WhatsApp statt Anruf – Warum telefonieren wir nicht mehr?

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Wenn ich mit Freunden Verabredungen besprechen möchte, greife ich meistens auf WhatsApp zurück. Ich rufe sie selten zu diesem Zwecke an und sie mich auch nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, Telefonieren ist uncool geworden. In meiner Kindheit riefen mich Freundinnen immer über das Festnetztelefon an und fragten nach Verabredungen. Seit dem Teenageralter habe ich ein Handy, beziehungsweise später dann ein Smartphone. Regelmäßige Anrufe erreichen mich damit nicht. Dafür aber haufenweise WhatsApp-Nachrichten und Sprachmemos. Auch über Facebook oder Instagram kontaktieren mich Leute. Und das ist oft einfach nur zum Haare raufen, denn in den allerseltensten Fällen klären sich dort Sachen auf die Schnelle. Meist ist es ein ewiges Hin und Her. In Gruppen antwortet gerne gar niemand, weil sich keiner angesprochen fühlt. Im Privatchat werden gelegentlich Dinge überlesen.

Das Forschungsinstitut RealityMine bestätigt meine Wahrnehmung. Es hat im Jahr 2015 3000 amerikanische Handynutzer unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass Texten beliebter ist als Telefonieren – und das bei allen Generationen. Frauen meiner Generation texten sogar drei Mal öfter, als sie telefonieren.

„Ich hasse es, wenn mir jemand dabei zuhört.“

Ich finde aber, das muss doch nicht sein. Seit einer Weile zählt ein Freund zu meinem Freundeskreis, der grundsätzlich immer anruft, egal, ob er sich verabreden will oder ob er wissen will, wie es mir geht. War es zunächst ungewohnt, finde ich es jetzt sehr erfrischend. Selbst meine WhatsApp-Nachrichten beantwortet er oft per Anruf. Immer öfter greife ich aber auch direkt zum Hörer, denn mir gefällt wie unkompliziert man auf diesem Weg alles besprechen kann. Natürlich verfluche ich die neumodischen Messenger-Dienste nicht, im Gegenteil, aber sie haben unsere Art der Kommunikation verändert. Ich würde mir wünschen, dass öfter mal jemand anruft, und dass ich mich nicht gezwungen fühle vorher bei WhatsApp zu fragen, ob ich jemanden anrufen darf. Natürlich kommt das auch immer auf die Person an. Meine beste Freundin würde ich im Falle des Falles auch mitten in der Nacht anrufen, und niemals vorher fragen. Bekannte und weniger gute Freunde texte ich lieber vorher an, weil ich sie nicht stören will. Muss ich beim Arzt anrufen und ein Termin vereinbaren oder ein bürokratisches Telefonat tätigen, setze ich mich dazu lieber in Ruhe hin und hasse es, wenn mir dabei jemand zuhört. Ich bin weder schüchtern, noch introvertiert, aber auch das Telefonieren im Großraumbüro einer Redaktion war für mich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Ein Phänomen, das sich in meiner Generation ausgebreitet hat und auf Personen unterschiedlichster Charaktereigenschaften zutrifft.