Ein-Pfeffi-mitFerris MCInterviewMusikRap

Ferris MC: „Privat bin ich eher der introvertierte Typ“

Sascha Reimann alias Ferris MC ist Teil der schrillen Gruppe Deichkind. Wir haben ihn auf einen Pfeffi getroffen und mit ihm über das Älterwerden und und den Wandel von Rap gesprochen.

Von Natalie Mayroth

 

Vor mir sitzt ein blonder Typ mit Bart im grauen Kapuzenpullover und weiten Hosen. Seine Stimme klingt immer noch rauchig rau. Nach über einem Jahrzehnt meldet sich Altrapper Ferris MC, mittlerweile 41 Jahre alt, noch einmal mit einem Soloalbum zurück. Es scheint, es war still um ihn – doch der Schein trügt, er lügt. Denn seit 2008 ist Sascha Reimann alias Ferris MC Teil der Neuformation der schrillen Gruppe Deichkind, die ihre Wurzeln genauso wie Reimann im deutschen Hip-Hop, der späten 90er Jahre hat. Das Problemkind ist vom Erdboden verschwunden. Sascha Reimann hat die falschen Freunde vom Hof gejagt, wie er es auf seinem neuen Album besingt und meldet sich aus der „fensterlosen Zeit“. Elf Jahre sind seit der Platte „Ferris MC“ vergangen. Sein neustes Werk „Glück ohne Scherben“ erscheint am 29. Mai. In Berlin Mitte treffe ich den Rapper im Sony-Apartment gesittet auf einen Pfeffi.

 

Ferris, auf einen Pfeffi: Prost!

Das schmeckt wie Mundspülung mit Alkoholflash. Vom Geschmack her würde ich jetzt gurgeln und ausspucken.

Auf Pfeffi stehst du also nicht?

Ich bin nicht so alkoholaffin. Ich trinke gerne mal Champagner, aber dann hört es auch schon wieder auf. Ich bevorzuge Espresso und rauche eine Zigarette dazu.

Dein letztes Soloalbum ist 11 Jahre her, aber ganz aus der Übung bist du nicht. Mit Deichkind warst du auch fleißig.

In den sieben Jahren, wo ich bei Deichkind bin, ist jetzt das dritte Album (Anmerkung der Redaktion: „Niveau Weshalb Warum“ erschien am 30.01.2015), dass ich mit ihnen erarbeitet habe. Nebenbei habe ich Technoelektro-Projekte gemacht und die Schauspielerei. Und dazwischen habe ich noch an meinem neuen Album gearbeitet, das jetzt endlich raus kommt.

Wie lange sitzt du schon daran?

Ungefähr ein Jahr habe ich gebraucht, wovon ein halbes Jahr an den Texten gefeilt wurde. Ich brauchte Inspiration und Denkanstöße, um mich vom alten Ferris MC, den ich damals begraben hatte, loszulösen.

Was ist von dem alten Ferris MC begraben worden und was ist noch da?

Im Endeffekt verarbeitet der Neue auf dem Album ein paar Sachen vom Alten. Aber nicht so direkt, wie ich das früher gemacht habe, in dem ich sage: Ich bin anders, als alle anderen und total extrem. Ich lasse das lieber in tiefer gehende Texten mit einfließen, die nicht pseudointellektuell abdriften, sondern geradlinig sind und eine Emotion, eine Stimmung transportieren sollen.

Dann sagt du nicht mehr: „Ich bin der Freak“?

Das mache ich nicht mehr (lacht). Privat bin ich eher der introvertierte Typ, auch wenn das nicht den Eindruck macht. Durch die Stücke auf meinem Album beweise ich, dass ich natürlich noch eine Freakness in mir habe und auslebe. Aber ich muss das nicht mehr auf mein T-Shirt schreiben. Ich habe als Person Ecken und Kanten behalten, wollte meine Musik aber abrunden. Das neue Album hat dadurch einen Grad an Massentauglichkeit dazu gewonnen.

Bist du durch die Bandmitgliedschaft bei Deichkind mainstreamiger geworden?

Mainstream hat mit Erfolg zu tun, der ausbleibt, wenn man nur im Underground stattfindet. Ich habe im Gegensatz zu früher keine Berührungsängste mehr mit Massentauglichkeit und Pop. Zur „Arbeit nervt“- Zeit 2008 hatte Deichkind noch ein Problem damit. Das Lied „Luftbahn“ auf „Arbeit nervt“, das ich geschrieben habe, ist schon sehr kitschiger Pop. Unsere Haltung änderte sich 2012 mit dem Album „Befehl von ganz unten“.

Was meinst du mit Pop?

Pop, wie ich ihn früher definiert habe, ist nicht mehr derselbe. Unter Pop versteht man heutzutage Musik von Udo Lindenberg bis Alternative-Indie-Rock. Es gibt die musikalische Seite von Pop, die auch einen Anspruch hat und es gibt diesen platten Großraumdisko-Pop à la Vengaboys (A.d.R.: eine niederländische Eurodance-Band). Mit dem Pop möchte der andere gar nicht identifiziert werden. Ich tendiere zum Ersten, zum musikalischen Pop.

Spielt dabei nicht mit, was gerade den Zeitgeist trifft, um Pop und Massentauglichkeit zu definieren?

Ich bin kein Zukunftsvisionär, Deichkind auch nicht. Wir hatten nur unheimliches Glück, dass wir 2012 mit den Songs „Bück dich hoch“ und „Leider Geil“ den Nerv der Zeit getroffen haben und mit „Niveau, Weshalb, Warum“ – anscheinend auch. Die Frage ist, ob ich mit einem Album, wie „Glück ohne Scherben“ fortsetzten kann. Ich fange bei null an.

„Glück ohne Scherben“ – das trifft gar nicht zu, wenn man den letzten Song „Happy End“ hört?

„Happy End“ ist ein Trennungssong, bei dem ich mit dem filmischen Happy End spiele: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ich habe das als Wortspiel gedacht. Das Album behandelt Themen aus dem Leben. Für mich ist es ein gutes Ende, dass ich mich von dieser Person getrennt habe.

Nach Trennung sieht dein Ring am Finger aber nicht aus.

Ach so, ich bin glücklich verheiratet. Die Geschichte bezieht sich auf Ex-Beziehungen und ist allgemein für jeden, der eine Trennungsgeschichte vor sich hat. „Was wir erschufen, war eine Ruine. Ich schmiss deine Sachen aus dem Fenster und hoffte du folgst ihnen.“ – Solche Gefühle in kaputten Beziehungen kennt man. Doch die haben nichts mit meinem aktuellen Lebenszustand zu tun.

Mit was dann?

Meine aktuelle Lebenssituation hat mit dem Albumtitel zu tun: Glück ohne Scherben. Man sagt Scherben bringen Glück und früher war es bei mir auch so, dass ich erst aus einem riesigen Scherbenhaufen mein Glück, meine Texte, meine Leidenschaft und Aggressivität gezogen habe. Da musste vorher alles erst kaputt sein und mein ganzes Leben war ein Scherbenhaufen mit zerrüttetem Familienverhältnis. Das habe ich zur Genüge ausgelebt und auf all meinen Texten vorher zelebriert. Aber jetzt befinde ich mich in einem Zustand, in dem ich Glück empfinde, ohne Scherben. Und es sind keine Scherben mehr nötig.

In dem Album verarbeitest du deine letzten zehn Lebensjahre?

Ich habe sie aufgearbeitet.

Du hast in einem Interview erzählt, dass du in der Schule ein „No-Future-Kandidat“ warst. Wann hat sich das geändert?

Auf dem Album „Asymmetrie“ habe ich die Zeile: „Captain No Future ohne Antwort auf Fragen, zu viel Wissen könnt‘ ich nicht ertragen, um Spaß zu haben“ – aber genau nach der Veröffentlichung dieses Albums 1999 war ich finanziell gesehen aus der No Future-Generation raus. Allerdings habe ich noch bis 2003 ein selbstzerstörerisches Lebenskonzept geführt. Das hat sich mit der Drogenfreiheit von Jahr zu Jahr gewandelt. Und dann kam irgendwann die Zeit der Existenzängste, die ich aber auch überwunden habe.

Wie fühlst du dich heute?

Mittlerweile lebe ich angstlos und frei. Ich habe mit 41 Jahren mehr Power, als ich mit 25 hatte. Als ich noch Drogen konsumiert habe, war ich ein Wrack. Jetzt fühle ich mich mit vollem Saft im Leben. Ich weiß, wie ich meine Energie aufteilen kann und nicht unkontrolliert so viel gebe, bis ich nicht mehr kann.

Bist du jetzt erwachsen?

Ich bin auf jeden Fall erwachsen geworden. Früher hatte ich das Herz auf der Zunge. Ich habe viel ausgesprochen, ohne darüber nachzudenken. Vor allem habe ich sehr viel aus dem Bauch heraus gehandelt, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Ich hatte das Gefühl, dass viele, der ins Alter gekommenen deutschen Rapper plötzlich ganz sanft werden.

Ja, du spricht wahrscheinlich Curse an.

Nicht nur.

Sein Album ist für mich viel zu schwer verdaulich. Ich kann mir das, was so gerappt wird, wie gerappt wird, nicht mehr anhören. Bei mir kommen da keine Emotionen an.

Jetzt sind plötzlich alle erwachsen und machen diese verständnisvolle Musik?

Ich hoffe, dass ich mindestens diese Wellen habe.

Wie siehst du dein Album?

Was ich geschrieben habe, ist verdaulich und nicht so verschnörkelt. Ich versuche so mit meiner Stimme so zu spielen, dass Emotionen transportiert werden. Zwischendurch hole ich die Kettensäge in der Stimme heraus.

Du singst sogar zum Teil schon auf deinem Album.

(Lacht). Aber es ist es noch Rap. „Monstertruck“ ist zum Beispiel ein reiner Fun-Punk-Song. „Roter Teppich“ ist eine Cross-over-Nummer mit harten Gitarren und bei „Happy End“ sind es rockige alternative Riffs.

Als Hip-Hop würde ich das aber nicht mehr unbedingt bezeichnen.

Ich auch nicht. Das ist meine Musik, die ich frei von Schubladen und Kategorisierungen auslebe. Und trotzdem hat es mit Hip-Hop und Rap zu tun, weil ich dort herkomme. Dagegen kann ich nichts tun. Es sind rockige Einflüsse auf dem Album, aber es ist kein Rock-Album. Genauso ist Rap drauf, aber es ist kein klassisches Rap-Album. – No way. Pop ist auch enthalten, genauso wie Gesangs Linien und trotzdem ist es kein reines Gesangs-, kein reines Pop-Album. Es ist ein Monster von gemischten Gefühlen, Emotionen und Musikalitäten. Das Genre ist Musik. Diese Form kennt man von Beastie Boys, das waren auch keine reinen Rap-Alben.

Vor zwanzig Jahren hast du deinen ersten Track veröffentlicht. Kommt dir das lange vor?

1993 kommt mir wirklich lange vor. Asimetrie (1999) kommt mir auch noch lange vor. Die letzten 10 Jahre vergingen aber relativ schnell. Mit 26 habe ich gemerkt, die Zeit rennt immer schneller. Zwischen 30 und 40 Jahren verging schnell. Deshalb fühlen sich die 11 Jahre seit dem letzten eigenen Album gar nicht wie 11 Jahre an. Wenn ich morgen aufwache, bin ich schon 50. Da habe ich ein bisschen Angst vor.

Gibt es mit 50 Jahren noch punkige Konzerte?

Musik ist mittlerweile nicht mehr altersgebunden, wenn man sich die Toten Hosen oder Ärzte anguckt, die schon über 50 Jahre alt sind. Den Zerfall, auch den geistigen kann man noch etwas hinauszögern.

Du kämpfst du ein bisschen mit deinem Alter?

Ich fühle mich gar nicht wie 40, aber die Zahl ist scheiße. Ich wünschte schon, dass ich noch mal 30 wäre. Einen Jugendhype werde ich nicht mehr erleben. Dafür bin ich zu alt.

Wirst du jetzt zahm?

Dafür bin ich dann doch zu anti und möchte mich nicht anpassen. Ich möchte nicht auf andere Züge springen. Ich will lieber meinen eigenen Zug, mal sehen, wo er mich hinführt.

 

 

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!

Bildquelle: Ferris MC

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren