Warum halten wir zu Freunden Kontakt, die wir nicht leiden können?

Freunde Gewohnheit Freundschaft Zweck

An Feiertagen häuft es sich besonders: Aus allen Himmelsrichtungen kehren die einstigen Klein- und Vorstadtgewächse in ihre Heimat zurück und hetzen von einer Verabredung zur nächsten. Es sind meist Treffen alter Schulfreunde, Kindheitsverbündeter und ehemals bester Freund. Die Vorfreude auf diese Wiedersehen ist immens! Immer! Wirklich?

Bereits bevor die Haustür zugezogen, der Weg zur Bushaltestelle angetreten oder der Autositz passend eingestellt ist, regen sich erste Zweifel: Wird es mehr gemeinsame Gesprächsthemen geben außer der gemeinsamen Vergangenheit? Kann man die heutigen Werte und Ziele des anderen noch nachvollziehen?

Die Lust auf das Treffen ist objektiv betrachtet eher mau. Das Pflichtgefühl hingegen erschreckend groß. Das Pflichtgefühl und die verdammte Gewohnheit – will schließlich niemand Schuldtragender an einem plötzlichen Kommunikationsabbruch sein. Warum fällt es uns zum Teil so schwer zu entscheiden, auf wen wir wirklich Bock haben? Hat man sich nämlich erst einmal überwunden, die aufkommenden Zweifel abgeschüttelt und das irgendwie unbequeme Treffen hinter sich gebracht, bleibt oftmals das Gefühl verschenkter Zeit und der Ärger über Dies und Jenes, was der Gegenüber gesagt oder getan hat. War irgendwie vorher klar, oder?

Wir alle halten Menschen in unserem Leben, die wir nicht uneingeschränkt super finden. Und trotzdem schaffen wir es nicht, einen endgültigen Schlussstrich unter diese „FreundschaftSchrägstrich Farce zu ziehen. Aus psychologischer Sicht gibt es hierfür sicherlich Unmengen gut belegter Begründungsansätze. Als irritierter Beobachter ergeben sich für mich hingegen folgende grobe Verhaltenskategorien:

1. Wir sind nostalgisch

„Wir treffen uns am ersten Advent auf dem Weihnachtsmarkt. So wie jedes Jahr.“ Klassisch! Wie gern tyrannisieren wir uns selbst mit der Floskel um den Menschen und das Gewohnheitstier. Aber es ist verdammt nochmal wahr. Wieso auch aus alten Mustern fliehen, wenn sie einem doch Sicherheit und Navigation bieten? Jeder hat diese Geister der Vergangenheit. Also Personen, die einen schon das ganze Leben lang begleiten und irgendwie nicht wegzudenken sind, oder? Klappt den Rest des Jahres über doch aber eigentlich ganz gut, also das mit dem Wegdenken.

Geburts- und Jahrestag steht nicht zwangsläufig im Kalender und wenn Facebook nicht netterweise eine kleine Erinnerung schicken würde, wäre es vergangenen Monat (mal wieder) vollkommen untergegangen. Sehen wir es ein: Eigentlich haben wir kein großes Interesse mehr an diesen Personen. Und das ist doch eigentlich völlig in Ordnung. Legen wir ein wenig Nostalgie ab, hören auf, zwischen gebrannten Mandeln und Glühwein Interesse am erneuten Töpferkurs der Sandkastenfreundin zu heucheln, und konzentrieren uns auf das Hier und Jetzt.

2. Wir sind berechnend

Für Fortgeschrittene! Irgendwie versteht man sich. In gewissen Themen stimmen die Ansichten überein und ganz unsympathisch ist sie/er ja auch nicht. Trotzdem ist die Ablehnung riesig.

Korrekt: Hierbei handelt es sich um keine klassische Freundschaft. Viel eher eine Zweckverbindung, die aufrecht gehalten wird. Irgendwann könnte sie/er ja doch noch einmal ganz nützlich sein. Bereits zu Schulzeiten zeichnete sich das große Potenzial, oder zumindest der überdurchschnittliche Ehrgeiz dieser Person ab. Da heißt es dranbleiben und am Ende der große Nutznießer sein. Mal ernsthaft: Weder der Anteil am erschlichenen Miterfolg noch die Zeit, die wir dieser Person opfern, machen uns doch wirklich glücklich, oder? Beziehungen sind wichtig und werden immer entscheidender – logisch! Aber sollten derartige Beziehungen sich nicht ausschließlich auf den beruflichen Alltag beschränken? Weder gut fürs eigene Selbstwertgefühl noch für das Karmakonto!

Nehmt den sozialinkompetenten Über-Leichen-Gänger doch lieber zum Vorbild als zum Freund. Natürlich nicht in Sachen gesellschaftlicher Umgangsformen, aber zumindest eine Scheibe seines Engagements kann offensichtlich nicht schaden.

3. Wir sind neu

Manchmal hat man einfach keine andere Wahl! Neu in einer Stadt und die ersten Bekanntschaften werden im Studium bzw. im Job geknüpft. Ja, irgendwie reden die alle ein wenig seltsam, der Kleidungsstil ist nicht unbedingt hitverdächtig und die Ansichten mehr als fragwürdig. Aber dennoch deutlich besser, als alleine abzuhängen, oder? Nein! Eigentlich sollte der Anspruch doch sein, sich nicht mit dem Erstbesten zufrieden zu geben. Wieso gerade in der Auswahl unseres gesellschaftlichen Umgangs eine Ausnahme machen? Das kleinste Übel kann nie die Lösung sein.

Dies ist mit Sicherheit kein Aufruf alle Brücken niederzubrennen und sämtliche Kontakte aus dem Adressbuch zu löschen. Aber eigentlich lohnt es sich doch immer die seltene Zeit in der Heimat oder anderswo den Menschen zu widmen, die einem tatsächlich am Herzen liegen und mit denen sich ein Abend nicht anfühlt wie ein endloser Spießrutenlauf über Scherben und brennende Kohlen. Sobald also der nächste Verabredungsvorschlag ins Haus flattert, könnte folgendes Credo hilfreich in der Entscheidungsfindung sein: „Lächeln und nett winken“ sollte niemals das Motto einer guten Party sein.

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Bildquelle: Brooke Cagle unter CC 0 Lizenz

Offensichtlich fühlen sich Mitmenschen durch mich oftmals an Monk erinnert. Pedanterie lasse ich mir allerdings nur im Umgang mit Büchern und Musik unterstellen. Ansonsten führe ich ein Leben ohne Zwangsneurosen und verbringe dieses bevorzugt in Konzerthallen, Stadien und Theatersälen. Kochen und lügen kann ich überhaupt nicht, reden und abhotten dafür umso besser.