hinweis auf die Antwort ein und der liegt, ironischerweise, auch in so einem Herrengespräch aus der Vergangenheit. Dabei hat Benjamin von Stuckrad-Barre in einem Interview mit Nick Hornby für den Rolling Stone ähnliche Fragen untersucht. Hornby beschreibt und interpretiert dabei das männliche Verhalten beim Verschenken selbstbespielter Mixtapes an Frauen, das heute durch das Verschicken von Playlists ersetzt wurde. Er selbst bespielte also Kassetten für seine Angebetete, meinte aber nun, dass dies „ein überaus arroganter Vorgang ist, weil man versucht, anderen seinen Geschmack beizubringen.“ Meine Festplatte ist auch voll mit Listen, die ich für meine Freundin gebastelt habe, kurz nachdem wir uns kennenlernten. Sie mochte sie, aber hat mir nie eine geschickt. Das merke ich aber erst jetzt, also sechs Jahre später.

 

Normale Menschen verlassen augenrollend den Raum

 

Stuckrad fragt Hornby dann, ob er Frauen kenne, die sich derartig der Musik verschrieben hätten, wie es eine seiner männlichen Figuren tat: „Nein. Frauen können Musik lieben, aber die Ruhe bewahren, wenn ihnen mal irgendeine Live-B-Seite aus Japan durch die Lappen geht.“ Ich denke an meinen guten Freund Lucas, mit dem ich mal einen halbjährigen, immer wiederkehrenden Streit über ein Bernd Begemann Zitat hatte. Und an normale Menschen, also Frauen, die bei diesen, meist angetrunkenen Diskussionen, öfters augenrollend den Raum verließen.

Gibt es also einen geschlechterspezifisch unterschiedlichen Umgang mit Popkultur? Demnach würde das Besondere an Fest und Flauschig in der Obsession von den besprochenen Themen liegen. Völlig befreit von der wirklichen Bedeutung der Dinge, geleitet von der eigenen Begeisterung. Dieses Verhalten wird aus einer ignoranten Außenansicht oft als snobistisch angesehen, weil der obsessive Mann, wie der verliebte, keinen versteht, der seine Leidenschaft nicht teilt. Ich zum Beispiel halte jeden, der den neuen Roman von Christian Kracht noch nicht gelesen hat oder dem bald erscheinenden Album von Casper nicht erwartungsvoll entgegenfiebert für eine arme Wurst.

Schulz und Böhmermann diskutieren, ob Friedrich Schiller AfD gewählt hätte, ob das neue Beginner-Album sehr, sehr gut oder zu vorhersehbar ist und machen Wortspiele mit einem Weberknecht am Weber-Grill. Zwei Männer unterhalten sich. Ich esse meinen Pflaumenkuchen auf und gebe meiner Freundin einen Kuss. Sie macht schon einiges mit.

 

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Bildquelle: Gerrit Vermeulen unter CC0 Lizenz

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