Normcore: Eine Generation sehnt sich nach Normalität

Normcore Trend Individualität Persönlichkeit

Grauer Sweater, Jeans, Sneaker und Käppi mit Logo irgendeiner Firma, wie Siemens, Ferrari oder Tengelmann. Gemeinsames Merkmal all dieser Kleidungsstücke: Sie sind unaufgeregt, unisex und, noch wichtiger, auch dein Großvater hätte sie tragen können.

Das ist also Normcore: Klamotten, die aussehen, als wären sie direkt aus der Seniorenabteilung bei Karstadt. Sneaker, die nicht der aller-krasseste-Kanye-West Oberhammer sind. Frisuren, die den Namen Frisur eigentlich gar nicht so sehr verdienen.

Aber wem erzählen wir das schon? Normcore ist mittlerweile auch in den verschlafensten Mode-Städten angekommen. Für viele modebewusste junge Menschen ist dieser Trend, nach langem Hin- und Her, endlich die Lösung aller Probleme. Es geht darum, sich unauffällig und doch ganz geil anzuziehen: Normcore ist unaufgeregt hip. Ein Nicht-Stil. Eine Absage an gesponserte Fashion-Blogs und unglaubwürdig schöne Modemädchen.

“Unerträglich selbstgefällig“?

Normcore spaltet Meinungen: Den Welt-Autor Peter Praschl regt Normcore auf, denn seiner Meinung nach ist der lediglich ein neuer “Hipster-Trend, der anmutet wie die große Koalition: redlich, manierlich und unerträglich selbstgefällig.“

Seine Aussage liegt nun schon gut drei Jahre zurück, die Wortschöpfung Normcore, zusammengesetzt aus dem englischen “normal“ und “hardcore“ schon ganze vier. Die amerikanische “Trend-Forecasting“ Agentur K-Hole hat in einem super-hip anmutendem Bericht “Normcore“ als die Zukunft der Mode verkündet. Und wie Recht sie hatten: Schon 2016 ist Normcore, also junge Menschen in unaufgeregten Klamotten, in der Mitte der Generation Y und vielleicht noch ein bisschen mehr bei unseren Nachfolgern, den jetzigen Teenagern zwischen 14 und 20 Jahren, angekommen.

Rapper Yung Hurn macht zum einen geniale Lieder, wie „Opernsänger“ („lalala, Figaro, lalala“) oder „Nein“ („Nein, nein, nein“) und ist zum anderen ein perfektes Beispiel für einen Vertreter der Generation Y/Z: Der junge Wiener kleidet sich betont „normal“. Papas Bomberjacke, Stan Smiths mit Klettverschluss und halb-ironisches Iron Maiden-Shirt. Hip, Hipper, Yung Hurn. Obwohl seine Songs alleine schon für ein bisschen Fame ausreichen sollten, ist anzunehmen, dass die stringent durchgezogene „Normcore-Ästhetik“ dazu beigetragen hat, dass es beim “Hurn“ im Moment so gut läuft.

Peter Praschl hatte also Unrecht: Ein Trend wie dieser ist tatsächlich zum Allerersten mal nicht das aufgewärmte Abendessen irgendwelcher deutlich cooleren Vorgänger-Generationen. Dieses eine Mal hat es unsere eigene Generation geschafft, einen eigenen und weltweiten Trend zu kreieren. Schon klar, Normcore ist im Vergleich zu den schillernden 80ern, wenig innovativ. Aber manchmal ist weniger eben doch mehr. Und genau damit vermag es Normcore uns durch seine “normalen“ und unaufgeregten Züge zu fesseln – mit weniger.

Dieser ganz normale Hardcore ist nämlich genau das, was einer dauer-verwirrten Generation, wie unserer gut tut. Der Grundgedanke: Normcore erlaubt uns fesch, hip und trendy zu sein, ohne uns vollkommen zu verausgaben. Klar, Übung macht den Meister und noch kein Normcore-Genie ist vom Himmel gefallen, aber Normcore kann man lernen. Das ist ja das Geile.

Bye, bye Individualität

Waren wir früher noch sehr dringend um Distinktion bemüht, ist es heute vielleicht gar nicht mehr so wichtig unbedingt “anders“ zu sein. Vorbei die Zeiten von Stern-Tattoos auf Handgelenken oder schwarzem Kajal und pinken Kurzhaarschnitten. Die Illusion der Individualität ist schlicht und ergreifend so schwer aufrecht zu erhalten geworden, dass die meisten sie einfach aufgegeben haben. Unzählige Blogs, 900 Freunde auf Facebook und weltweite Vernetzung lassen keinen Platz mehr für den kleinen Indie-Traum. Wir haben einfach schon alles und jeden gesehen.

Was liegt da also näher, als sich ganz und gar der Normalität hinzugeben.

Ein Realitätscheck:

Die Realität des Normcores ist natürlich doch ein bisschen komplizierter. Längst ist aus einem Trend eine Industrie gewachsen, die sich darauf spezialisiert hat “besonders-normale“ Klamotten herzustellen. Von COS über American Apparel bis H&M sind alle fleißig dabei jungen Menschen möglichst langweilige Klamotten zu verkaufen. Unaufhaltsam rast ein Trend, der von ein paar Jahren an Fahrt gewonnen hat in Richtung Ausverkauf: Selbst der Wikipedia Eintrag des Begriffs “Normcore“ scheint gekauft zu sein. Dort ist zu lesen, dass Firmen, wie Abercrombie&Fitch oder Desigual sich speziell auf junge Leute und ihren Wunsch nach normalen Klamotten fixiert haben. In Internetsprache, entwischt einem bei dieser Verbindung doch ein kleines „lol“:

Die reizüberfluteten Kleidungsstücke von Desigual oder die über den Arschbacken endenden Jeans von Abercrombie haben wohl so gut, wie nichts mit dem zu tun, was Normcore versucht zu verkörpern. Es geht um die oberflächliche Langeweile, ausgelöst durch Reizüberflutung, einer ganzen Generation. Klar ist uns nicht immer langweilig, doch das Gefühl der Chancenlosigkeit durch Chancenüberfluss ist wohl die eine Emotion, die unsere Generation am meisten ausmacht. Und außerdem das Gefühl, das wir als allererste zu spüren bekommen haben. Normcore, als Art sich zu kleiden, ist also lediglich der Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls: Die Visualisierung unseres Wunsches nach Normalität.

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