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Hassobjekt: Joviale Businesstypen

Big Ideas, Big Business: Diese Woche hassen wir ganz besonders joviale Businesstypen. Ein Hassobjekt von Lucas Gros.

Text: Lucas Gros; Illustration: Lotte Düx

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten ab sofort immer Montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „Joviale Businesstypen“.

Es gibt Leute, die machen aus jeder Situation ihres Lebens eine Transaktion. Das klingt abstrakt? Ja, sicher. Das ist es auch. Man sieht und merkt es nicht einmal, so abstrakt ist es. Es liegt außerhalb des Denkbaren und Wahrnehmbaren, man spürt es nicht und fühlt sich sogar noch gut behandelt, während man ausgenommen wird. Es ist sozusagen ein verbaler Antanz-Trick – zack, ist das Handy weg. Das Stichwort lautet: Jovialität.

Von vorn. Jovialität, der Begriff rührt vom römischen Gott Jupiter her, der auch Jovis genannt wurde. Als jovial bezeichnete man jene, die unter dem Planet des Jupiter geboren wurden. Sie galten als optimistisch, ausgelassen und lebhaft. Grundsätzlich ja nichts Schlechtes. Heute bedeutet Jovialität lehrbuchmäßig Leutseligkeit. Auch das ist ja zunächst einmal okay. Auf andere Leute offen zugehen, dagegen ist nichts zu sagen. Dabei können mindestens lustige Abende, manchmal sogar Freundschaften entstehen.

 

Von oben herab

 

Gerade in bayerischen Biergärten macht man diese Erfahrung gern. Nicht selten nach der dritten Maß. Diese Leutseligkeit ist aber gleichzeitig eine Bierseligkeit. Mit der Leutseligkeit, um die es hier geht, hat sie dennoch eins gemeinsam: Die Leute, mit denen man sich im Rausch ausgelassen austauscht, sind einem am Ende des Abends meist egal.

Genauso und doch anders ist das mit den Jovialen. Denn Jovialität ist, entgegen der Bierseligkeit, perfide. Sie kommt von oben herab, ist kalkuliert und wird taktisch eingesetzt. Man kommt nicht mit Leuten ins Gespräch, weil einem langweilig oder weil man interessiert ist, sondern weil man auslotet, ob es was zu holen gibt.

 

“Genau Sie wollte ich sprechen!“

 

Man geht nicht auf eine Party, weil man Lust aufs Feiern hat, sondern um sich zu „connecten“. Am Telefon sagen solche Leute Sachen wie „genau Sie wollte ich sprechen“, obwohl es ihnen eigentlich egal ist, wer ihnen ihr Problem löst. Joviale Menschen sind der Typ Management- und Führungskräfte-Seminar, sie sind der Typ Siegelring, sie sind Verkäufer ihrer selbst.

Sie helfen alten Damen nicht deshalb komplimentierend über die Straße, weil sie das wollen, sondern um die aufgetakelte Uschi auf der anderen Straßenseite klarmachen zu können. Man kann ihnen deshalb vielleicht gar keinen Vorwurf machen. Aber mehr als ekelhaft ist dieses Verhalten allemal – menschlich und inhaltlich.

 

Die Suggestion von Nähe

 

Jovialität ist die Suggestion von Nähe und Interesse, einer Beziehung. Die dahinterstehenden Ziele werden verschleiert. Die wahren Machtverhältnisse und Motive bleiben im Dunkeln. Gesellschaftlich wird dieses Verhalten toleriert oder sogar gefördert. „Gute Manieren“ habe derjenige, der sich jovial gibt. „Ein gewinnendes Wesen“ oder „einen tollen Ausdruck“. Letztlich muss man sagen, ist er oder sie aber einfach nur ein riesiges Arschgesicht.

Denn schon wer sein Auftreten dazu nutzt, andere zu manipulieren, um sich persönlich einen Vorteil zu verschaffen, ist richtig übel drauf. Wer das aber noch hinter der Maske des ewigen Sonnenscheins verbirgt – naja, das Wort „falsch“ wäre an der Stelle wohl untertrieben. Deshalb: Immer aufpassen, mit wem man Geschäfte macht. Auf Parties ebenso wie im Job. Maskenball ist nicht nur in Venedig. Vor allem nicht der verbale.

 

Lotte Düx ist eine junge Illustratorin und Designerin, die nach Stationen in Wiesbaden und Köln ihre Wahlheimat in München gefunden hat. Mit einer Vielfalt an Stilen illustriert sie pointiert und detailverliebt ebenso das Schöne und Skurrile, wie Missstände und das aktuelle Zeitgeschehen. Daneben findet sie noch Zeit für ZEITjUNG das wöchentliche Hassobjekt mit ganz viel Liebe zu illustrieren. Danke!

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