Hassobjekt: Freunde, denen Du angeblich etwas schuldig bist

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Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „Freunde, denen Du angeblich etwas schuldig bist“.

Ein Hassobjekt von Christiane Wurm. Illustriert von Alike Schwarz

Jeder kennt sie, keiner braucht sie: Freunde, deren Lebensmotto lautet: „Immer wenn ich etwas für Dich tue, werde ich Dich bei jeder Gelegenheit daran erinnern. Du schuldest mir jetzt was! Für immer!“ Jeder kennt doch die Situation, in der man in gemütlicher Runde noch mal kurz erwähnt, dass schon bald der Umzug ansteht und man ja schon noch ein paar helfende Hände gebrauchen könnte. Was dann passiert ist eigentlich immer gleich: Ein Drittel hat sofort eine Ausrede parat, so viel ist sicher. Rückenschmerzen, Job, Besuch der Großtante Trude an jedem verdammten Wochenende, ganz egal. Dann gibt es da die echt guten Freunde, die eh immer da sind und schon vor Wochen zugesagt haben. Und dann gibt es da diese ganz spezielle Gruppe von Menschen: die machen erst mal ein bisschen (oder auch ganz viel) Drama, denn eigentlich hätten sie da ja den Halbmarathon am Schliersee laufen wollen, zur Taufe der kleinen Nichte gemusst oder gar selbst an diesem Tag geheiratet. Aber weil man so gut befreundet und die Person ein ach so toller Mensch ist, wird das natürlich abgesagt. Unter Freunden macht man das so.

An diesem Punkt sollten schon alle Alarmglocken läuten. ACHTUNG, das wird böse enden. Aber man braucht ja Hilfe und ist froh um jeden, der mit anpackt. Der Umzug ist dann eigentlich ganz schnell gemacht, man hat ja nur ein paar Sachen und noch vor 18 Uhr sitzt man mit Bier und Pizza im neuen Heim und alle sind happy. Ein ungeschriebenes Gesetz lautet doch „Umzugshilfe unter Freunden wird mit Alkohol und Fressalien vergütet“, oder? Ich empfinde es beispielsweise schon fast als Ehre, wenn man mich fragt, ob ich helfen würde. Da weiß man, dass man entweder als sehr, sehr stark gilt oder aber als echter Freund betrachtet wird. Denn echte Freunde helfen Dir beim Umzug.

Bis auf diesen Freundschafts-Nazi. Der hat nämlich mindestens Blasen an den Händen vom Schleppen, sich den Fuß verstaucht oder sich höchstwahrscheinlich die Schulter ausgekugelt. Und er wird nicht müde, Dir das zu sagen. Nicht nur heute, sondern wann immer Du ihn sehen wirst, wird er Sätze bringen wie: „Ey, weißte noch, als ich Dir beim Umzug geholfen hab und mir dann so krass die Schulter verletzt hab? Du bist mir was schuldig, ist Dir schon klar, oder?“. Ja, ne, is klar. Angekommen. Warum nur – denkt man sich dann – hab ich die Person eigentlich gefragt?

„Ich hatte doch letztens das Bier gezahlt, heute bist Du dran, gell!“

Noch hässlicher wird das Ganze nur noch, wenn es um Geld geht. Geld, das man sich geliehen hat… Geld, das kurzfristig ausgelegt wurde. Oder eben Drinks, die (wie man dachte freiwillig) ausgegeben wurden. So sieht das dieser eine Freund allerdings nicht. Für ihn gilt, dass alles immer ganz fair aufgeteilt werden sollte. Vor allem, wenn er die Runde bezahlt hat. Was mit all Deinen anderen Freunden wunderbar funktioniert – am besten wenn man schon acht Runden hatte – nämlich das Teilen der Getränkerechnung, wird mit dieser Person schier unmöglich. Denn selbst wenn er mal freiwillig was ausgibt, dann geht auch das nicht ohne Drama. Da wird eine Flasche Wein oder sechs Bier bestellt, nur um sich dann den restlichen Abend darüber auszulassen „wie scheißteuer alles ist in der Stadt und dass man das nächste Mal lieber daheim vorglühen sollte“. Da wird dann noch schnell eine Exceltabelle aller bisher getätigten Ausgaben angefertigt, bis Du Dich letztendlich dazu entscheidest Kopfschmerzen vorzutäuschen und lieber ohne Drink nach Hause zu gehen. Denn Du weißt, dass Du Dir diese Leier jetzt mindestens die nächsten acht Wochen anhören darfst. Denn er hat ja letztens gezahlt, weißt schon noch, oder?

Bitte – hört damit auf!

Ehrlich mal: Warum kann man nicht einfach mal etwas aus Freundschaft tun, ohne eine gottverdammte Gegenleistung zu erwarten? Klar, man solle sich keinesfalls von Schmarotzer-Freunden materiell oder emotional ausbeuten lassen. Aber ab und an mal ein Bierchen ausgeben, ist das so schrecklich? Und so oft ziehen die meisten von uns ja auch nicht um, als das man das dann andauernd thematisieren muss. Und selbst wenn, muss da immer gleich eine Gegenleistung her? Und muss ich mir jahrelang anhören, wer mir wann und wo bei was geholfen hat?

Bitte liebe Freunde – lasst das doch. Denn beim nächsten Mal, werde ich Euch nicht mehr um Hilfe bitten, sondern nur noch meine engen Freunde, denen bin ich nämlich nichts schuldig, ganz egal wie oft sie mir helfen.

Mehr Illustration von Alike Schwarz bekommt Ihr per Mail unter a.schwarz@tradesign.de !

Alike Schwarz ist eine junge Illustratorin, die in der wunderbaren Schwarzwaldstadt Freiburg lebt und studiert. Nun verbildlicht sie in unverkennbarem Stil für ZEITjUNG.de das wöchentliche Hassobjekt –  mit ganz viel Witz und Liebe. Danke!

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Titelbild: Alike Schwarz

Autorin: Ich bin die nicht ganz so typische BWL-Studentin, die eigentlich viel lieber den ganzen Tag nur Schreiben will, gerne mal ein Bierchen zu viel trinkt und ständig nach 'nem neuen Job sucht. Ich fühle mich ständig missverstanden und fühl mir nirgends so richtig daheim. Auf dem bayrischen Dorf aufgewachsen, über Köln nach München und trotzdem irgendwie heimatlos. Grandiose Voraussetzungen für einen Schreiberling!