Braucht die Welt den Glauben noch?

Glaube Religion

Von Simone Mauer

Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins ist ein Wissenschaftler durch und durch. Wissenschaft und Religion scheinen sich noch nie besonders grün gewesen zu sein, aber Dawkins hat besonders radikale Ansichten was Glaubensfragen angeht. In seinen Büchern Der Gotteswahn und die Schöpfungslüge rechnet er mit den bestehenden Religionen knallhart ab und beschränkt sich dabei nicht auf eine bestimmte Glaubenslehre, sondern stellt das System des Glaubens allgemein infrage. Für ihn ist Religion nicht nur völlig überflüssig, sondern gefährlich. Ein Gedankengang, den man angesichts der aktuellen globalen Spannungen zumindest nicht gerade als abwegig bezeichnen kann.

 

Wo bleibt da die freie Wahl?

 

Dawkins ist nicht der Erste, der den bestehenden Weltreligionen kritisch gegenüber steht. Auch Nietzsche hatte so seine Probleme mit dem Glauben und verkündete „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet.“ Mit dieser Aussage wollte der Philosoph dazu aufrufen, sich vom strengen Regelkatalog von Kirche und Religion frei zu machen, die eigenen Werte zu vertreten und mit diesen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dieser Gedankengang dürfte Dawkins nicht ganz fern liegen, auch wenn er nicht die Meinung teilen würde, dass Gott jemals existiert hätte. Er bezeichnet sich als jemanden, der die Wahrheit liebt – und Religion und Wahrheit haben seiner Meinung nach nichts gemeinsam.

Religion sei oftmals Zwang von außen. Man wird als Mensch in ein Land, in einen Kulturkreis hineingeboren, muss dem Druck seiner Umwelt standhalten und kann daher nicht immer frei über den Glauben und somit das eigene Leben entscheiden.

 

Evolutionstheorie? Pffft!

 

Religion ist also ein Thema, das stark mit Wissen, Freiheit und Macht zusammenhängt. Menschen können durch ihren Glauben an etwas unglaublich manipuliert und gesteuert werden. Fast scheint es, als geben einige ihre eigene Verantwortung und Mündigkeit an etwas Höheres ab. Inwieweit der Glaube und wissenschaftliche Erkenntnisse auseinanderklaffen können, macht der Kreationismus in den USA deutlich. Ausgerechnet im mächtigsten, wirtschaftlich stärksten Land der Welt, stehen 40 Prozent der Bevölkerung der Evolutionstheorie äußerst skeptisch gegenüber. Sie glauben, dass die Erde erst 6000 Jahre alt ist, leugnen, dass Menschen von anderen Lebewesen abstammen und behaupten, Menschen und Dinosaurier hätten zur selben Zeit auf unserem Planeten gelebt. Kein Witz. Dieser Glaube und die damit verbundenen Ansichten werden auch an Schulen gelehrt.

Der Glaube kann also teilweise blind für wissenschaftliche Erkenntnisse machen, hat aber positive Auswirkungen auf das eigene Empfinden von Zufriedenheit und Glück. Religiöse Menschen sind laut Studienergebnissen oftmals glücklicher als Nichtgläubige. In einer Langzeitstudie in Großbritannien wurden 300.000 Menschen zum Thema „persönliches Wohlbefinden“ im Zusammenhang mit Religion und Glaube befragt. Das Ergebnis: Hindus sind am glücklichsten, dicht gefolgt von Christen, Juden und Muslimen. Das Schlusslicht bildeten Personen, die sich selbst als nicht gläubig bezeichneten, wobei die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen nicht besonders stark ausgeprägt waren. Religion und Glaube scheinen Menschen also zumindest einen messbaren Nutzen für das eigene Glücksempfinden zu bringen.

 

Auf einer Stufe mit Elfen und Kobolden

 

Der Religionskritiker Dawkins sagt über Gott: „Wir können nicht beweisen, dass es ihn nicht gibt, das macht ihn trotzdem nicht sehr wahrscheinlich.“ Er vergleicht Gott mit Elfen und Kobolden – da kann man genausowenig beweisen, dass es sie gibt oder eben nicht gibt. Trotzdem scheint sich die Welt oftmals besser ertragen zu lassen, wenn zumindest die Möglichkeit besteht, auf jede noch so absurde Frage eine Antwort parat zu haben.

 

Das Ziel: Ein reflektierter, kritikfähiger Glauben

 

Selbstverständlich ist die Liste der Schandtaten, die im Namen von Religionen oder in deren Zusammenhang begangen wurden, lange und beängstigend und kann oftmals auch in einem politischen Kontext gesehen werden: Kreuzzüge, Hexenverbrennung, Steinigung von Menschen, Verfolgung von Homosexuellen, Selbstmordattentate. Angesichts dieser Taten kann man Dawkins zumindest in diesem Punkt beipflichten: Ja, Religion kann gefährlich sein, wenn ein Gott oder eine Religion über Menschen, deren Würde und deren Leben gestellt wird. Man sollte allerdings bedenken, dass Glaube und Religion viel Leid über die Menschheit gebracht haben, Gläubige jedoch Halt und nicht zuletzt einen höheren Sinn in ihnen finden, der ihr Leben erträglicher macht. Etwas, das nicht jeder Mensch ausschließlich aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, der Philosophie oder der Literatur schöpfen kann. Und wer könnte den Menschen einen friedlichen, reflektierten, kritikfähigen Glauben, der das Leben und die Freiheit eines jeden Menschen respektiert, verdenken?

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Bildquelle: Stefan Kunze unter CC0 Lizenz