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Hassobjekt: Telefonieren

Die von dir gewählte Autorin ist vorübergehend nicht erreichbar.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Telefonate.

Mit zittrigen Fingern wähle ich die Nummer und warte. Ich sehne bereits jetzt das Ende des Gesprächs herbei. Nichts ist schlimmer als das unerträgliche, nie enden wollende Tuten einer freien Leitung, jedes Piepen klingt in meinen Ohren wie Hohn. Ob sich mein Gesprächspartner wohl auch beim Läuten seines Telefons so erschreckt wie ich? Ich erfülle ihm und mir den Wunsch und lege schnellstmöglich wieder auf. Jetzt schreibe ich eben eine Mail: Ich konnte Sie leider telefonisch nicht erreichen. Leider, hahahaha, ganz genau. Aber ich kann ja zumindest so tun, als ob ich es mehrfach probiert hätte und mein Puls nicht schon beim Gedanken daran ins Unendliche geschossen wäre.

Natürlich ginge vieles schneller, wenn wir öfter zum Hörer greifen und uns nicht hinter den PC-Bildschirmen verstecken würden. Aber dann würden auch viel mehr Leute viel schlechter von mir denken. Telefonisch ist es mir nämlich einfach nicht möglich, einen normalen, klaren Satz rauszubringen. Zumindest bis der Angerufene endlich weiß, was ich von ihm will. Ist das Gespräch erstmal begonnen, läuft’s ja auch meistens. Aber bis dahin ist es ein langer Weg voller Ähm und Äh und ein heftiger Kampf zwischen „Meine Güte, wieso stelle ich mich eigentlich so an!“ und… hm, joa, was genau ist eigentlich meine Angst davor?

Löschen, lächeln, „Arschloch“ denken

Ich habe schließlich einen Grund für meinen Anruf, aber absolut keinen Grund dafür, diesen so lange wie möglich vor mir herzuschieben. Es ist ja auch nicht so, dass meine Mama immer noch meine Friseurtermine vereinbart. Und mit meiner besten Freundin kann ich theoretisch auch stundenlang übers Telefon quatschen. Je länger ich darüber nachdenke, desto absurder erscheint mir mein Verhalten. Der Andere kennt und sieht mich schließlich nicht. Selbst wenn ich mich also dumm wie Brot anstelle, würde er mich nicht auf der Straße erkennen.

Aber es ist genau diese Anonymität, die mich so aufschrecken lässt. Bei einem persönlichen Gespräch habe ich die Person vor mir, kann sehen, wie sie reagiert und ihre Gestik und Mimik deuten. Das alles fällt alles bei der Funkübertragung weg. Ist es unsere Sucht nach Anerkennung, die uns davor bewahren will, Ablehnung zu erfahren? Öffnen wir deshalb lieber das elektronische Postfach anstatt unseren Mund? Ist die Tastatur unsere letzte Konstante, an dem wir uns im Alltag noch festhalten können? Ich vermisse die Zeit der Klapphandys, als ich Gesprächen mit einer lässigen, aber bestimmten Handbewegung dramatisch ein Ende setzen konnte.

Auch nice: WhatsApp statt Anrufe – Warum telefonieren wir nicht mehr?

Klar, bei einer Mail wird das auch eher schwierig mit der Mimik – mal abgesehen von Emojis, denn so ein Zwinkersmiley stiftet nur noch mehr Verwirrung. Aber wenn mir darin jemand mit einer blöden Antwort kommt, ist die Nachricht mit einem Klick ignoriert und gelöscht. Oder ich habe genug Zeit, mit einer klugen, schlagfertigen Antwort zu kontern: Sehr geehrte Frau XY, Sie unfreundliches Arschloch… oder so ähnlich. In solchen Momenten bin ich ein Virtuose und die Tastatur mein Instrument.

Vom Alptraum der Rufnummerunterdrückung

Wenn ich es dann ausnahmsweise mal irgendwo klingeln höre, erschrecke ich: Was ist das für ein Geräusch? Aha, so hört sich also mein Klingelton an, interessant. Die einzige Person, die mich neben indischen Call-Centern anruft, ist sowieso meine Mama. Wobei das auch nachgelassen hat, seit dem sie im digitalen Zeitalter angekommen ist und ihren alten Stein namens Nokia gegen ein Smartphone mit WhatsApp getauscht hat. Doch der Blick auf den Bildschirm bestätigt meinen schlimmsten Alptraum: unbekannter Anrufer.

Wer mag das sein? Habe ich etwa einen Stalker?! Das ist bestimmt die Uni, die mich exmatrikuliert! Habe ich beim letzten Online-Shopping mein Konto überzogen? Zeitgleich werden schlimme Erinnerungen an die Internet-Taste meines früheren prähistorischen Handys wach und die damit verbundene Angst vor der Killer-Rechnung. Zwischen der Höhe meines Adrenalinpegels und der Länge des Telefonläutens besteht jetzt eine direkte Korrelation. Doch meine Neugier ist stärker als die Zweifel und ehe mich versehe, halte ich mein Handy ans Ohr: Hallo?

Unangekündigte Gespräche? Nicht mit mir

Stille. Dann knackt es in der Leitung. „Hallo?!“, wiederhole ich diesmal genervter. Nichts. Für solche Späße habe ich nun wirklich keine Zeit. „BIST DU DA?“, brüllt jemand auf der anderen Seite durch den Hörer. Meine Güte, Opa. Hast du wieder ausversehen irgendwas in den Einstellungen geändert. Er wolle nur wissen, wie es mir so im Studium geht und ich habe direkt ein schlechtes Gewissen – wie schade, wenn ich nicht rangegangen wäre. Da stehe ich mir wohl selbst oft mehr im Weg als mir lieb ist. Ich nehme mir vor, feste Gesprächszeiten einzuführen. Außerhalb davon soll sich dann jeder bitte weiterhin einfach per Mail an mich wenden.

Währenddessen fällt mir ein, dass ich mich noch wegen eines Termins bei jemandem melden muss. Puh, um 14 Uhr erreiche ich den doch siiiiiiicher nicht mehr im Büro…Da brauche ich das gar nicht erst probieren…Wäre einfach verschwendete Zeit…Das rede ich mir zumindest ein. Aber so eine kleine, feine Mail lässt sich ja auch prima von Zuhause aus lesen.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0-Lizenz

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