Ist das peinlich! Warum schämen wir uns?

Schuhe auf Holzboden

Ein Stuhlbein an der falschen Stelle, ein unaufmerksamer Moment und – Zack! – da liegt man der Länge nach auf dem Boden. Sofort schießt einem die Röte ins Gesicht und man möchte am liebsten im Erdboden versinken. Warum ist das so? Und was bringt uns die Scham eigentlich?

Was ist Scham?

Als Scham wird im Allgemeinen das Gefühl bezeichnet, welches sich einstellt, wenn man sich in unangenehmen Situationen befindet. Dabei geht das Spektrum von leichter Verlegenheit bis hin zu tiefer Demütigung. Wird ein Kind zum Beispiel bei einer kleinen Lüge erwischt, wird es vielleicht verlegen auf seine Schuhspitzen schauen, eine Kündigung aufgrund eines Diebstahls führt bei den Betroffenen hingegen eher zum Gesichtsverlust. Man kann sich nun bei seinem Arbeitgeber und seinen Kollegen nicht mehr blicken lassen.

Scham kann sogar richtig krankhaft werden. Die chronische Scham zeichnet sich dadurch aus, dass man ständig das Gefühl hat, etwas falsch zu machen oder nicht dazuzugehören. Solch eine dauerhafte Scham kann zu psychischen Problemen und Traumata führen und sollte dringend behandelt werden.

Woher kommt die Scham?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass Scham lediglich in der Interaktion entsteht. Dabei muss die andere Person nicht mal im selben Raum sein. Es reicht schon ein unangenehmes Telefonat, um sich in Grund und Boden zu schämen. Wir schämen uns, weil wir negative Reaktionen unseres Umfeld antizipieren oder bekommen. Die einzelnen Auslöser in den jeweiligen Situationen sind dabei völlig individuell. Manchen Menschen sind Schweißflecken peinlich, andere finden sie normal. Manche von uns schämen sich für eine falsche Antwort in einem Meeting, andere wissen, Fehler passieren jedem mal.

Laut Wissenschaftler*innen ist das häufigste Motiv für die Scham das Gefühl von Schwäche. So schämen wir uns beispielsweise immer dann, wenn wir vor unbekannten Menschen Schwäche zeigen, uns dumm fühlen oder nicht mithalten können. Weinen in der Öffentlichkeit ist hierbei eine der unangenehmsten Vorstellungen für viele Proband*innen.

Auch kulturelle Unterschiede machen sich in der Scham bemerkbar. Während es in Schottland für Männer durchaus normal ist auch mal Röcke zu tragen, ist es hierzulande immer noch ein Tabu. Darüber hinaus machen auch Wertevorstellungen und der Bildungsgrad, sowie der soziale Stand einen großen Unterschied. Würde ich als Studentin plötzlich an einem Tisch mit der Queen sitzen, hätte ich sicher auch ziemliche Probleme mit der Etiquette.

Kann man Scham (v)erlernen?

Bis heute ist noch nicht vollständig geklärt, ob Scham angeboren oder erlernt ist. Insbesondere an der Frage der Intensität von Scham scheitern die Wissenschaftler*innen. Zwar ist geklärt, dass bereits sehr junge Kinder Scham zeigen, jedoch kann nicht ganz festgemacht werden, ob den Kindern hier wirklich etwas peinlich ist oder ob sie lediglich beobachtetes Verhalten nachahmen. Sicher ist aber, dass der Mensch ab dem 2. Lebensjahr – also mit dem Verständnis sozialer Regeln – lernt, was gesellschaftlich gesehen peinlich ist und was nicht.

Im späteren Leben lernen wir dann, dass gleich mehrere Trigger das Gefühl der Peinlichkeit hervorrufen können. Zu ihnen zählen Klassiker wie Ekel, Ärger, Liebesentzug oder Abwertung. Aber auch für scheinbar völlig natürliche Dinge kann man sich schämen. Die eigene Periode zum Beispiel oder Fehltage im Job wegen Krankheit. Wie stark die Scham ist, kommt dabei vor allem auf die Reaktion der Mitmenschen an.

Was hat Scham für einen Sinn?

Auch wenn Peinlichkeiten für uns wirklich alles andere als angenehm sind, haben sie gesellschaftlich betrachtet einen großen Nutzen. Sie führen dazu, dass wir uns an die Normvorstellungen der jeweiligen Bezugsgruppe halten, sorgen für einen stabilen Zusammenhalt und sorgen dafür, dass wir die vorherrschenden Wertvorstellungen an die nächste Generation weitergeben.

Scham ist also sowas wie eine körpereigne Polizei. Sie sorgt dafür, dass wir uns nicht danebenbenehmen.

Und noch ein Fun-Fact zum Schluss: Die Psychologie hat erkannt, dass Frauen Scham viel häufiger und intensiver empfinden als Männer. Es wird vermutet, dass Frauen beigebracht wird, dass sie sich bei einer Verletzung der eigenen Grenzen nicht so klar und deutlich beschweren sollen, wie Männer es tun, weil sie in der Gesellschaft dann als schnippig oder zickig gelten und sich dafür dann auch wieder schämen müssten.

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Bildquelle: Inga Seliverstova von Pexels, CC0-Lizenz

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.