„Ich war auf Bali, und bei dir so?“ – Vom Gefühl, in Freundschaften mithalten zu müssen

Frau liegt auf der Couch und telefoniert

Wahrscheinlich kennt jeder von uns den gelegentlichen subjektiven Eindruck, immer ein Stück hinter den anderen herzuhinken. Dieses Konkurrenzgefühl schleicht sich sogar in unsere Freundschaften ein. Wenn wir phasenweise weniger erleben als unsere Freund*innen, geht es uns mies. Aber warum eigentlich?

Zwei meiner besten Freundinnen sind immer auf Achse – anders kann man es nicht sagen. Beide pflegen sehr viele Freundschaften und Bekanntschaften, bei beiden ereignen sich ständig irgendwelche Dinge mit irgendwelchen Menschen.

Eine von beiden verreist ziemlich oft, und meistens außerdem ziemlich weit. Sie ist bestens informiert über alle Partys der Stadt, kennt ein paar Leute in jeder Bar, in die sie geht, hat täglich tausend Optionen, mit wem sie sich treffen könnte.

Die Zweite ist auf eine andere Art und Weise immer unterwegs. Sie ist nicht unbedingt die größte Partymaus oder die, die ständig wegfährt. Aber wenn sie verreist, dann richtig – für ein Auslandspraktikum, einen Sprachaufenthalt oder eine lange Reise, die sie schon immer machen wollte. Sie kennt jedes Theater und jedes Museum der Stadt, ist immer auf der Suche nach Kultur und Musik – und dabei immer umgeben von vielen Freund*innen, die sie alle unfassbar gernhaben.

Beide wohnen – im Gegensatz zu mir – nicht in Berlin, deswegen sprechen wir meistens am Telefon miteinander. Wenn ich frage, was sie so erlebt haben, seitdem wir das letzte Mal telefoniert haben, haben beide eine Menge zu erzählen. Es gibt immer irgendetwas Neues. Obwohl es in der Stadt, in der die beiden leben, aktuell sogar wieder einen Lockdown gibt, passiert bei beiden verhältnismäßig viel. Und versteht mich nicht falsch: Ich höre mir gern Geschichten über krasse Reisen, mehr oder weniger heiße Typen und eskalative Partys an.

Aber in dem Moment, in dem die Gegenfrage kommt – „Und bei dir? Was hast du so gemacht?“ –, fühle ich mich manchmal ziemlich mies. Dieses Gefühl stellt sich aber nicht nur dadurch ein, dass ich gerade vielleicht weniger erlebe als meine Freundinnen, sondern vor allem dadurch, dass ich mich durch diese Frage automatisch unter Druck gesetzt fühle, mehr erleben zu müssen, wenn ich aus dem Gespräch den Eindruck gewinne, dass das Leben meiner Freundinnen ereignisreicher ist als meins.

Ein Freigeist in Freiheit. Ich bin verliebt in den Sommer und schöne Worte. Wenn ich nicht gerade schreibe, sitze ich wahrscheinlich mit einem Roman irgendwo am Wasser. Oder auf alten Zeitungen, um jede Menge Farbe auf unbeschriebene Blätter zu klatschen. Aber am allerliebsten lebe ich: la vida loca!