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Hassobjekt: die Demenz meiner Oma

Ich kann meiner Oma nichts mehr erzählen, ihre blöde Demenz lässt sie alles vergessen. Und ich kann ihr nicht helfen.

Meine Oma ist dement. Sehr dement. Und es wird leider immer schlimmer. Seit einem Jahr ist sie im Pflegeheim. Anfangs war das wie eine Strafe für sie, mittlerweile hat sie akzeptiert, dass es anders nicht mehr geht. Zumindest sagt sie mir das bei jedem Besuch, mehrmals. Das und eine Hand voll weiterer Dinge, es sind jedes Mal dieselben Geschichten, die sie mir erzählt. Jedes Mal ist sie froh darüber, dass sich alle in unserer Familie so gut verstehen. Jedes Mal fragt sie mich, wie es mir in der Schule geht. Dass ich schon lange mit der Schule fertig bin, studiere und sogar bald schon meinen Abschluss machen werde, weiß sie nicht mehr. Sie hat es vergessen und egal, wie oft ich es ihr sage, sie wird diese Informationen nicht mehr in ihrem Kopf speichern können. Es ist wie bei einer alten Schallplatte, die kaputt ist und immer wieder dasselbe abspielt.

Es gibt kein Heilmittel gegen das Vergessen

Meine Oma ist mit ihrer Demenz-Krankheit nicht alleine. In einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, wird auch die Demenz zu einem immer größeren Problem. Die Medizin hinkt hinterher, es gibt kein Wunder-Heilmittel gegen das Vergessen. Ich hasse das. Ich hasse es, dass ich meiner Oma nichts mehr erzählen kann. Ich hasse es, dass ihre Demenz sie alles viel zu schnell vergessen lässt. Es ist schon ein Gewinn für mich, wenn sie mich erkennt und sich an meinen Namen erinnert. Meistens hält sie mich zuerst für meine Cousine. Sogar meinen Bruder hat sie schon für meine Cousine gehalten, obwohl es absolut keinen Anhaltspunkt gibt, an dem man die beiden verwechseln könnte.

Es wird nicht mehr besser

Bei jedem Besuch muss ich sie stützen, damit sie die drei Schritte bis zu ihrem Stuhl schafft. Dann sitzt sie da, in ihrem oma-typischen, aber gepflegten hellblauen Pullover und der dunklen Stoffhose, so klein, so zerbrechlich. Zusätzlich zu ihrer Demenz ist sie auch noch schwerhörig. Alles, was ich zu ihr sage, muss ich laut und deutlich sagen, meistens zweimal. Sie erklärt mir dann, dass sie mich schon verstanden hat und dass ja bei ihr im Kopf noch alles funktioniert. Obwohl ich diese Worte schon tausend mal gehört habe, bin ich froh darüber – zum Glück merkt meine Oma nicht, wie wenig es bei ihr im Kopf noch funktioniert. Es gibt diese seltenen Momente, in denen ihr ihre eigene Demenz bewusst wird. Das sind die Schlimmsten, denn dann weint sie oder wird sauer. Eine verständliche Reaktion, wenn man darüber nachdenkt, wie man sich fühlt, wenn man Dinge vergessen hat. Was soll man also als Enkelin tun, um die Tränen seiner Oma zu stoppen? Ihr zu sagen, dass alles gut wird, wäre gelogen. Es wird nämlich nicht mehr besser.

Hauptsache, sie lacht

Meine Strategie ist Humor. Ich versuche, sie so oft es geht zum Lachen zu bringen. Was hat sie denn im Pflegeheim mit schwerer Demenz sonst noch groß zu lachen? Also ziehe ich sämtliche Register, erzähle lustige Anekdoten meiner Familienmitglieder und über deren Haustiere. Ich sehe ihr Lachen so gern. In diesen paar Sekunden kann sie ihre Schmerzen und ihren immer gleichen Alltag vergessen, dann lebt sie im Moment und kann es genießen, dass ich bei ihr bin. Dass sie noch da ist. Nie hätte sie gedacht, dass sie so alt wird – ja Oma, ich weiß. Das sagst du mir immer. Bei jedem Lachen legt sie mir ihre faltigen, immer kalten Hände auf die Schultern oder auf den Schoß und sagt, wie froh sie doch ist, dass sie ihren Humor noch hat. Und dass sie ihn sich nicht nehmen lässt. Die schlimmsten Besuche sind die, in denen meine Strategie nicht aufgeht. Wenn sie nicht mehr lacht und nur davon redet, dass sie sterben möchte. Ich kann es ihr nicht mal verdenken, wie lebenswert ist das Leben schon, wenn du dich nicht mehr auskennst, alles vergisst und jeder Tag gleich abläuft? Und doch treibt mir der Gedanke Tränen in die Augen. Einerseits wünsche ich ihr diese Erlösung, andererseits kann ich mir nicht vorstellen, sie zu verlieren. Keiner weiß, wie viel Zeit meiner Oma noch bleibt. Mir bleibt also nur, sie weiterhin so oft wie möglich zum Lachen zu bringen, in der Hoffnung, dass sie dadurch ein wenig von ihrer Demenz abgelenkt ist.

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Bildquelle: via Unsplash unter CC0 Lizenz

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