AussteigerChris McCandlessInto the WildLebenReise

Langzeitvermisste: Von Menschen, die verschwinden

Manche Menschen tauchen unter und wollen nicht mehr gefunden werden. Dunkelziffern und Beweggründe.

„Ich geh‘ mal Zigaretten holen.“ Oh, dieser Klischeesatz – dessen Subtext uns versichert, dass der- oder diejenige nicht wiederkommen wird – er ist so ausgelutscht, dass man nicht mal mehr darüber schmunzeln kann. Vielleicht klingt er auch gerade deshalb so abgedroschen, fernab der Realität, weil wir uns gar nicht vorstellen können, dass manche Menschen von heute auf morgen selbstbestimmt verschwinden. Die Beweggründe reichen dabei von absurd bis beklemmend nachvollziehbar.

100.000 Menschen werden in Deutschland jährlich als vermisst gemeldet. „Circa 45 Prozent davon sind Kinder und Jugendliche, von denen die meisten zurückkommen. Drei Prozent gelten als Langzeitvermisste“, erklärt Peter Jamin, Journalist und Vermisstenexperte, gegenüber ZEITjUNG.de. Unter den Begriff „langzeitvermisst“ fällt jeder, der länger als ein Jahr unauffindbar ist.

 

Von der Romantisierung des Aussteigens

 

Menschen, die untertauchen und bewusst nicht gefunden werden wollen. Das klingt spätestens seit der Geschichte von Christopher McCandless, der auszog, um einer konsumorientierten Welt und seinen familiären Problemen zu entgehen, nach einer Romantisierung des Aussteigens. Eins mit der Natur sein, das Abenteuertum parallel dazu auf Hochtouren. Doch die durchschnittliche Realität sieht anders aus und zu den Gründen des bewussten Verschwindens zählen nicht nur utopische Vorstellungen eines Lebens abseits der Zivilisation.

„Probleme in der Schule oder mit dem Studium. Missbrauch, Liebeskummer, aber auch Gewalt innerhalb der Familie, Mobbing und Drogen sind Gründe, warum beispielsweise junge Menschen einfach verschwinden“, erklärt Jamin und berichtet von einem Fall, bei dem ein junger Mann aufgrund großer Prüfungsangst untertauchte, bevor seine Eltern herausfanden, dass er im Laufe seines Studiums nicht eine Prüfung abgelegt hatte. Jahre später, als er sich in New York neue Papiere zulegen wollte, wurde er gefunden. Er bat die Polizei, seinen Aufenthaltsort nicht preiszugeben.

„Wenn der- oder diejenige volljährig ist, kann man gar nichts machen. Man darf selbst darüber entscheiden, ob Angehörigen konkrete Informationen mitgeteilt werden. Die Selbstbestimmung wird in Deutschland sehr groß geschrieben. Und diejenigen, die zurückbleiben, sind in einer miserablen Situation, weil das Umfeld oftmals das Gefühl gibt, die Familie sei Schuld am Verschwinden der Person“, meint Jamin.

Im Falle einer verpatzten Klausur oder Problemen mit den Eltern scheint die simple Idee des Abhauens in greifbarer Nähe und der Utopiegedanke, sein Leben auszutauschen, gefährlich einfach. Was als harmlose Spinnerei anfangen kann, wird in manchen Fällen zum Selbstläufer. Vielleicht wie bei dem Mann, der in New York gefunden wurde, und für den es keinen Weg zurückgibt: Das Schamgefühl, ins alte Leben zurückzukehren, zu den Fehlern zu stehen und sich seiner Familie und Freunden zu stellen, wächst vielen über den Kopf und verbaut jegliche Rückkehr. Denn wenn man nicht einmal selbst in den Spiegel schauen kann, wie soll man sich der gebrochenen Familie stellen inklusive einer Vergangenheit, die einem letztendlich den Spiegel vorhält?

 

Wie man Menschen verschwinden lässt 

 

Andere, deren Beweggründe tiefer liegen als Prüfungsängste, holen sich auch mal gerne professionelle Hilfe zum Untertauchen. Wenn Schulden oder Morddrohungen Grund genug sind, sich auf ewig aus den gewohnten Reihen zu verabschieden, dann wird oftmals Frank Ahearn herangezogen, seines Zeichens jahrelanger Profi im Aufspüren von Menschen. Er war es, der Monica Lewinskis Aufenthaltsort herausfand, nachdem ihr Verhältnis zum damaligen US-Präsidenten Bill Clinton aufgeflogen war. Aber er jagte auch Verbrecher, die vor der US-Justiz auf der Flucht waren oder Promis, die sich nicht in Klatschmagazinen sehen lassen wollten. Bis er sich eines Tages dazu entschloss, die Seiten zu wechseln.

Mittlerweile hilft er Menschen beim Untertauchen, allerdings nur auf legalem Weg und nur denen, die nicht gegen das Gesetz verstoßen haben und deswegen auf der Flucht sind. Den Anfang macht er dabei mit einem Verbot der Nutzung sämtlicher Kreditkarten und Handys. Danach streut Ahearn Falschinformationen, weil es kaum möglich ist, die digitalisierte Wahrheit zu löschen. Für diejenigen, die es sich nicht leisten können, ihm 200 Dollar für das erste Telefonat zu zahlen, hat er nun ein Buch geschrieben: „How to disappear from Big Brother“. Untertauchen für Dummies, sozusagen.

Die Antwort auf die Frage, was die Beweggründe von Ahearns Klientel sind, sind es doch fast ausschließlich Menschen aus der High Society, ergänzt sich zu den Aussagen Peter Jamins: „Gewalt ist bei den Frauen das Hauptmotiv zu verschwinden, bei Männern ist es Geld“, so der Profi im Interview mit einem Schweizer Magazin.

 

Big Brother is watching you more than ever

 

In Zeiten der NSA, allgegenwärtiger Kameras sowie der Dauerpräsenz von Social Media scheint es kaum möglich, den Gedanken zuzulassen, man könne mal schnell abtauchen und die (digitalen) Fußabdrücke verwischen. Doch durch die beispielsweise offenen Grenzen Europas und der Möglichkeit, perfekt gefälschte Papiere zu einem wenn auch hohen Preis zu bekommen, winkt die anonyme Freiheit stärker als man denkt. „Außerdem kann man immer irgendwo Jobs erledigen, ohne Dokumente vorweisen zu müssen. Man kann sehr leicht beispielsweise im Süden Europas wohnen und einfach nicht auffallen“, ergänzt Jamin.

Eins ist allerdings klar: Wer verschwinden möchte, ohne neue Identität, der muss sich aus sozialen Verknüpfungen sowie seinem Onlinedasein vollkommen verabschieden. Es winkt ein einfaches Leben ohne Online-Banking und Twitteraccount, dafür aber mit Prepaidhandy und Bargeldzahlung. Wer es riskieren möchte, weiterhin in irgendeiner Form präsent zu sein, der streut Falschinformationen, wie Frank Ahearn nahelegt: Wohnst du in Toronto, dann bist du allerdings derzeit in Costa Rica, dein Hauptwohnsitz ist jedoch die Schweiz.

 

Was bleibt

 

Was am Ende für die Angehörigen von verschwundenen Personen übrig bleibt, sind die Erinnerungen an einen Menschen, dessen Existenz nicht sicher nachgewiesen werden kann. Sie bleiben zurück, mit dem bitteren Nachgeschmack aller Fragen, auf die sie weder Antworten noch Hilfestellung finden.

In Deutschland gibt es nach wie vor keine einzige Anlaufstelle für Menschen, deren Familienmitglieder untergetaucht sind. Niemand befasst sich professionell mit diesem Thema, außer der Polizei, welche für die Betreuung nicht ausgebildet ist.
„Wenn bei einem Vermisstenfall Psychologen herangezogen werden, dann handelt es sich hierbei meist schon um Trauerbewältigung“, erklärt Jamin. „Auch die Wissenschaft beschäftigt sich nicht mit dem Thema. Es gibt keine Sekundärliteratur dazu, deshalb habe ich vor einigen Jahren ein Buch über Vermisstenfälle geschrieben.“

Kaum einer tastet sich an das Thema heran, an Fälle, die vorkommen, auch wenn sie selten sind. Menschen, die einfach so verschwinden, lassen Menschen zurück, die einfach so ohne sie leben müssen. Aussteiger Christopher McCandless fand den Tod in Alaska, nur rund zweieinhalb Jahre, nachdem er verschwand. Man möchte meinen, dass diese Reise nicht tragischer hätte enden können, aber manche Angehörige von Vermissten sagen ganz bewusst, dass sie sich wünschen, man würde eines Tages die Leiche des Vermissten vor ihrer Tür ablegen – um mit den Fragen abschließen zu können, deren Antworten sie nicht bekommen.

 

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!

Bildquelle: Pexels unter CC0

Kommentare

  1. Man wechselt zwischen Trauer und Wut. Zu wissen der Mensch ist verstorben wäre einfacher zu ertragen, als die ewige Ungewissheit.

    Andrea / Antworten

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren