Über die Schwierigkeit von Komplimenten

Frau vor Sonnenuntergang

Eigentlich ist es gar nicht so schwer. Du siehst einen Bekannten auf dich zukommen. Freudestrahlend, offensichtlich extrem zufrieden mit sich und der Welt. Und du sagst: „Wow, krass, du siehst heute richtig gut aus.“

Zack. Ein Kompliment. Geht ganz schnell über die Lippen, ist kindereinfach – und wird dennoch viel zu selten gemacht. Dabei kriegt doch jeder gern ab und zu ein wenig Honig ins Gesicht geklatscht. Macht den Tag viel schöner, hebt unsere Stimmung und lässt uns die Welt gleich durch eine in Pastellfarben getönte Brille wahrnehmen. Michèle Morgan hat angeblich mal gesagt (es gibt auch eine männliche Version mit Mark Twain darin), eine Frau könne tagelang von nichts anderem leben als von einem schönen Kompliment. Männer bestimmt auch. Aber jeden Vorbeigehenden mit klebrig-süßen Worten zu bewerfen, ist auch keine gute Taktik. Komplimente – es ist nicht einfach mit ihnen. Und doch brauchen wir sie, je mehr, desto besser. Je origineller, desto lieber. Je täglicher, desto glücklicher. Oder auch nicht, denn: Je mehr Komplimente, desto arroganter der Gesalbte? Hach, kompliziert!

 

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

 

Artigkeit, Höflichkeit, Liebenswürdigkeit. Schmeichelei, Schöntuerei und veraltet: Galanterie, Flatterie. Der Duden weiß viele Synonyme für das, was er als „lobende, schmeichelhafte Äußerung, die jemand an eine Person richtet, um ihr etwas Angenehmes zu sagen, ihr zu gefallen“ umschreibt. In dem Buch „Wie man das Eis bricht“ beschreibt Kommunikationsexpertin Leil Lowndes 92 Wege, um mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Einer davon führt auch über Komplimente. Eine Bedienungsanleitung für den richtigen Aufbau eines Kompliments haben wir auch dringend nötig. Denn Komplimente zu machen, ist schwieriger als ein IKEA-Regal ohne das dünne Heftchen mit den witzigen Handwerker-Karikaturen darin aufzubauen. Wenn nur ein Wörtchen falsch angeschraubt ist oder wir unseren Blick ein wenig zu schief aufsetzen, scheitert das Kompliment an seiner unzureichenden Konstruktion – und landet auf dem Sperrmüll für gut gemeinte, aber inkompetent ausgeführte Freundlichkeit.

Soziologen haben herausgefunden, dass das Kompliment einer Person, die wir erst seit fünf Minuten kennen, stärker auf uns wirkt als das unseres Sandkastenfreundes. Unsere Komplimente dagegen werden eher geschluckt, wenn wir uns bescheiden geben – aber nur, wenn uns der Andere als höherrangig einstuft. Wenn wir Komplimente verteilen, kommt es auch auf unsere Aufrichtigkeit, das Timing, die Motivation und die Formulierung an. Und werden uns dann Nettigkeiten ins Ohr gesäuselt, hängt unsere Wahrnehmung des Kompliments von unserem Selbstbild, unserem beruflichen Stand, unserer Erfahrung mit schönen Worten und unserer Einschätzung des Urteilsvermögens von dem Schleimer, der uns gegenüber sitzt, ab. Scheiß kompliziert also, dieses Nehmen und Geben von Komplimenten.

 

Second-Hand Komplimente und der direkte Weg

 

In der Rubrik „Wir haben verstanden: KW 26“ schreibt die Redaktion von jetzt.de: „Noch toller als direkte Komplimente sind die, die Second Hand bei einem ankommen.“ Stimmt. Von einer Freundin gesagt zu bekommen, dass ihr Bekannter neulich ganz begeistert von dir war, ist wie einen Liebesbrief auf dem Flüsterpostweg zugesteckt zu kriegen. „Wir neigen eher dazu, jemandem zu trauen, der etwas Freundliches über uns zu sagen hat, wenn wir außer Hörweite sind, als jemandem, der uns offen schmeichelt“, kommentiert Lowndes dieses Phänomen. Und die Garantie der Aufrichtigkeit der freundlichen Aussage wird noch gesteigert, weil es eine Vertrauensperson ist, die uns das Kompliment übermittelt.

Nicht ganz so leicht fällt es uns anscheinend, unserem Partner zu glauben. Und sei es nur ein Lebensabschnittsgefährte, wie es bei Spiegel-Online Autorin Anna Achilles der Fall war. In ihrem Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein schreibt sie: „Ein Typ meinte einmal zu mir, dass ich schöne Unterarme hätte. Im ersten Moment hätte ich ihm am liebsten meine Unterarme ins Gesicht gerammt. Ich fand dieses Kompliment total daneben.“ Wieso das so war, begründet sie mit: „Was mit seiner Aussage bei mir ankam, war: Dieser Mann findet alles an dir so schlimm, dass ihm nichts Besseres einfällt, als deine Unterarme zu loben.“ Im Nachhinein aber stellt Anna Achilles fest, dass es einfach nur ein Kompliment gewesen ist – und ihre eigentliche Reaktion hätte einfach „Danke“ lauten sollen. „Wir müssen aufhören, uns schlecht zu fühlen, wenn uns jemand lobt. Ohne Wenn und Aber.“ Auch ein Kompliment anzunehmen ist eben nicht so einfach, wie es scheint. Aber anstatt es abzuwinken, es lächerlich zu machen, sollten wir uns freuen. Denn: Wir machen durch das Ablehnen nicht nur das Gesagte, sondern auch den mutigen Lober lächerlich. Was gemein und unfair ist. Und wir erscheinen auch nicht arrogant, wenn wir uns über das Lob freuen – nur selbstbewusst, sagt Anna (mit den langen Beinen). Und das dürfen wir ruhig sein (sagt sie, und finde auch ich).

Einer statista-Umfrage zufolge machen nur 28,6 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer ihren Partnern jeden Tag ein Kompliment. Wieso das nicht mehr Menschen tun, könnte daran liegen, dass die Beziehung schon so lange dauert, dass einem die liebenswerten Schrägheiten des Anderen schon längst auf den Sack gehen. Oder man einfach nicht der geborene Poet ist und sich unwohl fühlt, dem Anderen zu sagen, wie schön man ihn findet. Mittlerweile gibt es aber mehr Flirt-Portale und Foren als hier aufgezählt werden könnten, in denen Listen zu „Komplimente für Frauen/Männer“ geführt werden und man sich Inspiration holen kann. Das schrammt zwar ein bisschen an dem Sinn eines Kompliments vorbei, aber immerhin scheint das Wissen um den Wert eines solchen nicht ganz verloren gegangen zu sein.

 

Die Sache mit der Ehrlichkeit

 

Während für uns in Deutschland übertriebene Lobhudeleien so unglaubwürdig sind wie das Bio-Versprechen von McDonald’s, ist es in den USA genau andersrum. Beate Wild, Autorin der Süddeutschen Zeitung, beschreibt ihre Erfahrung in San Francisco mit dem oh-so-fucking-awesome-Komplimenten folgendermaßen: „Gewöhnungsbedürftig sind die Kompliment-Superlative allemal. Erst im Lauf der Zeit habe ich gemerkt, dass es einfach dazugehört, dem Gegenüber solche Schmeicheleien zu sagen. Und fröhlich in die Lobhudelei einzustimmen.“ Das verschönert nicht nur den Alltag, es hebt auch die allgemeine Stimmung. Dieses Zurechtbiegen der Realität gehört laut der Autorin zu der optimistischeren Lebenseinstellung der Amerikaner.

Hier in Deutschland trauen wir Komplimenten nur über den Weg, wenn wir auch das Gefühl haben, dass sie keine Mogelpackung sind. „Ein Kompliment muss stimmen“, sagt Kommunikations- und Stilexpertin Nadine Meyden. „Ein Kompliment zeigt ja nicht nur, dass wir als Person oder eine Eigenschaft oder ein Merkmal von uns positiv wahrgenommen werden, sondern dass wir auch besonders wertgeschätzt werden.“ Und diese Wertschätzung hat eben nur wert, wenn der Andere nicht auf unoriginelle Art ein „Äh, heute hast du, äh, die Haare, äh, besonders schön“, kopiert – sondern sicher und gezielt das anspricht, was ihm an uns auffällt. Allerdings weiß Meyden auch, dass es schwieriger ist, dem Lob zu glauben, wenn wir bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und Manipulation hinter dem Spruch vermuten. Dabei ist es dieses Misstrauen in die Freundlichkeit der Menschheit, was wir überwinden sollten. Denn so entgehen uns kleine Glücksmomente, die uns andere überreichen wollen. Und genauso gilt: Wenn wir sehen, dass sich der Gelobhudelte freut, freuen wir uns auch. Ein Kompliment-Karussell also, ein Perpetuum mobile der Fröhlichkeit für jeden Beteiligten, das Teilen von süßen Worten und ihrer Wirkung.

Trotz all der positiven Wirkung haben auch Komplimente dunkle Flecken auf ihrem weißen, altruistisch anmutenden Gewand. Georg Simmel, einer der bedeutendsten deutschen Soziologen Anfang des 20. Jahrhunderts, hat Komplimente als Teil des „Gesellschaftsspiels“ bezeichnet. Sie zu verteilen sei nichts anderes als der Versuch, mitspielen zu wollen. Es gehe weniger darum, sich als Experte hervorzutun und Susi zu bestätigen, wie fantastisch doch die Perlenkette zu ihrem Sechziger-Jahre-Hut passt. Nein. Wir wollen bei Susi in erster Linie gut ankommen. Und zeigen: Ich bin ein sympathisches Individuum. Ich will auch dazu gehören. Also schmeicheln wir ein bisschen, um den Einstieg zu schaffen, um geschätzt und Teil der etwa neuen Nachbarschaft zu werden. Mit Komplimenten können wir uns eben nicht nur gegenseitig ein Lächeln ins Gesicht tackern, wir öffnen uns mit ihnen auch Tür und Tor – ganz uneigennützig natürlich, wie wir Menschen halt so sind.

 

Mit Schleife und Papier

 

Es gibt also tausend verschiedene Varianten von Höflichkeiten und tausend verschiedene Einsatzmöglichkeiten all dieser netten Gedanken, die uns zu unseren Mitmenschen durch den Kopf schwirren. In erster Linie sollen die meisten von ihnen aber wirklich etwas Positives bewirken – in Form eines Lächelns oder eines Schulternstraffens.

Aber nicht immer geht das Aussprechen einer selbstlosen Bemerkung gut. Eine Freundin von mir hat folgende Einstellung zu Komplimenten: Sie schätzt sie als Geschenk ein. Menschen wahllos ständig zu allem Komplimente zu machen, entzieht den gut gemeinten Bemerkungen jede Glaubwürdigkeit und lässt eine leere, wertlose Hülle zurück. Geschenke sind eben nur dann besonders wertvoll, wenn sie auf die Person abgestimmt sind. Wenn sie originell sind, überraschen und nicht jeden Tag gemacht werden. Etwas Besonderes eben, das den Beschenkten genauso freut wie denjenigen, der sich die Mühe macht und dem Anderen in buntes Papier verpackte Wortgeschenke überreicht.

 

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Bildquelle: Julia Caesar unter cc0 1.0