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Zukunft: Freiheit oder Sicherheit?

Oft glauben wir, wir müssten uns zwischen unserem Freiheitsdrang und unserem Bedürfnis nach Sicherheit entscheiden. Dabei ist das nicht die richtige Frage.

„Freiheit oder Sicherheit?“ Auf einer Party stellt mich ein noch Unbekannter vor die Wahl, sie gehört zum Kennenlernspiel des Geburtstagskinds. „Beides.“ – „Das ist nicht die Frage. Du musst dich entscheiden.“ Blödes Spiel – blöde Frage.

 

Dieses Entweder-oder löst keine Lebenskrisen.

 

Mal abgesehen davon, dass Pauschalität mir nicht steht und dass eine tiefgründige Diskussion nichts für zu laute Barabende ist, stört mich die Frage, weil sie mir so vertraut ist. Fast jede meiner größeren Lebenskrisen ist auf die Entscheidung zwischen einer sicheren Option und ungewissen Abenteuern zurückzuführen. Doch anstatt philosophisch und weise in meine Zukunft zu navigieren, fühle ich mich bei dieser Frage eher wie eine McDonalds-Mitarbeiterin, die „Ketchup oder Mayo?“ fragt. Dabei löst dieses Entweder-oder oft nicht meine Dilemmata.

Sicherheit ist für mich ein Synonym von Nähe und Geborgenheit. Ich schmiede richtig gerne Pläne, kann herrlich rational sein. Außerdem brauche ich Struktur und Ordnung, will nach dem Reisen einfach heimkommen können. Ich sehne mich nach den Orten, die sich nicht verändern, die in meinem Kopf immer ein wenig idyllisch sind. Und Loyalität gehört nicht nur zu meinen wichtigsten Werten, sondern auch zu denen meiner Freundinnen, die ich zum Teil schon über 15 Jahre lang liebe.

Doch genauso brauche ich Autonomie, Wandel, Veränderung. Freiheit hat für mich viel von Leidenschaft und Mut, bedeutet für mich loslassen zu können, um freie Fälle zu genießen. Keine Routine, keine Langeweile, keine Konventionen. Ich liebe meine Impulsivität und mein Bauchgefühl, haben diese mir doch so einige Glückmomente beschert.

 

Wer eine Garantie möchte, kauft sich besser einen Toaster.

 

Das Problem ist, dass wir aus dieser Entweder-oder-Frage oftmals Szenarien konstruieren, in denen wir auf einen dieser beiden Werte verzichten müssten. Wie charmant wäre es, wenn die Barista in dem süßen Café um die Ecke schon weiß, was man möchte und einen mit einem Cappuccino ohne Zucker begrüßt – in diesen Genuss kommt man eher weniger, wenn man jede hippe Location der Stadt einmal ausprobiert haben will, und ganz darauf verzichten muss man, wenn man seinen Lebensmittelpunkt monatlich wechselt. Der eigene Chef zu sein wäre wegen flexibler Arbeitszeiten und cooler Aufgaben ein Traum – bis auf die Tatsache, dass ein geregeltes Einkommen und gedeckelte Verantwortung nicht mehr inklusive sind. Wer einen gut funktionierenden, durchgeplanten Alltag hat, hat vermeintlich eines nicht: Flexibilität. Wir denken, Sicherheit engt uns ein, Freiheit ist ein Risiko – unsere hypothetischen Zukunftsvisionen sind in Schwarz-weiß gedreht.

Dabei wissen wir schlussendlich nie, ob wir richtig wählen, egal ob wir uns ganz rational für die sicherere Option entscheiden oder ob wir auf unser Herz hören und ins kalte Wasser springen. Wenn wir einen risikoarmen Job und gut Geld verdienen möchten, kann das Jurastudium auf der Pro-Contra-Liste sicherlich überzeugen. Aber wer eine Garantie braucht, kauft sich lieber einen Toaster. Denn was passiert, wenn wir die Juristerei öde finden, wenn wir uns oder unsere Lebensumstände doch noch ändern? Kommt vor, habe ich gehört. Umgekehrt, auch Abenteuer verlieren irgendwann ihren Reiz, sind irgendwann weniger neu und überraschend als man denkt. Es kommt ein Punkt an dem einen auch die 20ste Stadt in Südostasien nicht mehr überwältigt, an dem der One-Night-Stand mehr Routine ist als Überraschung. Abenteuer können erschreckend langweilig werden.

 

Weil es nicht um Optionen, sondern um uns gehen sollte.

 

Sicherheit und Freiheit sind gedankliche Konstrukte, die wir uns selbst als schwer vereinbar verkaufen. Was aber, wenn wir an unseren Denkmustern arbeiten würden, anstatt unsere Lebensentscheidungen in Schablonen zu zwängen? Vielleicht würden wir uns dann eher fragen, welche Abenteuer wir mit unseren treuen Partner*innen erleben, wie wir Rentenversicherungen mit unserem Leben als Großstadtboheme vereinbaren oder womit wir unsere Begeisterungsfähigkeit konservieren könnten? Eigentlich wissen wir es längst: Die guten alten W-Fragen sind viel aussagekräftiger, offener als diese reduzierende Alternativfrage.

Darum: Weg von großen, leeren Konzepten, wie sie Freiheit und Sicherheit nun einmal sind, hin zu präziseren Fragen. Denn dann geht es nicht mehr um Optionen und darum etwas auszuschließen, sondern darum zu hinterfragen, was man warum will und wie man es bekommen kann. Es geht dann um uns, wirklich nur um uns. Das bedeutet wahrscheinlich auch einmal dorthin zu sehen, wo es schmerzt. Zu erkennen, dass wir manchmal spießiger sind als wir es gerne wären (weil Monogamie ja doch ganz nett sein kann) oder ängstlicher (weil es keinen Grund gibt, nicht die Zelte abzureißen) oder, oder, oder. Aber gut, das echte Leben lässt sich schwer in Kategorien sortieren – warum sollten wir es dann mit unseren Fragen tun?

 

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Bildquelle: Michael Hull unter CC0 1.0

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