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„Meine größte Schwäche? Ich bin zu streng mit mir“

Von gesunder Selbstreflexion ist der Weg nicht weit zum Egoismus. Eine Beobachtung zur versteckten Selbstbeweihräucherung hinter kritischen Worten.

Dass Lästern gut tut, ist kein althergebrachtes Gerücht, sondern wissenschaftlich bewiesen. Und eigentlich muss man ja dankbar sein für jede Sekunde, die sich manche Menschen mit anderen Themen als sich selbst beschäftigen. Ich nehme mich da selbst nicht aus: Manchmal sind fünf Minuten im kommunikativen Scheinwerferlicht wirklich schmeichelhaft. Aber wie man die eigene Person mit den dazugehörigen Marotten, Vorlieben und Abneigungen zum einzigen Diskussionsinhalt machen kann, werde ich nie verstehen. Am schlimmsten: verpackt unter dem Deckmantel der konstruktiven Selbstanalyse. Doch wann wird kritische Selbstreflexion zur fishing for compliments-Falle?

 

„Würdest du sagen ich trete oftmals zu selbstbewusst auf?“

 

Eine Freundin bereitete sich auf ihr erstes Bewerbungsgespräch seit Jahren vor. Da das letzte Gespräch dieser Art in der Steinzeit stattgefunden zu haben schien, legte sie sich vor allem Antworten auf die Standardfragen der damaligen Zeit zurecht. Inklusive des Klassikers: Persönliche Stärken und Schwächen. „Was meinst du? Was ist meine größte Schwäche? Würdest du sagen ich trete oftmals zu selbstbewusst auf?“ Die unbeholfene Präsentation ihres Lösungsvorschlages in Kombination mit der Fragestellung brachte mich zum Lachen. Dennoch folgte hierauf natürlich eine ausführliche Debatte. Während sie mir eine angebliche Schwäche nach der nächsten zu verkaufen versuchte und ich diese stets mit einem einfachen Gegenbeispiel abtat, kam mir irgendwann der Gedanke, dass wir schon lange keine Vorbereitungen für das Bewerbungsgespräch mehr trafen. Viel eher ging es ihr darum, Komplimente am laufenden Band einzuholen. „Nein, du bist nicht egoistisch sondern eine der teamfähigsten Personen, die ich kenne“, „Wie bitte? Nicht belastbar? Wer hat dir das denn erzählt? Weißt du nicht mehr: Damals zu Abizeiten…“ „Natürlich bist du nicht arrogant oder eitel.“ Letzteres fing ich tatsächlich an zu bezweifeln.

 

„Ich will ja nicht sagen, dass ich das nicht auch manchmal mache, aber…“

 

Ein wenig genervt nahm ich mir vor, mein eigenes Kommunikationsverhalten hinsichtlich meiner Person zu beobachten.
Einige Tage später sprach ich mit meiner Schwester über eine gemeinsame Bekannte, die derzeit einen anstrengenden Egotrip fuhr. Ich ertappte mich bei Äußerungen wie „Ich will ja nicht sagen, dass ich das nicht auch manchmal mache, aber…“, „Nicht, dass ich nicht auch schnell an die Decke gehe…“, „Das hat sie vermutlich von mir übernommen, wir haben einfach zu viel Zeit miteinander verbracht.“ Ich war erschrocken. Selbst, wenn ich mich gedanklich mit anderen Personen beschäftigte, schaffte ich es immer wieder, den Gesprächsfokus auf mich zu lenken. Wobei meine Schwester auf diesen Themenwechsel auch immer gutmütig einging: „Überhaupt nicht, bei dir ist das etwas ganz Anderes!“, „Ja schon, aber du gehst nicht ohne Grund an die Decke“ oder aber auch „Ja stimmt, in der Hinsicht hast du dich überhaupt nicht verändert.“

 

„Ich verkaufe mich einfach immer unter Wert“

 

Rückblickend frage ich mich, ob derartige Floskeln, wie ich sie meinen Aussagen voranstelle, die darauffolgende Beobachtung relativieren sollen à la „Sie nervt zwar, aber so schlimm ist es ja nicht, ich mache es ja schließlich auch“ oder ob ich wirklich diesen abartigen Selbstdarstellungsdrang habe, dass ich es nicht ertragen kann, wenn die Kommunikation mal kurz um eine andere Person kreist. Angeekelt von mir selbst brach ich an dieser Stelle den Selbstversuch ab und beschränkte mich wieder auf das Beurteilen anderer – fällt mir eh viel leichter.

Neugierig, wie ihr Gespräch verlaufen war, hakte ich bei der Bewerbungsfreundin nach. Es sei gut gelaufen, lediglich habe sie sich im „Großen und Ganzen unter Wert verkauft.“ Aber das tue sie ja immer. Dieser letzte Satz ließ mich aufhorchen: Definitiv ist sie ein demütiger Mensch – der sich allerdings seines Wertes sehr wohl bewusst ist und keine Schwierigkeiten damit hat, diesen der restlichen Welt aufzuzeigen. Als Reaktion erwartete sie also entweder einen Einwand von mir oder sie war sich ihres Auftretens tatsächlich nicht bewusst. Oder – dritte und bitterste Option – sie versuchte sich als Person darzustellen, die sie gar nicht ist.

 

Die Konfrontation

 

Aus dem Gespräch mit meiner Schwester hatte ich gelernt, dass derjenige, der die Aussage trifft, oftmals gar nicht nachvollziehen kann, welche Rückmeldung er tatsächlich erwartet. Also sprach ich meine Freundin direkt darauf an. Wie ich einige Tage zuvor, war sie erschrocken über die Konfrontation mit ihrer Selbstdarstellung. Natürlich wisse sie, dass sie selbstbewusst auftrete – so hatte sie dies in unserem letzten Gespräch doch sogar noch als etwaige Schwäche etikettieren wollen. Anschließend war die Luft aus unserem Gespräch raus. Wir beide hatten Angst irgendwas zu sagen, dass uns als selbstverliebte Egozentriker entlarvte.

Welche Erkenntnisse ich aus diesem Selbstversuch und vor allem dieser Beobachtung gezogen habe, ist mir selbst noch nicht ganz klar. Seitdem ist es aber deutlich spannender, Menschen dabei zuzuhören, wie sie über sich selbst reden. Selbst wenn es Fremde sind, ist das übliche „Stimmt“/“Stimmt nicht“-Tippspiel recht unterhaltsam. An dieser Stelle also der Appell: Wer sich im Gespräch vernachlässigt fühlt, sollte dies offen ansprechen und nicht versuchen, über das Aufzählen imaginärer Schwächen das Pferd von hinten aufzuzäumen. Und dabei, liebe Leute, fasse ich mich auch an meine eigene Nase (Womit wir auch – endlich – wieder bei meiner Person wären).

 

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Bildquelle: Andrew Phillips unter cc0 1.0

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