BeziehungBindungCommitmentEntscheidungFreundeGeneration

Hassobjekt: das No-Commitment-Denken unserer Generation

Hundert Pläne für Samstagabend und keinen Plan von der Zukunft: Das krampfhafte Warten auf „was Besseres“ bestimmt unseren Alltag.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: das No-Commitment-Denken unserer Generation.

Dieses No-Commitment-Denken ist die Unart unserer Generation. Wir versprechen uns so viel davon und es hält so wenig. Es macht uns zu Künstler der großen Worte, Architekten schönster Luftschlösser und Artisten in nichts als heißer Luft. Wir bauen darauf, aber eigentlich nur Kartenhäuser. Wir wollen, dass es uns einzigartig macht, unabhängig und nie langweilig. Beständigkeit und Bindung sind zum Synonym für Ödnis geworden, Verläßlichkeit sowieso. Zu sehr engen sie uns ein und stehen unserer Selbstverwirklichung im Weg. Aber die ja-keine-Verpflichtung-Einstellung ist der unendliche Horizont, genauso verlockend, wie im Grunde unerreichbar und eigentlich das einzige Commitment, das wir eingehen wollen.

Netflix vs. Chill

Aber jetzt mal im Ernst. Das kennen wir doch alle: Wir wollen mit Freunden etwas planen, aber keiner will sich so richtig festlegen. Ich nehme mich da selber auch gar nicht raus. Ich verabrede mich, nur um dann im letzten Augenblick mit dem Husten von letzter Woche abzusagen, aber eigentlich weil halt echt was dazwischen gekommen ist, auf das ich gerade ein weeeeenig mehr Lust habe. Oder anderes Szenario: Ich habe so viele weiß-noch-nicht-ich-sag’s-dir-noch-Pläne, dass ich nicht selten die Samstagabende zuhause verbringe und nichts von all dem mache, weil ich schlichtweg überfordert bin, die optimalste Entscheidung zu treffen. Ich treibe mich dann lieber stundenlang auf Netflix rum, schaue mir Trailer von hundert Filmen an, und überlege, dass es doch super wäre, erst mal die Trailer von Verabredungen zu sehen, bevor man sich festlegt. Das würde die Entscheidung fürs Samstagabend-Programm doch sicher leichter machen. Oder? Ob ich letztendlich einen Film ausgewählt habe? Nein.

Journalistin oder Rechtsmedizinerin?

Im Job ist es dasselbe in Grün: Wie bringe ich romantische Selbstverwirklichung und knallhartes Brötchenverdienen bloß unter einen Hut? Meine neun (!) Jahre jüngere Schwester weiß, sie will Konditorin werden, beginnt nächstes Jahr die Ausbildung in der Schweiz und wird da vermutlich schon im ersten Lehrjahr mehr verdienen, als ich hier in Deutschland, wo ich mich von Praktikum zu Praktikum hangle. Aber ich finde diesen drei-Monate-Rhythmus halt gerade echt suuuper, weil ich ja eh nicht weiß, wann ich wieder Lust habe, in die Schweiz zurückzukehren, oder nach Stockholm zu ziehen, ob ich überhaupt doch besser ins Marketing wechseln sollte oder noch ein Studium zur Rechtsmedizinerin beginnen möchte.

Beziehungsstatus: Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht

Unser No-Commitment-Denken macht natürlich auch unsere Liebesbeziehungen deutlich anstrengender. Paradox, denn sagen wir nicht immer, wir wollen einfach was total Entspanntes? Mittlerweile gibt’s Beziehungsmodelle wie Gesichtscremes im Supermarkt, da ist für jeden was dabei. Wir sind irgendwo gefangen zwischen den spannenden Erlebnisberichten über offene Beziehungen, die im Geheimen alle von Schmerz nur so triefen und dem Wunsch, den jeder (davon bin ich überzeugt!) tief in sich trägt, nach einer vertrauensvollen und vor allem exklusiven Partnerschaft.

Und wenn sich zwei tatsächlich aufs glatte Eis der echten Gefühle wagen und vielleicht tatsächlich ein Commitment eingehen möchten, sagt meine Mama: „Dieses zarte Pflänzchen solltet ihr jetzt pflegen und wer weiß, vielleicht wächst es ja zu einer prächtigen Blume.“ Ein schöner Gedanke. Was sie aber nicht weiß: Jeder hier hat doch eine verdammte Grünanlage, die es zu pflegen gilt! Ein persönlicher Tindergarten voll „vielleicht kommt noch was Besseres“, wo bei Samen nicht gespart wird, beim Dünger aber schon. Und einen grünen Daumen hat keiner. Und dann lassen wir die große Liebe einfach ziehen – die Welt hat ja noch genug große Lieben für uns. Oder?

Hirn entsteht da, wo Mangel ist

No-Commitment ist unser One-Way-Ticket zur ständigen Selbstoptimierung. Alles soll uns noch freier machen. Dabei würde es uns doch häufig mehr nützen – gerade im Job – Verpflichtungen einzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Mal echt etwas durchziehen. Mal nicht bis fünf-vor-Kinofilmstart alle Pläne offen halten. Denn sind wir ehrlich: In den meisten Fällen kommt gar nichts Besseres. Nur wieder weitere Optionen, an die wir viel zu viel Aufmerksamkeit verschwenden. Wir sind richtige Entscheidungslethargiker geworden. Wir können und wollen uns nicht mehr festlegen. Unser Hirn ist ausgestiegen. Denn Hirn entsteht da, wo Mangel ist. Und Mangel kennen wir nun mal nicht mehr.

Ich finde, ein Commitment einzugehen, schließt Spontanität und dem Herz folgen überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: Braucht unser Herz nicht ab und zu Beständigkeit? Sicherheit? Ein Vertrauen, dass das Kartenhaus, das wir auf dir bauen, liebes No-Commitment, nicht jeden Moment in sich zusammenfallen könnte? Und vielleicht öffnen ein, zwei Commitments ja sogar Türen zu einer Art Erfüllung, die wir mit unserer Flatterhaftigkeit bislang gar nicht kannten.

Folge ZEITjUNG auf Facebook, Twitter und Instagram!

Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

Kommentare

  1. Ein Spiegelbild aus Worten.

    Daniel / Antworten
  2. Da könnte was dran sein. Witzig und so wahr…

    Andrea / Antworten

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren