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Ani & die Reise: ”Reisen ist geil – und weiter?“

Autorin und Bloggerin Anika Landsteiner teilt ab jetzt ihr wertvolles Reise-Wissen mit uns. Im ersten Teil: Eine Abrechnung mit verantwortungslosem Reisen und der furchtbaren Pauschalisierungseinstellung.

Nach dem Motto „Was raus muss, muss raus. Über das Reisen und über alles dazwischen.“ schreibt unsere langjährige und liebe Wegbegleiterin Anika Landsteiner auf ihrem Blog anidenkt. Daneben arbeitet sie an ihrem Buch, das 2017 erscheinen wird. Wir freuen uns sehr auf Anis Kolumne “Ani & die Reise“, die ab jetzt regelmäßig auf ZEITjUNG erscheinen wird. Packt schon mal eure Koffer!

Irgendwann gab es einen Punkt, an dem das Reisen zum Statussymbol wurde. Zum eigens ernannten Lifestyle und wer sich nicht dafür entschied, der konnte nicht mehr mitreden. Vom Sonnenuntergang in der marokkanischen Sahara, vom Sonnenaufgang auf Lombok. Die Themen rund um nahe und ferne Länder wurden zusammengequetscht unter dem Deckmantel „Schneller, höher, weiter“ und Aussagen wie „Der Flug nach New York lag bei knapp 300 Euro, da konnte ich nicht nein sagen“ sind uns alles andere als unbekannt.

 

Am Anfang war der Aufbruch

 

Ich beobachte diesen Trend, sich gegenseitig mit Reisezielen und dem dort Erlebten zu überbieten, schon lange. Ich kann gar nicht anders, mein eigenes Leben dreht sich zum Großteil ums Reisen und als sich dieses Hobby langsam zum Beruf entwickelte, fing ich an, mich noch kritischer damit auseinanderzusetzen, als ich es bereits vorher getan hatte. Von vorne:

Das erste Mal, das ich komplett alleine unterwegs war, war im Sommer 2010. Ein gebrochenes Herz und ein angespartes Sümmchen auf dem Konto lockten mich unverschämt einfach in die Abenteuerlust: Es musste eine Reise sein, alleine, um irgendwie wieder klar zu kommen, um diesen ganzen Alltagsmist mal hinter mir zu lassen. Also bin ich nach Kalifornien geflogen, habe meinen Liebeskummer in San Franciscos Starkbier ertränkt und saß am Santa Monica Pier im kitschigsten aller Sonnenuntergänge. Das Gefühl von vollkommener Freiheit überkam mich dabei. Und das Wissen, einer Generation anzugehören, der alle Türen offenstehen, weil jeder irgendwo auf der Welt jemanden kennt, den man besuchen kann, weil manche Flüge günstiger sind als der ICE von München nach Berlin, weil die Welt immer mehr zusammenwächst. Das alles ist so unglaublich normal geworden. Doch mit dieser Euphorie bleibt viel zu oft eine Sache auf der Strecke: Die Verantwortung.

 

Reisen ist geil – und weiter?

 

Noch nie in meinem Leben habe ich so stark gespürt, wie wichtig es ist, bewusst und nachhaltig zu reisen, wie in den drei Monaten, die ich dieses Jahr in Malawi gelebt habe.

Ich schrieb in dieser Zeit einen Großteil meines Buches, während ich lernte, wo Korruption seine Wurzeln hat und welche abartigen Ausmaße sie annimmt. Ich lernte, dass die meisten Menschen unter dem Begriff Entwicklungsland eine völlig falsche Vorstellung haben. Dass ein Land in der Trockenzeit ganz anders aussehen kann als während der Regenzeit. Wie Rassismus sich anfühlt. Wo Freiwilligenarbeit zum Freiwilligentourismus wird. Welche Umweltprobleme wir endlich in den Griff bekommen müssen.

Die „Reisen ist geil“-Einstellung, die uns von Freunden, Langzeitreisenden oder Weltenbummlern vermittelt wird, hört da auf, wo sie eigentlich anfangen sollte. Viel zu wenig wird über das Reisen an sich nachgedacht, viel zu selten mit einem Land vor der Abreise auseinandergesetzt. Eine meiner Lieblingsaussagen von einem Rastafari auf Sansibar dazu: „Die Menschen kommen hierher, weil sie es sehen wollen. Dann fahren sie an den Häusern und Hütten vorbei und fragen sich, wie man denn so leben kann, gehen in ihre Hotelanlagen, und wenn sie sich trauen, herauszukommen, ist der Urlaub vorbei. Das ist schon lustig.“

 

Was wirklich wichtig ist

 

Es gibt so viele Wege, bewusst und nachhaltig die Welt anzuschauen: Innerhalb der Länder auf Flüge zu verzichten oder klimabewusst zu fliegen. In Homestays zu übernachten, um die Menschen vor Ort zu unterstützen. Beim Tauchen und Schnorcheln keine Korallenriffe anzufassen. Projekte pushen, die sich der Rettung des Ökosystems Meer verschreiben. Lokal hergestellte Souvenirs kaufen. Ein paar Worte der Landessprache zu lernen und somit mit Einheimischen ins Gespräch kommen. Und, vor allem: Den individuellen Blick schärfen. Immer abwägen, Erlebnisse neu einsortieren. Niemandem ist mit einer Pauschalisierungshaltung geholfen. Das ist nichts anderes als arrogant.

Ich persönliche finde das Reisen sehr wichtig und würde nie darauf verzichten wollen. Es hilft, Vorurteile abzubauen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und selbst zu sehen, wie Regenwälder verschwinden, die Weltmeere am Müll ersticken, Völker vertrieben und Tiere ausgerottet werden. Die Welt ist alles, was wir haben. Und wer mal bei Flut über einen Holzbalken durch Mangrovenwälder spazieren durfte oder wer im Sonnenuntergang vierzig Elefanten zur Wasserstelle hat traben sehen, der weiß, dass es ein Geschenk ist. Dass „Reisen ist geil“ nicht reicht.

Und deswegen erzähle ich hier davon. Von Reisephänomenen, persönlichen Begegnungen, Dingen, die ich gelernt habe und manchmal auch der Frage: Was zur Hölle tue ich hier eigentlich?

Habt ihr auch eine Frage an Ani? Schreibt sie an die chefredaktion@zeitjung.de! 

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Alle Bilder gehören Anika Landsteiner (2) und Deniz Ispaylar (1,3).

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