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Neonazi-Rapper bei KissFM: Die Ruhe nach dem Shitstorm?

Ein jüdischer Autor wird von einem Berliner Radiosender eingeladen, einen Neonazi-Rapper zu interviewen. Er soll aber bitte keine kritischen Fragen stellen.

Am 9. Oktober war der Neonazi-Rapper Makss Damage beim Berliner Radiosender Kiss FM eingeladen. Dort interviewten ihn zwei Moderatoren in einer Sendung namens „Deutschland – dein Land?“. Der Shitstorm mag vorbei sein, aber die Debatte geht weiter. Sollte sie zumindest. Denn Auftritte wie dieser ermöglichen, dass rechte Hetze in Deutschland salonfähig bleibt.

Der Plan der Sendung sah vor, dass die beiden Moderatoren der Sendung den Rapper interviewen und der israelische Autor Shahak Shapira live dazu geschaltet wird. Das geschah jedoch nicht, wie Shapira bei Zeit Online berichtet. Außerdem gab es einen medialen Shitstorm, da die Fragen an den rechten Musiker unkritisch waren und seine Antworten unkommentiert blieben. Shapira schrieb auch, dass der Vorfall eine Debatte über den Umgang mit Neonazis ausgelöst habe. Und zwar zu Recht, denn Makss Damage ist kein besorgter Bürger, der sich mal auf einer AfDVeranstaltung informieren möchte. Er ist ein Nazi so plakativ wie aus dem Bilderbuch und verdient damit Geld.

 

Ich sage, was ihr mich nicht fragen dürft, aber ihr seid die Lügenpresse!

 

Er bot nach der Sendung Shapira ein Gespräch an, dabei müssten aber die Themen Holocaust und Nationalsozialismus rausfallen, denn über die könne er nicht reden, ohne sich dabei strafbar zu machen. Laut dem Volksverhetzungsparagraphen ist die öffentliche Billigung, Leugnung oder Verharmlosung des Völkermords unter nationalsozialistischer Herrschaft strafbar. Damit wäre seine Einstellung zum Thema geklärt. Er postet „lustige“ Bilder vom Straßenschild einer Adolfstraße, beklagt die „schändliche Missachtung“ der „deutschen Mütter“ und sieht sich mit seiner Musik als Unterstützung des „nationalen Widerstandes“. Dem „Lügensender“ ZDF möchte er nur gegen Bezahlung Interviews geben und lobt die von der „Systempresse“ verunglimpften Ostdeutschen. Die „One-World-Perversion der USA“ ist ihm auch ein Dorn im Auge, genauso wie die „Zecken“ von der Antifa.

 

Sein letzter großer Auftritt war zusammen mit der Band „Stahlgewitter“ bei einem Konzert in Süddeutschland. Genauere Ortsangaben teilte er nicht mit, genauso wie bei jedem anderen Konzert. Anmerkung dazu: Das ist eine typische Strategie bei rechten Konzerten, um zu verhindern, dass Polizei oder Demonstranten anwesend sind. Zuschauer des Konzertes, die Karten gekauft haben, kriegen erst kurz vorher Bescheid, wo das Konzert stattfindet. Wer eine hohe Schmerzensgrenze hat, kann alle genannten Aussagen auf seiner Facebookpage nachlesen. Seine Lieder tragen Titel wie „Antideutsche Hurensöhne“ oder „Rechter Haken“.

 

Diesen Mann lud der Radiosender Kiss FM zu einem Interview ein. Die Moderatoren fragten ihn, ob er Döner esse und ließen ihn ansonsten unkommentiert reden. Dazu veröffentlichten sie eine Stellungnahme, in der sie betonten, dass der Sender multikulturell sei und, dass der Imam Dr. Ali Özgür Özdil, der ebenfalls in der Sendung zu hören war, auch zugestimmt hätte, alle Seiten beleuchten zu müssen. Aber muss es sich bei „allen Seiten“ um jemanden handeln, der schon wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde? Ja, die rechte Szene in Deutschland existiert und ist größer, als man sich eingestehen möchte. Sie zu ignorieren und komplett von der Berichterstattung ausschließen zu wollen, spielt ihnen leider in die Hände. Denn genauso wie Makss Damage, beklagen viele Neonazis, dass die BRD (nicht Deutschland) sie mitsamt der Presse verraten würde. Der Staat ist ein bekanntes Feindbild, genauso wie Ausländer und Linke.

 

Kann man mit Neonazis überhaupt reden?

 

Aussagen wie die von Makss Damage gießen bei der momentanen Stimmung in Deutschland nicht nur Öl ins Feuer, sondern zeigen auch wie weit es schon gekommen ist. Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Affinität zum Nationalsozialismus sind für Makss Damage und seine 10.000 Facebook-Fans eine normale Meinung. Diese Meinung bildet dann gerne auch mal die Basis für Aktivismus im nationalen Widerstand. Die Fans fahren nicht nur zu Konzerten, die für sich schon hoch politisch sind wegen der eindeutigen Texte und des Katz und Maus Spiels im Vorfeld. Sie sind auch bei Demonstrationen oder anderen Aktionen mit Gewaltpotenzial anwesend. Rapper wie Makss Damage bilden also eine leuchtende Vorbildfigur für Neonazis und Sympathisanten. Außerdem zeigt er auch den „das wird man ja noch sagen dürfen“-Leuten, dass sich endlich mal einer traut und, dass das auch noch so in Ordnung ist, weil wir ja Meinungsfreiheit haben. Mit solchen Leuten müssen wir einen anderen Umgang finden. Klar kann man einen Neonazi zu einer Radiosendung einladen. Dann allerdings mit Kommentaren, politischen Fragen und Gesprächspartnern. Wenn wir uns so auf die Diskussion einlassen, können wir die gebotene Bühne nutzen.

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