Die große Herausforderung: optimiertes Ich vs. echtes Ich

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If it doesn’t challenge you, it doesn’t change you! steht gefühlt an jedem Spiegel im Fitnesstudio. Get out of your comfort zone ist der Grund, warum wir reisen. Und auf unseren Körpern prangt irgendwo ein Symbol oder ein Schriftzug, die unsere innere Stärke ausdrücken. So ein richtig verwegenes und tiefgründiges Tattoo. Wir lieben Herausforderung, Wettkämpfe – selbst das Versagen kann man verbessern.

Aber weil heute alles möglich ist, weil heute alles erreichbar scheint, frage ich mich manchmal, ob wir jede Herausforderung annehmen müssen, wann wir wirklich unsere Comfort Zone verlassen und warum wir es uns manchmal künstlich schwer machen. Und vor allem frage ich mich, warum wir lieber viral unsere „Stärken“ unter Beweis stellen – wie mit der A4-Waist-Challenge oder fragwürdigen Nominierungsvideos – als im Alltag über unseren eigenen Schatten zu springen.

 

Kein Richtig. Ein Falsch.

 

Ich meine jene Momente, die so häufig vorkommen, dass wir es eigentlich längst können sollten und trotzdem gelingt es uns weniger oft und weniger gut als etwa alleine durch Südamerikas Dschungel zu wildern. Zum Beispiel: Entschuldigungen. Fehler eingestehen. Loslassen. Ehrlich sein. Integrität. Das alles sind Leerstellen unseres Habitus, weil es definitiv ein Falsch, aber kein Richtig, schlichtweg keine Messlatte gibt, an der wir uns orientieren könnten.

Denn woher weiß ich, wie sehr ich jemanden verletzt habe? Wann ist genug genug? Wie viel Ehrlichkeit ist angebracht? Und ist mein Verhalten wirklich unmoralisch oder war es nur eine kreative Auslegung von Rebellion? Gerade weil diese Situationen kein Wettbewerb mit der Welt sind – ihren Schönheitsidealen, ihren Coolness-Faktoren, ihrem Ruf nach Optimierung – sondern mit uns, unseren Werten, unseren Prioritäten, fallen sie schwer. Und sich selbst nicht als das Wichtigste der Welt zu begreifen, von sich selbst Abstand zu nehmen, gehört erst recht zu den Knackpunkten einer Generation, die sich am liebsten selbst definiert.

 

Als wäre man Batman…

 

Doch nicht nur, dass der Spaß fehlt und diese Art von Herausforderung nicht zur öffentlichen Selbstinszenierung gedacht sein sollte. All diese emotionalen Eskapaden haben mit unseren dunklen Seiten zu tun, passen nicht zu unserer Konzeption von „als Gutmensch gekleidet in Fair-Trade-Fashion und definitiv nicht Besitzer einer Offshore-Firma„. Obwohl wir theoretisch wissen, dass Fehler menschlich sind und Perfektion langweilig ist, sieht das praktisch ganz anders aus.

Denn der Schatten, über den wir springen müssen, besteht nicht aus den Schwächen, die niedlich sind und die wir in NEON-Kontaktanzeigen lesen. Oder aus den Fehlern, die wir in Vorstellungsgesprächen nennen und bereits zum eigenen Marketing nutzen. Denn was ist an Aggression charmant, an Dünnhäutigkeit sexy, an Ignoranz liebenswert, an Habgier schön, an Neid bewundernswert, an Maßlosigkeit großartig? Das dramatisch-neidisch-sturr-gemeine Sensibelchen in mir würde sich jetzt gerne ein Cape umhängen und so tun, als wäre es Batman, als wäre es trotz einer imaginär-tragischen Geschichte und zu vielen schlechten Taten im Endeffekt gut und heldenhaft – doch das nicht zu tun, ist Teil der Challenge „Ich gegen mich selbst.“

 

Ich gegen den Rest der Welt.

 

Über den eigenen Schatten zu springen bedeutet, ihn zunächst zu kennen und wahrzunehmen, bevor man mit viel Anlauf und Überwindung auf seine andere Seite gelangt. Und doch wissen wir, dass wir ihn niemals loswerden. Aber darum geht es auch gar nicht. Über sich selbst hinauszuwachsen und sich zumindest für einen kurzen Augenblick über jene dunkle Seite zu stellen: Das ist Größe.

Natürlich ist nichts gegen diese großen, sichtbaren Ausnahme-Challenges einzuwenden. Wir können dann demonstrieren, wie schlank wir sind oder trinkfest oder mutig, oder wie man herausragend scheitert. Reisen in fremde Länder lassen uns sicherlich interessantere Geschichten erzählen. Und ohne Frage haben Diätpläne und das Abbrechen von Zelten mit Selbstüberwindung und Disziplin zu tun. Aber wenn wir diese Kämpfe kämpfen, sollten wir das nicht für unser Image tun. Denn sonst wird aus der Erwartung hinter Herausforderungen – nämlich zu einem besseren Menschen zu werden – in der Realität schnell hässliche, situationsgebundene Selbstinszenierung und wir müssen uns trotz aller Siege eine Niederlage gegen den Leistungsdruck eingestehen. Und schon steht das nächste Duell an. Der amtierende Sieger: Die idealisierte Version von uns. Der Kontrahent: Wir.

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