Holger Allmenroeder: Katholischer Pfarrer und schwul

Bild Holger Allmenroeder

Die Entscheidung des Vatikans, die Segnung homosexueller Paare zu verbieten, schlug hohe Wellen und zog Protestaktionen nach sich. Wir haben mit Holger Allmenroeder telefoniert, der selbst schwul und katholischer Pfarrer Selingenstadts (Gemeinden St. Marien und St. Margareta) ist. Typisch „frei Schnauze“ beantwortet er unsere Fragen.

ZEITjUNG: Gab es ein Alter, in dem dir bewusst wurde, dass du schwul bist? Gab es ein klassisches Outing? Wie bist du in jungen Jahren damit umgegangen? 

Holger Allmenroeder: Es begab sich zu der Zeit, als ich elf Jahre alt wurde. Da merkte ich, dass ich zwar mit Mädels gern gespielt habe, es mir aber nicht in den Kopf ging, was das denn heißt, sich zu verlieben – schon gar nicht in Bezug auf Frauen. Mit elf fing ich an, ich war auf einem Jungengymnasium, die ersten Erfahrungen zu machen. Das war wahrscheinlich der Vorteil des Jungengymnasiums. Da hatte ich keine Mädels im Weg. Ich hatte mit elf schon meinen ersten Freund, auch wenn uns gar nicht bewusst war, dass wir mehr als Kumpels sind.

Mein Vater ist ein Typ, der kam vom Baugeschäft und hatte die klassischen Vorurteile. Deswegen habe ich bis 18 mit dem Outing gewartet, weil ich Angst hatte, dass er mich in die Psychiatrie stecken würde. Das sind auch so Dinge, die ich bei anderen mitbekommen habe – dass die in die Psychiatrie gekommen sind, zum Elektroschock oder zur Konversionstherapie. Aber ich habe spätestens mit 17 vor dem Spiegel gestanden und mir gesagt: Ich bin einfach schwul. Ich möchte mich dafür auch mögen. Wer mich nicht mag, wer mich nicht liebt, kann mir den Buckel runterrutschen. Das ist mir sche*ßegal. Auch vor meinen Eltern falle ich nicht auf die Füße. Das sind sehr nette Menschen, aber sie haben auch irgendwo ihre Grenzen.

ZEITjUNG: Und wie verhielt sich das mit Gott?

Holger Allmenroeder: Nun war das Problem, dass ich mit 15 Jahren mein Gottvertrauen gefunden habe. Ich bin fromm geworden. Ich bin zwar aus keinem wirklich kirchlich praktizierenden Elternhaus, selbstverständlich war der Glaube aber schon. Mir war das aber wichtiger. Ich hatte so nette Pfarrer, die ständig sexualmoralisierten. Das ist mir auf die Nerven gegangen. So ein Schwachsinn, was die da erzählen. Das Wichtigste, was mein Glauben, mein Gottesverständnis mir aber mitgegeben hat, ist, dass ich frei bin. Ich hatte jetzt aber kein spezielles Erlebnis oder sogar eine Erleuchtung.

Mit der Zeit wurde ich leicht depressiv, hatte suizidale Gedanken. Ich habe mich gefragt, wie ich damit umgehen kann und mir dann gesagt: Entweder stehe ich zu mir selber, oder ich will nicht mehr. Mit 18 habe ich es dann dem Kirchenvorstand gesagt: Ich bin schwul. Und? Soll ich jetzt aufhören? Als Antwort kam: Oh nein! Überhaupt nicht! Aber mach nicht so einen großen Wind drum. Das fehlte noch, dass ich dem gehorche. Ich machte viel Wind darum und so ging es mir immer besser. Meine beste Waffe war die Konfrontation. Damit bin ich gewachsen. 

Fußballfan mit musikalischer Dauerbeschallung, wenn nicht gerade selbst am Klavier oder der Gitarre. Eigentlich ein geselliger Typ, der aktuell aber auch seine Liebe für Bücher und exzessiven Netflix-Konsum entdeckt.