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Interview mit einer Sexhotline-Arbeiterin: “Ich musste nicht probestöhnen”

Beleidigungen und Lebenskrisen am anderen Ende der Leitung: ein Anruf bei der Sexhotline.

Von Maxi Jung

20 Minuten lang kannst du für nur 4,99 Euro im Strip Chat deines Vertrauens mit Tyra machen, was du willst. Wenn man wochenlang krank im Bett liegt, schläft man tagsüber und erfreut sich an den kurzen Werbeunterbrechungen der Nacht, gefüllt mit Silikonbrüsten, die für Live-Chats mit SunAvocado und TyraBarona werben. Da hat sich einiges geändert, nicht nur die Sandys und Chantalles sind ersetzt worden, auch die Hotlines werden nicht mehr so intensiv beworben. Dementsprechend läuft auch Bruces mahnender Spruch “Ruf lieber deine Freundin an” für einen Mobilfunkanbieter nicht mehr.
Damit konnte man bestimmt ordentlich Geld verdienen, als Student keine schlechte Idee. Ich rufe Martina an, die nicht Martina heißt. Und die als Sabine vor 13 Jahren bei einer Sex-Hotline gearbeitet hat.

ZEITjUNG.de: Hallo hier ist Maxi, ich würde gerne mit der geilen Sabine reden.

Martina: Weißt du, wie spät es ist?

Es ist Sex Uhr?

Was willst du?

Hast du dich bei deinen Kunden auch so angestellt?

Nee, aber da hab ich ja auch Kohle bekommen.

Ich stöhn dir auch nicht in den Hörer. Bevor die Sex-Hotlines mit den von Großmüttern oder Studentinnen erotisch gehauchten Nummern aus unseren nächtlichen Zapping-Sessions komplett verschwinden, erzähl mir ein bisschen was über deinen alten Nebenjob.
Hat jemand deine verruchte Stimme gehört und gesagt: Martina, du solltest bei einer Sex-Hotline arbeiten?

Als ich 18 war, hatte ich eine Mitschülerin, die hatte ständig Geld, hat nirgends gearbeitet, konnte immer weggehen und hatte tolle Klamotten. Erst hat sie rumgedruckst, ich dachte, vielleicht geht sie auf den Strich. Dann hat sie damit rausgerückt, dass sie bei einer Line arbeitet.

Du warst also jung und wolltest das Geld?

Ich war neugierig, wollte wissen, wie die Arbeit so ist und natürlich, wie viel man da so verdient. Das war ja damals noch zu D-Mark-Zeiten, da hat die Minute 1,99 DM gekostet, eine Mark durfte man behalten.


Ordentlicher Stundenlohn…Und da hast du dann gleich gedacht, los geht’s?

Naja, ich war ja erst 18 und da war ich noch nicht so offen, eher etwas schüchterner, auch bei Dirty Talk, da denkt man sich schon: Ich kann sowas eh nicht, wer will schon dafür bezahlen? Dann hab ich mal bei ihr zugehört, das macht man ja von zu Hause aus. Ich musste die ganze Zeit lachen, man kannte sich ja aus der Schule und auf einmal saß man neben der geilen Alexandra, die ins Telefon stöhnte!


Und wie hast du dann den Job bekommen? Gab es ein Vorstellungsgespräch?!

(lacht) Ich musste nicht probestöhnen, nein. Ich hab einfach gesagt, dass ich da arbeiten will, dann hab ich über die Freundin mit einem Mitarbeiter von der Line gesprochen und schon hatte ich den Job. Ich musste nur nachweisen, dass ich volljährig war. Per Überweisung habe ich dann mein Gehalt bekommen.


Wie war dein erstes Mal?

Da hast du einen PIN gehabt und vom Festnetz aus bei einer kostenlosen Nummer angerufen und warst damit eingewählt. Die Typen wurden dann zu dir durchgestellt und bis dahin warst du in einer Art Warteschleife, aber das ging eigentlich sehr schnell – damals war Telefonsex sehr populär, auch tagsüber nach der Schule; wenn man sich eingewählt hat, haben Männer aus ganz Deutschland angerufen.

Am Anfang ging es gar nicht, ich hab immer aufgelegt, das konntest du natürlich immer machen, jemanden wegdrücken oder auflegen. Aber du wurdest dann immer gefragt, warum du das gemacht hast. Es wurde auch mitgehört, man wusste nie, wann, aber ab und zu wurde mitgehört. Auflegen und auch melden durftest du immer bei strafrechtlich relevanten Themen wie Kinderpornographie oder Rechtsextremismus. Genauso konntest du das Gespräch beenden, wenn einer darauf gepocht hat, deine private Telefonnummer oder Adresse zu erfahren. Bei Beleidigungen durften wir auch auflegen.


Mit deinen Kunden hast du aber nie was Privates besprochen, oder? Also du hast ihnen nicht erzählt, wie dein Tag war, was du arbeitest?

Doch, wir hatten nur die Anweisung, nicht zu verraten, wo wir arbeiten oder welche Schule wir besuchen und wie gesagt, nie die Adresse oder Telefonnummer weiterzugeben. Aber wir konnten dann irgendwelche Geschichten erzählen.


Was war die Geschichte von Sabine?

Sabine war blond, 21, 1,72 m groß. Die Sabine, die war rasiert, da hat fast jeder danach gefragt, auch damals schon.


Was wollten die Typen hören?

Teils, teils, ich hab dann einen Tipp von einer Kollegin bekommen: Ich sollte sagen, dass ich teilrasiert bin, so hab ich die, die auf rasiert standen damit getröstet, dass ich den Streifen ja noch wegrasieren konnte und die, die auf unrasiert standen, haben sich damit zufriedengegeben, dass ich gesagt hab, dass ich es ja wieder wachsen lassen kann.


Hast du dann beim Abnehmen des Hörers Sabine angeknipst oder immer noch lachen müssen und dir bei komischen Vorlieben gedacht: “Was für ein Spinner?”

Ja, du musst es mit Humor nehmen, auch die Spinner.


Abgesehen vom klassischen Telefonsex, was wollten die “Spinner” denn so?

Da war einer dabei, der wollte dominiert werden, dem sollte ich vorschreiben, was er machen soll. Knie auf den Boden, leck den Boden, steck deinen Kopf ins Klo, spüle, leg deine Hand auf den Herd, leg deinen Schwanz auf den Herd. Er stand da drauf und ich hab ausprobiert, wie weit ich gehen konnte. Natursekt, Kaviar, Socken und Beleidigungen waren auch immer wieder dabei. Ein paar haben die Rollen vertauscht und den Telefonsex für mich übernommen, ich musste nur noch “Oh geil, ja” stöhnen.


Hat dich mal jemand tatsächlich erregt?

Nee, das hat keiner geschafft.


Also 
funktioniert das Konzept bei Frauen nicht? Oder haben dich auch Mädels angerufen?

Ich kenne keine Hotline, die auf Frauen als Kunden ausgerichtet ist, in den Werbungen werden Frauen höchstens bei Sex-Dating-Apps mitangesprochen. Für mich persönlich kam es nicht in Frage, weil ich nicht scharf werden konnte, ohne zu wissen, wie der Mann aussieht. Mich haben aber oft Pärchen angerufen, die wollten, dass ich ihnen beim Sex zuhöre.


Quasi auditiver Voyeurismus?

Ja, die wollten auch nicht, dass ich irgendwas sage, ich sollte nur zuhören. Ich hab den Hörer dann oft weggelegt. Bei manchen, die nur wollten, dass ich zuhöre oder die mich vollgequatscht haben, hab ich auf Lautsprecher gestellt und die Nägel lackiert. Auf meinem Fensterbrett hatte ich einen kleinen Zimmerbrunnen und wenn Typen gefragt haben, was ich so mache, hab ich damit rumgeplätschert und gesagt, ich liege in der Badewanne. Dabei hab ich nebenbei Hausaufgaben gemacht. Du wirst halt ein bisschen erfinderisch.


Hattest du noch andere Hilfsmittel?

Ich hatte definitiv keinen Vibrator. Es hat auch keiner danach gefragt, die meisten wollten nur, dass ich den Hörer in meinen Schritt drücke, während ich es mir selber besorge. Da hast du einfach den Hörer am Pulli gerieben, das hat schon gereicht.


Gab es viele skurrile Fetischisten oder was wollten die meisten Anrufer?

Viele haben den Telefonsex als Wichsvorlage benutzt, zu der Zeit damals war das mit den Internetpornos noch nicht so gängig. Dann gab es auch welche wie den Windelmann, der hat mir dann davon erzählt, wie er in die Windeln gemacht hat. Oder der Wickelmann, der sich in Klarsichtfolie gewickelt hat und dann in den Hörer genuschelt hat. Einige haben von ihren Fetischen erzählt und mich gefragt, was ich dazu sagen würde, als suchten sie Bestätigung bei mir. Einige Fetische, wie die Strangulation, waren befremdlich bis beängstigend – wenn du Angst haben musst, dass sie sich vielleicht selbst erwürgen.

Die meisten wollten aber auch einfach nur quatschen, hatten Probleme mit der Ehefrau und wären eigentlich bei der Telefonseelsorge besser aufgehoben. Es gab Tränen, Lebenskrisen, Verzweiflung. Denen hab ich dann tatsächlich einen Therapeuten empfohlen.

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