Frag Joanna! „Kann es sein, dass ich keinen Orgasmus bekommen kann?“

Joanna Stein Sex Kolumne

Birds do it, bees do it, even educated fleas do it… Wir Menschen machen es auch, denn mal ehrlich, wir sind alle sexuelle Wesen. Wir können gar nicht anders. Blöderweise kommt uns aber manchmal die von Cole Porter beschriebene Leichtigkeit abhanden, wenn wir mit nackten Tatsachen konfrontiert sind. Plötzlich sind da Unsicherheiten, Untiefen, Situationen; Dinge sind nicht mehr taghell oder nachtschwarz. Oft bewegen wir uns in den grauen, schattigen Zwischenräumen. Und dann? Für Dr. Sommer sind wir zu alt, unsere Freunde wissen auch nicht alles und manches wollen wir sie lieber nicht fragen. Pornos beantworten einige Fragen, können aber auch neue aufwerfen. 

Geht’s dir auch so, ab und an? Wir haben uns Sexualpädagogin Joanna Stein ins Team geholt. Von nun an wird sie in ihrer Serie eure Fragen rund um die schönste Sache der Welt beantworten. 

Die Frage: Ich habe das Gefühl noch nie einen Orgasmus gehabt zu haben. Ich (23 Jahre) bin seit sechs Jahren in einer Beziehung, er war mein erster Freund. Weder er hat es beim Sex, noch habe ich es bei mir selbst geschafft, dass ich einen Orgasmus bekomme, obwohl wir schon relativ viel rumprobiert haben. Ist ein Orgasmus gar kein so unbeschreiblich tolles Gefühl, wie man immer in Erzählungen liest und ich habe deshalb bisher meine Orgasmen einfach nicht als solche erkannt? Oder gibt es Menschen, die einfach keinen Orgasmus bekommen, egal was man versucht?

Die Antwort: „Ich schreie laut auf, als mein Orgasmus mich zerbersten lässt, durch mich durchfegt wie ein alles vernichtendes Buschfeuer.“ Von einem Höhepunkt wie diesen, den E.L. James in 50 Shades of Grey für ihre Protagonistin Ana inszeniert, hat vermutlich jede Frau schon mal gelesen. Mit beginnendem sexuellen Erwachen greifen viele Mädels erst mal zu Frauenromanen, wenn sie nicht gleich mit Proust und Kundera anfangen. Neben den romantischen Wirrungen der HeldInnen liest man dann auf einmal über pulsierende Glieder und wollüstige Frauen, die so schlüpfrig sind wie eine Wasserpflanze. (Supersoft-)Porno in Buchform halt. Die Geschichten lesen sich fast alle gleich: Frau trifft Mann, verliebt sich entgegen zunächst vorhandenem Widerwillen, pi mal Daumen auf S. 60 findet man die erste saftige Sexszene, dann gibt’s noch mal Drama und am Ende sind alle glücklich. Möglich, dass uns das erst mal unser Männerbild versaut… Oder hat schon mal jemand den Ritter in glänzender Rüstung getroffen? Oder einen gut gebauten rothaarigen Schotten, der uns aus jeglicher Notlage raushaut? Anyone? Vermutlich haben wir alle irgendwann gemerkt, dass das in der Realität ein bisschen anders ist. Auch verdammt gut, aber halt ein bisschen… Na, eben realer.

 

Mindestens ein Buschfeuer

 

Was auf das Männerbild zutrifft, lässt sich möglicher Weise auch auf die Vorstellung übertragen, die wir von DEM perfekten Orgasmus haben. Die meisten Protagonistinnen in diesen Büchern haben es voll raus beim Sex, und außerdem, eh klar, immer einen Orgasmus. Mindestens einen. Wellen, pulsierende Fluten und so. Oder eben Buschfeuer.

Ein Orgasmus ist ein objektiv beschreibbarer körperlicher Vorgang, der allerdings mit einem vollkommen subjektiven Erleben einhergeht. Jede/r erlebt was völlig anderes, einige Orgasmen fühlen sich ewig an, andere ploppen mal eben so auf und sind ganz schnell wieder rum. Frag mal die Leute um dich herum: Alle finden das, was sie da erleben, ziemlich gut, aber bis auf ein paar Worte, die auf Höhepunkte einfach gut passen, wird jede/r das Empfundene unterschiedlich beschreiben.

Und damit sind wir auch endlich bei dir angelangt. Vermutlich ahnst du schon, worauf ich hinaus will. Natürlich ist es möglich, dass du schon die ganze Zeit Orgasmen hattest, sie aber als solche nicht wahrgenommen hast! Wenn man lange auf etwas ganz Bombastisches wartet, dann kann es sein, dass man etwas anders Gutes einfach verpasst… Denk mal ein bisschen zurück, und überleg dir, ob du beim Sex schon mal gespürt hast, dass sich deine Vaginalmuskulatur rhythmisch zusammengezogen hat. War da vielleicht auch ein warmes Gefühl? Ging dein Atem schneller? Wenn ja, dann ist jetzt schon alles gut! Dann weisst du, in welchen Situationen du das erlebt hast und kannst die Handlungen ausbauen, die dazu geführt haben.

 

Grübeln blockiert den Höhepunkt

 

Möglich ist aber eben auch Folgendes: Du hattest vielleicht vor ein paar Jahren immer mal einen Orgasmus, hast aber mehr erwartet, und denkst seitdem darüber nach, wann die große Explosion denn endlich mal kommt. Damit machst du dir Druck, und wenn du beim Sex ständig denkst, darüber grübelst, warum grad nichts passiert, oder ob das, was da grade in deinem Körper abläuft, vielleicht doch ein Orgasmus werden könnte, gleich, gleich, dann bist du nicht mehr voll dabei! Das kann tatsächlich komplett blockieren!

Es gibt noch viele weitere Gründe, die in erster Linie psychischer, seltener physischer Natur sind. Da du aber vermutlich eh schon ganz schön viel drüber gelesen hast, würde ich dir jetzt empfehlen, Dr. Google ’nen guten Mann sein zu lassen. Weniger denken, mehr machen! Super, dass ihr schon gemeinsam erforscht habt, was gehen könnte. Trotzdem: Mach’s dir selbst! Du willst einen Orgasmus, also musst auch zuallererst DU wissen, wie das bei dir funktioniert. Nimm dir jetzt also Zeit für dich und mach dich auf die Suche. Probier, auch wenn du das alles schon gemacht hast, noch mal verschiedene Techniken aus. Brauchst du gedankliche oder visuelle Anregungen? Ist ein Finger besser oder zwei? Schnelle oder langsame Bewegungen? Sanft oder hart? Vielleicht doch ein Vibrator oder Dildo? Oder Spielzeug und Hand? Mit Gleitgel oder ohne? Wenn sich davon etwas besser anfühlt und Anzeichen wie die oben Beschriebenen auftreten, dann bleib dabei und mach das mal länger! Wird es noch besser, dann noch mehr davon. Du verstehst das Prinzip. Und ganz wichtig: Das hat sich gut angefühlt, aber du hattest nicht das Gefühl, dass du einen Orgasmus hattest? Egal! War trotzdem schön! Vielleicht beim nächsten Mal! Kein Druck heißt die Devise.

Wenn’s wirklich gar nicht klappt, dann hast du bei FrauenärztInnen und PsychotherapeutInnen deiner Wahl gute Ansprechpartner. Beide Berufsgruppen können sich deinem Problem mit ihrer spezifischen Herangehensweise widmen. Ideal wäre natürlich beides in Personalunion. In vielen Städten gibt es außerdem Frauengesundheitszentren. Dort findest du geschulte Beraterinnen, denen du dein Problem ausführlich schildern kannst, und die dir auf jeden Fall weitere Möglichkeiten aufzeigen können.