Mythos JungfernHäutchen – Oliwia Hälterlein im INterview

Oliwia Hälterlein Profil

Die Vorstellung, dass sich eine jahrhundertealte Lügengeschichte immer noch hält, ist lächerlich. Schließlich leben wir doch in Zeiten, in denen wir selber alles in Büchern nachschlagen können oder uns die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie halt im Internet ansehen. Und trotzdem glauben unfassbar viele von uns immer noch, dass es ein Jungfernhäutchen gibt.

Über diese Mythos haben wir mit Oliwia Hälterlein gesprochen. Sie hat ein Büchlein rausgebracht, mit dem sie ein für alle Mal die Jungfernhäutchen-Lüge aus der Welt schaffen will.

ZEITjUNG: Was sind so die Schlimmsten gerüchte über das Jungfernhäutchen und wie ist dieser Mythos entstanden?

Oliwia Hälterlein: Ich würde ja sagen, es ist alles schlimm. Aber wenn ich mich entscheiden muss, dann ist es der Glaube, dass es das Häutchen überhaupt gibt. Also, dass da eine Haut ist, die den Vaginaleingang überspannt, die etwas verschließt und erst reißen muss. Der Glaube, dass da erst etwas kaputt gehen muss, damit man danach auch richtig beim Sex funktioniert. Zur Entstehung: Bei meiner Recherche bin ich auf ein Schriftstück aus dem 15. Jahrhundert von Michele Savonarola gestoßen. Dieser beschreibt ein Häutchen – und nennt es Hymen – welches bei der Entjungferung reißt und blutet. Damals war es aber noch viel gängiger, dass junge Mädchen, also Menschen mit anatomisch kleinen Körper, mit viel älteren und anatomisch größeren Männern zwangsverheiratet wurden. Beim Sex sind dadurch nicht selten Verletzungen entstanden, die geblutet haben. Spannender aber ist die Frage, warum sich der Mythos überhaupt so lange hält, wobei doch jeder nachlesen kann, dass es dieses Häutchen, das angeblich aufreißt, gar nicht gibt. 

Aber was wurde dann fälschlicherweise als Jungfernhäutchen bezeichnet? 
Aisha Franz / MaroVerlag

Es gibt einen Schleimhautkranz, auch vaginale Korona genannt (Anmerkung d. Redaktion: lat. Corona für Kranz, Krone). Den gibt es, weil die Vagina innen mit Schleimhäuten ausgekleidet ist. Jede Person hat unterschiedliche Schleimhäute. Diese haben Falten oder Fransen. Aber die zeigen nicht an, ob man schon einmal Sex hatte oder nicht. Niemand kann daran ablesen, ob man noch Jungfrau ist.

Apropos: Warum sind wir eigentlich so besessen von Jungfrauen? 

Diese Frage hat mich sehr beschäftigt und eine meiner Thesen ist, dass immer eine große Angst mitschwingt, wenn es um die Sexualität der Frau geht. Diese Faszination der Jungfrau ist ja sehr ambivalent. Wenn man Jungfrau ist, gilt man ja als rein. Die Person, die einen entjungfert, bekommt außerdem einen Zugang zu einem besonderen Ereignis. Gleichzeitig möchte man die Jungfräulichkeit auch hinter sich bringen. Was ist da der perfekte Zeitpunkt, zwischen zu früh und zu spät? Das kippt dann auch mal schnell, wenn eine Frau zu früh Sex hat. Und das sagt ja auch viel über den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität aus. Also wer darf wie Sex haben und wer bewertet das? 

Was Bedeutet es speziell für junge Mädchen, wenn sie mit dem Wissen aufwachsen, dass es das Jungfernhäutchen – so wie es uns beschrieben wurde – gar nicht gibt?

Leider werden  bei der ersten Sexualaufklärung  junge Menschen nicht richtig an ihren Körper herangeführt, es wird keine Selbstbestimmung vermittelt, Körperteile werden nicht richtig benannt. Es fehlt die Vermittlung von Vielfalt, selten wird gesagt,  dass jeder Körper und jedes Bedürfnis unterschiedlich  ist und sein darf. Ich bin der Meinung, dass es viel Druck rausnehmen würde, wenn man Menschen erklärt, dass es kein Häutchen gibt, das verrät, ob du schon einmal Sex hattest oder nicht. Und, dass dieses angebliche Häutchen auch  nicht der Grund ist, warum penetrativer Sex wehtun kann. Es wäre gut, wenn wir über diesen Mythos Jungfernhäutchen informieren. Ihn quasi wegradieren und die Lücke dann mit tatsächlichen Fakten füllen. Und zwar mit empowernden Fakten. Also: Wie kannst du ja sagen, wie kannst du nein sagen, wie kannst du deinen eigenen Körper kennenlernen.

Aisha Franz / MaroVerlag
Wie meinst du, kann dein Buch anderen Menschen helfen?

Ich finde es schon großartig, dass dier Satz „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ in aller Munde ist. Das freut mich total. Und ich finds dann auch immer so schön, wenn ich Kommentare höre wie ‚das ist aber ein provokanter Titel‘ (lacht). Das ist ja interessant, dass man mit der Wahrheit provozieren kann. Ich würde mir wünschen, dass die Zusammenhänge klarer werden. Also, dass das Thema nicht nur junge Menschen was angeht. Sondern, dass alle Menschen erkennen, dass diese Lügengeschichte eine Funktion hat. Damit wird das patriarchale System erhalten und es manifestiert sexistische Geschlechterrollen unter denen alle leiden. Einfach mal darüber nachdenken, welche Nachteile dieser Mythos hat und für wen genau. Und, dass Menschen eine Sensibilität dafür bekommen, wie wir über Sex und über Körper sprechen. Stellt euch einfach mal  die Frage: Wer hat denn was davon, wenn wir uns immer wieder diese Lüge erzählen?

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!
Bildquelle: MINZ UND KUNST PHOTOGRAPHY

You don't have permission to register