Ein-Pfeffi-mitGlückGroupie-MythenHurtsInterview

Was wir von Hurts über Groupie-Mythen und Glücklichsein lernen können

Wir haben uns mit Hurts getroffen und über Groupies, Glücklichsein und Herzschmerz geredet. Und darüber, wie man am besten traurige Songs schreibt.

Als Hurts 2010 mit „Wonderful Life“ auf der Bildfläche und – VIVA sei Dank – auf zahlreichen Bildschirmen erschienen, dachte man, Depeche Mode seien wieder auferstanden. Schwarze Anzüge, hochgeschlossene Hemden, zurückgegelte Haare, die dem Milchbubi-Undercut zeigen, wo es lang geht und Gesichter, denen eher selten ein Lächeln auskommt. Dazu leicht depressiver Synthie-Pop und fertig ist das 80er-Revival. Spätestens seit Til Schweigers „Kokowääh“ sind Theo Hutchcraft und Adam Anderson aus Manchester auch eingefleischten Kuschelfilm-Fans ein Begriff, die mit Dandy Look und New-Wave-Elektro davor wohl eher wenig zu tun hatten. Ich treffe Hurts vor ihrem Auftritt in München eher französisch angehaucht, in Streifenpulli und mit Baskenmütze an. Zu meiner Erleichterung lachen sie mich sogar an. Das Resting Bitch Face ist wohl doch nur professionelle Attitüde.

Pfeffi ist so kurz vor der Show leider nicht wirklich angesagt, also muss ich meine Nervosität zum Eisbrecher umfunktionieren. Klappt auch ganz gut. In bezauberndstem Dialekt versichern mir die beiden, dass sie selbst sehr nervös sind. Mit Sicherheit.

 

ZEITjUNG: Wie läuft eure Tour bisher? Habt ihr ein Rock’n’Roll-Tourleben, wie man sich das so vorstellt?

Theo: Welche Dinge hast du da im Kopf?

Groupies, Parties und viel Alkohol.

Theo (lacht): Nein, wir haben keine Zeit, weil wir meistens nur reisen. Wir spielen eine Show, steigen in den Bus und fahren los, weil wir auf der Tour ziemlich lange Strecken zurücklegen müssen. Wir sind also ganz gut beschäftigt. Immer wenn ich Frauen treffe, sagen sie zu mir: „There must be groupies everywhere“. Aber die Wahrheit ist: Wir spielen eine Show, da ist eine Barriere zwischen uns und dem Publikum, wir beenden die Show, wir steigen in den Bus, wir fahren in ein anderes Land, wir gehen backstage in einer Halle wie diese hier und sitzen da den ganzen Tag. Dann spielen wir eine Show und da ist wieder eine Barriere. Also eigentlich interagieren wir nicht mit besonders vielen Leuten, es ist also eher ein Mythos, der da rumgeht. Aber manchmal gibt es schon die ein oder andere Party.

Das neue Album heißt „Surrender“. Bedeutet der Titel, dass ihr vor irgendetwas kapituliert?

Theo: Nein, es geht um Freiheit. Es geht darum, seine Barrieren aufzugeben und solche Dinge. Das ist es, was wir bei diesem Album machen wollten, uns selbst keine Beschränkungen zu geben, einfach frei zu sein und zu versuchen, uns selbst voranzubringen. Aber „Surrender“ hat auch eine dunklere Bedeutung. Zum Ende hin wird das Album viel dunkler und ich glaube, dass das bei den meisten unserer Alben so ist, es zeigt zwei Emotionen.

Habt ihr euch bei den ersten beiden Alben so gefühlt, als hättet ihr Barrieren?

Adam: Nein, ich glaube nicht. Wir sehen sie eher als Produkte unseres Lebens. Wir haben sie in sehr kleinen Umgebungen geschrieben, das erste Album in einem winzigen Raum. Die Themen basierten auf unseren Leben, in denen wir eher begrenzte Entfaltungsmöglichkeiten hatten. Wir waren in Manchester, haben die Stadt nie verlassen und manchmal ging es uns ziemlich mies, wir waren arm. Das hat also zu diesem Gefühl geführt. Aber wir haben uns entwickelt, wir müssen das nicht mehr machen. Also haben wir für das dritte Album die Welt bereist.

„Surrender“ klingt glücklicher als „Happiness“ und „Exile“. Seid ihr selbst auch glücklicher? Ist euer Erfolg ein Grund dafür?

Theo: Eigentlich nicht, das Album zeigt nur eine andere Seite von uns und unserer Persönlichkeit. Es hat ein bisschen gedauert, bis wir herausgefunden haben, wie wir das zeigen können. Wir sind einfach wie normale Leute, wir sind glücklich, traurig, all das. Es hat sich sehr befreiend angefühlt, diese andere Seite zeigen zu können. Ich denke, das verleiht auch den traurigeren Songs auf den ersten zwei Alben mehr Bedeutung. Ich glaube, es war wichtig zu zeigen, dass wir normale Persönlichkeiten haben, beide Arten von Songs haben diese Kraft. Am Anfang war es hart, herauszuarbeiten, wie wir das schaffen können, aber es war erfrischend.

Glaubt ihr, dass Erfolg glücklich macht?

Adam: Ich glaube, es macht dein Leben einfacher. Bevor wir erfolgreich wurden, waren wir sehr erfolglos und das Leben war sehr schwierig. Jetzt haben wir den Luxus, Musik machen zu können und uns keine Sorgen darüber zu machen, wann wir das nächste Mal essen.

Theo: Aber wir haben es trotzdem total geliebt. Das mit dem Glücklichsein ist lustig, es verändert sich nicht wirklich, es ist dasselbe geblieben. Als wir kein Geld hatten und uns abgerackert haben, haben wir es trotzdem geliebt, Musik zu machen und Konzerte zu geben, auch wenn sie für ungefähr fünf Leute waren. Es waren nicht nur Jahre voller Elend, wir hatten trotzdem Spaß. Und jetzt ist es dasselbe. Wir sind dankbar, dass wir immer noch die Chance bekommen, das zu tun, weil wir so viel Spaß daran haben.

Als „Somebody To Die For“ im Radio rauf- und runterlief, war es ein ziemlicher Herzschmerz-Song für mich. Hattet ihr selbst Liebeskummer, als ihr den Song geschrieben habt?

Theo: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich schon oft so gefühlt. Wenn man einen Song schreibt und der Text dreht sich um eine bestimmte Sache, legt man seine Gefühle offen dar. Du schreibst über Dinge, die du kennst und die dir nah sind, aber du weißt nicht, ob jemand dasselbe fühlt. Wenn man Musik hört, denkt man oft: „Ist das nicht toll, dass jemand versteht, was ich durchmache“. Aber das Gegenteil ist genauso wahr. Dass du das jetzt zu mir sagst, ist für mich, als würde eine Last von meinen Schultern fallen. Jedes Mal, wenn mir jemand sagt, was ihm ein Song bedeutet, denke ich: „Wow! Ich habe das gleiche Gefühl und jemand versteht das“. Das ist die große Macht davon, glaube ich.

Müsst ihr in genau dieser Stimmung sein, wenn ihr Songs schreibt? Oder reicht es, sich an traurige Momente zu erinnern?

Theo: Es ist nicht einfach, Musik zu schreiben, wenn man traurig ist. Es ist einfach, traurige Musik zu schreiben, wenn man glücklich ist, weil du auf die Emotionen zugreifen kannst. Es ist sehr schwer, irgendwas zu machen, wenn du unglücklich bist, wie du weißt. Es ist schon schwer, einfach rauszugehen. Ich glaube, der Schlüssel ist, solche Erfahrungen zu machen und sie wieder abrufen zu können.

Drei Dinge, die euch glücklich machen? Außer Musik, Familie und die typischen Dinge?

Adam: Ich glaube, es wäre eine ziemlich mistige Antwort, zu sagen, dass Fußball mich glücklich macht (Theo lacht). Ich mag komische Sachen. Ich mag es von Arbeit institutionalisiert zu werden. Jetzt sind wir auf Tour, das macht mich glücklich. Shows zu spielen, ist großartig, weil du Feedback bekommst, zu Sachen, die du erschaffen hast. Du kriegst endlich etwas zurück. Oft wenn man Musik macht, versteht man nicht wirklich, was es bedeutet, bis man es in den Augen der Leute sieht. Das macht mich glücklich. Und Fußball.

Theo: Ich mag Filme, Spazieren gehen und Äpfel. Mit Musik wären das vier. Das wäre ein fantastisches Leben für mich, wenn ich alle diese Sachen machen könnte. Filme schauen, Äpfel essen und ewig rumlaufen.

Viele eurer Lieder erzählen Geschichten, wie viel Wahrheit steckt darin? Zum Beispiel in „Wish“, wo ihr diese Frau in einem Ort namens Whitechapel habt stehen lassen?

Theo: Das Lied ist tatsächlich sehr, sehr spezifisch. Die meisten Songs sind aus Tatsachen entstanden. Vielleicht werden sie in einen anderen Kontext gesetzt oder leicht geändert, aber sie basieren immer auf der Wahrheit. Das ist sehr wichtig, denn daher kommen die Emotionen. Es macht es einfacher, Texte zu schreiben, wenn sie wahr sind (lacht). Es ist schwerer, Dinge zu erfinden.

Die Frau, um die es in dem Song geht, weiß also, dass sie gemeint ist?

Theo: Nur, wenn sie es gehört hat. Ich glaube nicht, dass sie es gehört hat. Ich habe es nicht geschrieben, damit sie es hören kann, falls das Sinn macht (lacht). Aber sie könnte es gehört haben.

Ihr schreibt eure Songs grundsätzlich zusammen. Geht ihr euch nicht manchmal auf die Nerven?

Theo: Nein, es macht Spaß. Wir streiten uns nie über Musik, denn es ist aufregend und angenehm. Wenn man einen Song schreibt, gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Du denkst vielleicht an etwas und sprichst das dann aus und wenn es nichts gibt, das besser ist, dann bleibt es so. Es ist ein ziemlich natürlicher Prozess. Es ist nicht wirklich stressig, Musik zu machen. Wenn man es nicht stressig werden lässt. Es ist wie ein Puzzle. Wir sitzen da zusammen, schauen uns alle Teile an und sagen: ‚Lass uns das da hinsetzen, und dieses dorthin‘. Und schließlich hast du dann ein Puzzle. Außer, dass es ein Song ist.

 

Auf der Bühne stolziert Theo in schönster 80er-Jahre Ästhetik herum und wirft mit Rosen um sich. Man sieht den Jungs aus Manchester an, wie glücklich sie das alles macht. Trotz Resting Bitch Face.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=3u3MXqMDQ90

https://www.youtube.com/watch?v=BMozNgS8cAA

Folge ZEITjUNG.de auf FacebookTwitter und Instagram!

Bildquelle: privat

 

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren