Lasst uns mal wieder mehr in der Comfortzone bleiben

Aus dem Heli springen, in fremde Länder reisen und Spinnen essen oder auch nur beim nächsten Jogging-Gang den Körper richtig ans Limit pushen (weil Lungen auskotzen ist geil) – alles was irgendwie ein bisschen weh tut oder fast unangenehm viel Mut kostet, ist so prestigeträchtig und erstrebenswert geworden, dass sich scheinbar niemand mehr dieser dringlichen Forderung entziehen kann: Verlasst eure Comfortzone! Und kommt nur kurz zurück, um aufzutanken und das zweite Gebot, nämlich Self-Care einzuhalten. Ja was denn jetzt?

First World Problem

Diese ständige Predigt auf Social Media, unter Freunden, von Fitness-Coaches, Karriere-Beratern und meiner inneren Stimme ist außerdem ein echtes First World Ding: Wir sind so sicher eingebettet in unsere Jobs, in unsere hübschen Häuser, in Staaten, die funktionieren, dass wir nach Wegen suchen, aus dieser Sicherheit auszubrechen und für ein bisschen Action zu sorgen. Es wird uns zu eng. Es lullt uns ein. Es ist zu gemütlich geworden, für den Menschen, der wir eigentlich sein möchten – glorreich abenteuerlustig und mit heldenhaften Geschichten zum Erzählen am ewigselben Stammtisch in der ewigselben Kneipe. Also zwingen wir uns zu Ausflüchten aus dieser gemütlichen Enge und fühlen uns wie Weltverbesserer. Ob ein Kind, das im Dschungel Südamerikas täglich lebensgefährliche Wege zur Schule hinter sich bringt, es wohl auch jeden morgen ganz cool findet, dass es seine Comfortzone verlässt? Ich bezweifle es.

Mit dem Credo „einfach mal die Comfortzone verlassen“ fordern wir, uns täglich in Aufnahmefähigkeit und Adaption zu üben, nichts nicht zu hinterfragen und Schmerzen und Stress als unvermeidbare Nebenwirkungen willkommen zu heißen. Das ist ja alles schön und gut. Wir sollen ja auch fähig sein, uns schnell anzupassen, wir sollen hinterfragen und manchmal führt auch Schmerz zu geistigem Wachstum. Aber in diesem krassen Ausmaß, das diese Tugend gerade angenommen hat, ist sie doch wieder nur Werkzeug einer leistungswütigen Gesellschaft geworden, um sich selber noch tauglicher zu machen – Stichwort Selbstoptimierung. So pushen und pushen wir unser Gehirn, unseren Körper und auch unsere Seele immer weiter, immer höher, immer schneller, immer ungemütlicher. Dass wir dabei nicht selten vergessen oder sogar verlernen, auf unser Selbst zu hören, fällt uns gar nicht auf. Erst wenn es zu spät ist. Oder fast.

Wenn der Körper interveniert

Wir führen einen munteren Wettkampf darum, wer länger, krasser, häufiger die Comfortzone verlässt und abgedrehten Scheiß macht. Dabei muss abgedrehter Scheiß nicht mal so abgedreht sein. Das kann auch Nacht für Nacht durchtanzen sein, von Event zu Vorlesung zu Event zu Freunden rennen und nie atmen oder so tiefe Konversationen führen, dass es mal schnell das Weltbild richtig durchschüttelt. Und dabei die Zeichen des Körpers, wie er nach Ruhe und einer Minute Pause und Besinnlichkeit schreit, so lange ignorieren, bis er es sich gnadenlos selbst einfordert – und uns zu Burn-Out-Patienten macht. Denn unsere Körper können viel ertragen und wir tun ihnen auch viel an, aber eigentlich wollen sie vor allem unser Überleben schützen – und das geht beim Bungee-Jumpen genauso schlecht wie beim Energie-dauernd-auf-Null-fahren.

Mehr Comfort, größere Zone

Warum also finden wir es dermaßen uncool, uns manchmal einfach für die Comfortzone zu entscheiden? Mal lieber zuhause bleiben und mit Netflix chillen, als in der eisigen Kälte nochmal rauszugehen. Mal lieber wieder gewohnte Wege gehen, die sich bewährt haben und sicher sind. Sich mal richtig eingestehen, dass heute kein Tag ist, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Und das auch genießen. Die Seele und den Körper richtig baumeln lassen, weil alles in Sicherheit ist, weil alles gemütlich ist und einfach nur gut tut. Und vielleicht schaffen wir ja einen gesunden guten Umgang mit dem Außerhalb unserer Comfortzone, dass wir unseren gewohnten Bereich immer ein kleines bisschen ausdehnen können? Nur ganz langsam und in Babysteps. Aber so, dass unsere Comfortzone vielleicht mal so groß ist, dass uns gar nicht so schnell langweilig wird und dass das Ausbrechen nach wie vor zum Hinterfragen und Wachsen da ist, aber immer so, dass wir dabei bei uns selbst bleiben.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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