Genre Guide: Was ist eigentlich Deutschrap?

Rupert Gruber

Wenn der Beat in unseren Ohren dröhnt, sich Gänsehaut ankündigt und unsere Füße anfangen zu zappeln, dann möchten wir sie am liebsten auf ewig hören – diese Musik. Aber was hören wir da eigentlich? Unser Genre Guide hilft dir weiter. Alle zwei Wochen erklären wir dir einen anderen Musikstil. Dieses Mal gibt es Deutschrap auf die Ohren.

Die tiefen Töne, die Schläge auf die Snare Drum und die hohen Töne der Hi-Hat, sie alle schlängeln sich durch die Membrane der Lautsprecher bis in unseren Gehörgang. Aber dort ist selbstredend noch nicht Endstation. Denn von dort dringen die Beats, zusammen mit den Lyrics, bis dorthin vor, wo sie einen Denkprozess anstoßen: in unser Hirn. Rap-Songs geben uns ein gutes Gefühl, bringen uns zum Nachdenken, manchmal vielleicht sogar zum Weinen. Vor allem, wenn sie in unserer Muttersprache verfasst sind.

Deutschrap: die Definition

Deutschrap speist sich im Grunde aus den gleichen Säulen, von denen auch der „echte“ Rap aus den USA zehrt. Die instrumentale Grundlage bilden Sounds, die mittels Drum Machines, Synthesizern und Turntables entstehen. Dennoch ist es – gerade dann, wenn Deutschrap sich mit Elementen des Pop, Rock und R’n’B vermischt – häufig so, dass deutsche Rapsongs auch den Klang von Instrumenten wie E-Gitarre, Keyboards und klassischen Drumsets beinhalten.

Durch die Kombination mit deutschsprachigem Rapping wird daraus dann Deutschrap respektive deutschsprachiger Hip-Hop. Generell lässt sich festhalten: Deutschrap mag sich zwar inhaltlich von US-amerikanischem Rap unterscheiden, da man Städte wie Berlin besingt und Dinge bzw. Sachverhalte erwähnt, die primär in Deutschland bekannt sind. Stilistisch hat sich Deutschrap aber schon immer an dem orientiert, was Amerika ihm „vorgemacht“ hat, über die Entwicklung von Oldschool-Rap über Gangsta Rap bis hin zu aktuellen Phänomenen wie dem intensiven Autotuning.

Verwandt und verschwägert

Die Tochter von: Rap

Beste Freundin: Hip-Hop

Hassliebe: Sprechgesang

Die kleine Cousine von: Hip-Hop

Können sich nicht ausstehen: Volksmusik

Verwechslungsgefahr mit: Hip-Hop

Deutschrap: der Ursprung

Dass Deutschrap sich von Anfang an die USA zum Vorbild nahm, wird schon an dem Song klar, der allgemein als erster deutschsprachiger Rapsong überhaupt gilt. Dieser trägt den Titel Rapper’s Deutsch, stammt aus dem Jahr 1980 und ist schlichtweg eine deutschsprachige Version des Songs „Rapper’s Delight“ der Sugarhill Gang. Der vom Trio GLS United einstudierte Song wirkt aus heutiger Sicht recht befremdlich und zeigt auf: Rap lässt sich ob seiner drei Bausteine (Flow, cadence und content) nicht einfach „übersetzen“, sondern ist ein komplexes musikalisches Konstrukt.

Obgleich sich, selbst in der DDR, langsam eine deutschsprachige Rap und Hip-Hop-Szene entwickelte, war Deutschrap im Mainstream im Grunde nicht existent – mit einer Ausnahme. Diese trägt den Namen Falco. Der österreichische Künstler erreichte 1981 mit seinem Song Der Kommissar in mehreren europäischen Ländern die Spitze der Charts. Selbst in den USA sorgte der Song für Aufsehen. Er erreichte Platz 72 der Billboard-Charts, Rang zehn der Billboard Disco Top 80 und wurde regelmäßig von Hip-Hop-Pionier DJ Afrika Bambaataa aufgelegt. Und dies, obgleich in den USA damals kaum jemand verstanden haben dürfte, wovon Falco da überhaupt rappt.

Dies ist eine interessante Umkehrung dessen, was damals viele deutsche Teenager erlebt haben dürften: Der content war Nebensache, die Faszination entstand durch den flow und die cadence. Jedoch war Falco mitnichten ein „klassischer“ Rapper, sondern vollführte vielmehr eine Art Sprechgesang. Sprechpassagen, häufig Falco-typisch mit arrogant und dekadent gefärbter cadence, vermengen sich mit „echtem“ Gesang, wie beispielsweise in Junge Roemer.

Erst Anfang und Mitte der 1990er drang Deutschrap bis in den Mainstream vor. Es hatten sich regelrechte Zentren für deutschen Rap gebildet, die für bestimmte Hip-Hop-Künstler standen, zum Beispiel Hamburg (Fettes Brot, Samy Deluxe, Die Fantastischen Vier, Deichkind) und Stuttgart (Freundeskreis, Absolute Beginner). Während der Deutschrap von Gruppen wie Fettes Brot und den Fantastischen Vier häufig als „Spaßrap“ bezeichnet wurde, sollte man nicht außer Acht lassen, dass es mit eher unbekannten Hip-Hop-Formationen wie Advanced Chemistry auch deutschsprachige Künstler gab, die sich ernsthafteren Themen widmeten. Durchaus vergleichbar damit, dass US-amerikanischer Rap im Kern ein Mittel der afroamerikanischen Kultur ist, um sich gegen Unterdrückung und Chancenungleichheit auszusprechen, rappten Advanced Chemistry vor dem Hintergrund neonazistischer Anschläge über Rassismus und Ausgrenzung.

Deutschrap: heute

Deutschrap ist heute durchaus ein sehr vielfältiges Konstrukt. Seit der Jahrtausendwende entwickelte sich eine Art deutscher Gangsta Rap heraus, die vor allem dank des ehemaligen Plattenlabels Aggro Berlin kommerzielle Erfolge feiern konnte und dies bis heute tut. Interpreten wie Bushido, Sido und Eko Fresh widmen sich in ihren Songs häufig Themen wie Gewalt, Sexismus und benennen soziale Brennpunkte.

Daneben gibt es jedoch auch viele Deutschrap-Künstler, die beispielsweise dem klassischen Rap zuzuordnen sind (Prinz Pi), deutschsprachigen Rap mit Pop kreuzen (Cro, Max Herre) oder ihn mit Reggae und Funk vermischen (Jan Delay, Peter Fox). In jüngerer Zeit schaffen viele Künstler aus dem Bereich des Deutschrap den Einstieg in den Mainstream dadurch, dass sie sich auf speziellen Internetplattformen bei Rap-Battles engagieren. Dazu zählen zum Beispiel Rapper wie Kollegah, SpongeBOZZ und der kommerziell überaus erfolgreiche Capital Bra.

Deutschrap: auf die Ohren, fertig, los

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Rupert ist ein Illustrator und Designer aus München. Er arbeitet seit seinem Designstudium als freischaffender Illustrator und Designer, national und international hauptsächlich in der Musikbranche und im Editorial Bereich. Mehr findet ihr unter: www.rupertgruber.com.

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Bildquelle: Rupert Gruber

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