Fürs Erste Krebs: Episode #9

Sebastian Schramm Krebs Kolumne

2006 scheiterte Nowitzki herzzerreißend in den NBA-Finals. Die Dallas Mavericks verspielten eine 2:0-Führung, das hatte es seit 1977 nicht gegeben. Die Medien brandmarkten ihn als Verlierer. Bei Spielen hielten ihm gegnerische Anhänger Schilder ins Gesicht: No-Winski. Er sei zu weich, riefen sie ihm zu. Unfähig, Großes zu gewinnen. Gut genug für ein paar Siege, aber nicht für den Titel. Nach 13 Jahren in den USA, im Juni 2011, führte Nowitzki die Mavericks zur Meisterschaft. Mit schier unmenschlichem Willen trug er eine ganze Mannschaft. Nichts hielt ihn auf. Nicht mal ein Fieber von 39 Grad, mit dem er ein Spiel der Finalserie bestritt. Experten verglichen seine Auftritte mit denen eines Michael Jordan. Heute huldigt ihn die Basketball-Welt als einen der besten Spieler aller Zeiten. Die entscheidende Partie sah ich mit Freunden, mitten in der Nacht, ein amerikanischer und nicht legaler Stream von schlechter Qualität. Es liefen die letzten Sekunden, Dallas lag bereits uneinholbar vorne. Dirk verließ das Feld einfach in Richtung Kabine. Die Kameras fingen noch ein, wie er das Trikot über sein Gesicht stülpte. Später kam heraus: Er war in die Dusche gerannt, um dort zu weinen. Niemand sollte es sehen.

Ein 32 Jahre alter Mann, übermannt von seinen Gefühlen. Die Kollegen mussten ihn auf die Siegerehrung zerren. Er wollte nicht dorthin. Der Pokal war ihm nicht wichtig. Vielmehr erfüllte ihn der Gedanke, endlich am Ziel zu sein. Die Gewissheit, dass sich all die Torturen gelohnt hatten. Dass nichts umsonst gewesen war, keine Trainingseinheit, keine Niederlage. Er hat es allen bewiesen. Am meisten sich selbst. Um erfolgreich zu sein, hat Nowitzki einmal gesagt, brauche man vielleicht zehn Prozent Talent. Der Rest sei ein wenig Glück. Und harte Arbeit. Die Bereitschaft, sich zu quälen. Vor allem, wenn es nicht so läuft, wie man es gerne hätte. Immer und immer wieder. Noch eine Kniebeuge, noch ein Liegestütz, noch ein Sprungwurf. Sein Weg war mein Weg. Meine Talente, die zehn Prozent, waren das Alter und mein Körper. Die Ärzte machten mir Hoffnung, ich steckte die intensive Therapie auf kurz und lang wahrscheinlich besser weg als andere, gerade weil ich bei der Diagnose erst 25 Jahre alt war, dazu sportlich und aktiv. Und die harte Arbeit war mein Wille, meine positive Einstellung. Und das Glück? Nun, das war die Hilfe von Dirk.

 

Mit Dirk Nowitzki gegen den Krebs

 

Er stand direkt neben meinem Krankenbett. An ihm hingen vier Beutel mit insgesamt über drei Litern Flüssigkeit. Er gab mir viel von sich. Ob ich ein Foto machen könne, fragte ich ihn ein wenig schüchtern, sei ja immerhin der Beginn unserer gemeinsamen Reise, die erste von sechs Therapien. Ich schob ihn in Position. Er quietschte, wie immer. Das muss sein Ja gewesen sein. Ich lehnte mich vom Bett ein wenig auf die Seite und fotografierte mit meinem Handy. Sein Bild stellte ich in meine Whats-App-Gruppe „Hoffnung“. „Das ist mein neuer Freund“, schrieb ich, „nennen wir ihn Dirk. Bin ab sofort angeschlossen.“ Reaktionen gab es nur wenige. Hatten sie Angst vor ihm? Ist ja doch ganz schön groß, der Typ. Und berühmt. Sie mussten wohl erst miteinander warm werden. Nach ein paar Stunden probierte ich es nochmal: Dirk sei faul und stehe nur im Weg rum, er ginge sogar mit auf die Toilette, die Sau!  Sie nahmen es auf. Endlich. Dirk habe kein Benehmen, antworteten sie. Einfach so mit aufs Klo gehen. Er sei ein Spanner, unfassbar anhänglich. Dafür aber sehr ruhig, regelrecht zugeknöpft, er bekäme kaum den Mund auf.

Von da an gehörte er zu uns. Kein Krankenhausaufenthalt ohne ihn. Und den Vorteil, den Begriff Chemotherapie zu umgehen. Das Schöne: Ich musste nicht einmal darum bitten. Die Fantasie wurde in meinem Umfeld zur Realität. Wollten meine Freunde wissen, wie ich eine Therapie verkraftete, fragten sie, ob das Date mit Dirk auch wirklich cool war? Oder mein Vater. Immer nach dem Frühstück in der Klinik rief er von Arbeit einmal kurz an. Wie meine Nacht war, wie es mir ginge. Und dann kam die letzte Frage: „Ist Dirki schon bei Dir?“ Manchmal wünschte ich, er würde davon erfahren. Ich kenne ihn nicht, aber er gab mir Kraft. Selbst wenn er in der Form des Infusionsständers nur ein Gedanke war. Für mich der schönste, den ich mir vorstellen konnte. Zusammen mit meinem Vorbild ein Lebenstief überstehen. Wann immer ich mein Zimmer im Krankenhaus verließ: Ich streifte mir ein Nowitzki-Trikot über, das blaue mit der Nummer 41. Er trug es, als er 2011 die Meisterschaft gewann. Wie ein Schutzschild, an dem all das Negative einer onkologischen Station abperlte. Ich war hingefallen: die Diagnose Krebs mit 25 Jahren. Ich kämpfte; noch eine Therapie, noch ein schlechter Tag, noch eine kleine Sporteinheit, immer und immer wieder. Ich stand auf. Und besiegte ihn.

Im Jahr 2016 war ich in Schwerin für 18 Tage in stationärer Behandlung. Danach führte ich die Therapie zu Hause weiter, bei meinen Eltern, Hanse-Klinikum Stralsund, dem Ort meiner Geburt. Tage auf der Station: 20. Und noch die drei Tage außerplanmäßig im Juli, wegen der schlechten Werte. Meine Blutgerinnung existierte quasi nicht mehr. Die Medikamente wirkten. Mein Arzt ließ mich auf der Onkologie beobachten. Unterm Strich steht: 18 + 20 + 3 = 41. 41 Tage Krebsstation, um zu gewinnen. 41, die Trikotnummer von Dirk Nowitzki.


Hier findest du alle „Fürs Erste Krebs“-Episoden von Sebastian Schramm.

Die Diagnose Krebs ist immer schlimm. Aber gerade jungen Menschen wird oft der Boden unter den Füßen weggerrissen, wenn ihnen die Krankheit in ihre Lebensplanung hineinpfuscht. Deshalb gibt es seit 2014 die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Ihr Ziel ist es, die Therapiemöglichkeiten und die Versorgungssituation zu verbessern und Erkrankten mit Gesprächen und Austausch zur Seite zu stehen. Die Facebook-Seite der Stiftung findet ihr hier.

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Bildquelle: Josefine Rosse

Meine Mama sagt immer, das Leben sei wie eine Zugfahrt. Allerdings ohne festen Fahrplan. Menschen steigen dazu und wieder aus, manchmal macht der Zug Halt. Nach dem Geschichts- und Germanistikstudium in Rostock zurzeit irgendwo zwischen den Bahnhöfen unterwegs: Journalismus-Master an der Fachhochschule Kiel, nebenbei Volontär bei der Schweriner Volkszeitung. Auf ZEITjUNG mit dem Versuch, der widerlichen Krankheit Krebs ein Gesicht und eine Art von Sinn zu geben.