Interrail-Tickets for free: Uns geht’s wohl zu gut

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Wir sind eine ziemlich reisegeile Generation und das ist schon lange kein Geheimnis mehr. Kaum haben wir dem Schulalltag Ade gesagt und das Schulgebäude auf Nimmerwiedersehen verlassen, wollen wir in kurzer Zeit möglichst viel von der Welt sehen und am besten in einem Jahr den halben Globus bereist haben. Diesen Wunsch halten anscheinend auch die deutschen Politiker der Europäischen Volkspartei (EVP) für unterstützenswert.

Um unsere Generation endlich noch mehr zu pampern, machte der Fraktionschef der EVP Manfred Weber im Namen der gesamten Partei einen Vorschlag: Jeder Jugendliche sollte zu seinem 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket geschenkt bekommen, mit dem er quer durch Europa reisen kann, um die kulturelle Vielfalt zu erschnuppern. Die Kosten für dieses Projekt werden laut Spiegel auf knackige 1,5 Milliarden Euro geschätzt. Eine ordentliche Stange Geld! Kein Problem für den EU-Haushalt, denn der kann die Preise anscheinend locker übernehmen. Wir stellen uns dabei allerdings mehr die Frage: Muss man uns wirklich so den Arsch pudern?

 

Gratis Lebenserfahrung? Wie geil ist das denn!

 

Anscheinend muss man das, denn es gibt auch außerhalb der EVP einige Politiker, die sich für die Idee der kostenlosen Interrail-Reise aussprechen und sie, wie Vize-Europaparlamentspräsident Alexander Graf Lambsdorff (FDP), „sehr sympathisch“ finden. Mit dieser Aktion soll ganz besonders die europäische Identitätsbildung in der jungen Generation gefördert und gestärkt werden. Netter Versuch, liebe Politiker, doch die meisten von uns nehmen dieses Angebot eher folgendermaßen auf: Gratis reisen? Nehm‘ ich! Endlich mal ganz Europa sehen und dabei mein Instagram-Profil wieder in Fahrt bringen. Einfach mal wieder ein paar Wochen vor mir, meinen Verpflichtungen und all den anderen Überforderungen in meinem Leben weglaufen. Diese Reise ist definitiv mit Abstand das beste Geburtstagsgeschenk aller Zeiten? Mag sein. Noch ein weiterer Grund, sich auf den lang ersehnten 18. Geburtstag zu freuen? Sicherlich. Gibt’s denn eigentlich noch ein paar kostenlose Lunchpakete?

 

1,5 Milliarden für Europas Imagebildung?

 

Schieben wir den imaginären Balken der Gratis-Reisen und Lunchpakete vor unserem inneren Auge schließlich zur Seite, blicken wir auf einen unebenen Boden der Tatsachen voller Schlaglöcher in Europa, die man mithilfe des saftigen Urlaubsgeldes von 1,5 Milliarden Euro sicherlich teilweise beheben könnte. Das Internetportal Statista veröffentlichte im Juli 2016 die aktuellen Werte der Jugendarbeitslosigkeit in Europa und die Ergebnisse sind nahezu erschreckend und für uns unvorstellbar. Im schönen Spanien, wo wir auf unserer kostenlosen Interrail-Reise nur kurz Halt machen, um in Madrid ein Selfie zu schießen, sind mit einer Prozentzahl von 43,9% knapp die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos, dicht gefolgt von 39,2% der jungen Erwachsenen in Italien. Auch Lissabon, das derzeit extrem beliebte Reiseziel für junge Backpacker, ist wohl nur für Urlauber paradiesisch, denn auch in Portugal beträgt die Arbeitslosenrate unter Jugendlichen 26,3% und ist mit den 7,2% in Deutschland wohl kaum zu vergleichen. Gibt es also für 1,5 Milliarden, die ja scheinbar zur Imagebildung Europas zur Verfügung stehen, wirklich keinen besseren Verwendungszweck, als Jugendliche kostenlos auf Reisen zu schicken?

Na, immer noch ein Traum, diese Gratis-Reise oder nagt sie insgeheim bereits an unserem Gewissen? Wissen wir eigentlich noch, vor welchem Privileg wir auf unseren Reisen eigentlich ständig weglaufen? Vielleicht sollten wir einfach mal wieder froh darüber sein, Verpflichtungen zu haben, die uns teilweise überfordern. Vor hunderten von Optionen für unsere Lebensgestaltung zu stehen. Und wenn wir mal ehrlich zu uns selbst sind, kann man eine Reise doch viel mehr genießen, wenn sie selbst erspart und erarbeitet ist. Oder?

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Bildquelle: Jayakumar Ananthan unter CC0 Lizenz

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