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Lasst uns mal mehr Wolkenschlösser bauen!

Ein Plädoyer für mehr utopisches Denken.

Eine Utopie ist per Definition eine Vorstellung, die so (noch) nicht Realität geworden ist. Den Grundstein für diese Idee legte Thomas Morus vor knapp 500 Jahren mit seinem Werk „Utopia“, welches das Leben auf einer Insel unter idealen Bedingungen aufzeigt. Als Gegenentwurf zu der Gesellschaft des 16. Jahrhunderts in England zeichnet der Autor das Bild einer Gruppe von Menschen, bei der es keine privaten Reichtümer gibt, sondern vor allem eine starke Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung.

 

Was ist heute utopisch?

Der Begriff utopisch wird heute inflationär gebraucht: Eine Hausarbeit in ein paar Wochen abzugeben, eine Tram zu erwischen – völlig utopisch. Das Wort bekommt dadurch einen Beigeschmack, es ist nicht mehr die schöne Gesellschaftsvision, an der man arbeitet, damit sie irgendwann Realität wird. Es ist ein von vornherein schon als unrealistisch gebrandmarktes Vorhaben. Zeit, das zu ändern. Damit wir alle mehr träumen. Das stelle ich mir zumindest schön vor, so in meiner Utopie.

 

Warum träumen wir nicht mehr?

Wenn man jemanden kennenlernt, fragt man nach kürzester Zeit nach den Plänen für die nächsten 10 Minuten. Kurze Zeit später werden daraus die beruflichen Pläne, die familiären Träume für die nächsten 5, und irgendwann die nächsten 20 Jahre. Aber es geht immer nur um das individuelle Glück. Keiner fragt nach den Vorstellungen für die Gesellschaft, für die Art und Weise, wie jeder Einzelne vielleicht das gemeinsame Leben auf der Welt ein wenig schöner machen könnte. Dabei sollten wir da so viel häufiger drüber sprechen: Ideen entwickeln, Träume entwickeln. Wer nie darüber spricht, wie seine ideale Welt aussieht, denkt auch nicht darüber nach. Wir sollten viel mehr Pläne machen, die rational betrachtet vielleicht unmöglich erscheinen. Einer muss nunmal den Anfang machen.

 

Was ist aus den jugendlichen Idealen geworden?

In meiner Realität sieht das aber anders aus. Gerade unter Gleichaltrigen. Jeder lebt gefühlt nur noch für sich alleine. Träumen ist ziemlich einsam geworden. Der Wunsch, vielleicht mal etwas zu verändern, ist meiner Generation irgendwie, irgendwo abhanden gegangen. Wir sind wahrscheinlich die ältesten jungen Menschen, die man sich vorstellen kann. Man träumt seinen eigenen Traum, aber der ist nicht groß: Haus, fester Job, Sicherheit. Keine bessere Gesellschaft, kein besseres Leben. Hauptsache ein besseres Leben als der Nachbar. Wir sind aufgewachsen mit einem indoktrinierten Konkurrenzkampf, es geht nicht mehr um die Veränderung am großen Ganzen, um eine Gemeinschaft, es geht um dich und mich, und darum, dass mein Glück größer ist als deins. Um dorthin zu kommen, machen wir die Träume und Gesellschaftsutopien derjenigen platt, die sich noch trauen, sie zu äußern. Die Klimademonstrationen sind zu brav und bringen nichts. Die kritischen Stimmen zur EU-Urheberrechtsreform haben die Gefahren des Internets nicht verstanden. Warum tun wir uns das an?

 

Wo sind die Studenten auf den Demonstrationen?

Dann kam die Generation nach uns und zeigte – geht doch. Seht her, wir gehen auf die Straße, wir kämpfen für die Gesellschaft und die Zustände, in der wir leben möchten. Währenddessen sitzt meinesgleichen da und schaut dumm aus der Wäsche. Es waren immer die Studenten, die soziale Revolutionen anzettelten. Nicht dieses Mal, die Schüler gehen voraus und die Studenten – ja, was ist eigentlich mit den Studenten? Gut, es gibt eine Bewegung namens Students for Future und Luisa Neubauer ist als Studentin wortführend in der Klimadebatte. Aber auch Luisa demonstriert hauptsächlich mit Schülern und die Studentenbewegung ist so verschwindend gering, dass sie meist nicht mal erwähnt wird. Was ist passiert? Sollten wir als Studenten, als vermeintliche zukünftige Bildungselite nicht dafür eintreten, etwas zum Positiven zu verändern? Stattdessen – Resignation. Wieder mal wird die Verantwortung auf die Gesellschaft abgeschoben. Warum wir nicht protestieren? Geld, Druck, Stress. Generation soundso eben, wir haben so oft über uns selbst gelesen, dass wir unpolitisch sind, dass es mittlerweile zutrifft. Es gibt mehr Artikel in Zeitungen darüber, in denen ein Mensch in meinem Alter erklärt, warum er nicht demonstriert als es Artikel gibt, die sagen – verdammt nochmal, rafft eure Hintern hoch.

 

Warum machen wir uns gegenseitig unsere Visionen kaputt?

Früher waren Eltern diejenigen, die Träume widerlegt haben, heute machen wir das selbst. Die Argumente der Unproduktivität und Unwirtschaftlichkeit kommen meist nicht aus der Elterngeneration, sondern von unseren eigenen Freunden. Keiner will mehr für ein Ideal eintreten und politisch steht man irgendwo zwischen Bioladen und Technoclub.

Noch sind wir jung. Noch sind wir in der Position, etwas zu verändern und völlig unverschämt unsere Visionen auf die Straße zu tragen. Gut, streitet euch. Schreit euch an. Werft euch Nietzsche Zitate um den Kopf. Aber bleibt bitte nicht einfach sitzen, weil zu träumen schon unverantwortlich scheint.

 

Ein Hoch auf die Utopie!

Ein Hoch auf den Traum, der nie so Realität werden muss, weil die Realität meist grau und verregnet ist. In der Realität gibt es Hass und Bier mit Grapefruit-Geschmack und das ist so ziemlich dasselbe, also lieber die Welt schön träumen. Manchmal schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie das alles sein könnte, wenn die Welt so wäre, wie ich sie gerne hätte. Und meistens kommt dann jemand, der mir zeigt, dass sie nicht so ist. Die Utopie bleibt auf der Strecke liegen, irgendwo zwischen all dem Rempeln und den Ellenbögen, irgendwo zwischen Begriffen wie Rentenversicherung. Zu Kämpfen ist anstrengend, also lässt man die Utopie dort liegen und widmet sich den wichtigen Dingen. Der Rentenversicherung zum Beispiel. Dem Ideal im Kleinen, nur für mich und meinen goldenen Retriever. Es gibt immer jemanden, der es besser weiß, der zwischen zwei Bier und meinem Namen erwähnen muss, dass Utopien im Großen sowieso unrealistisch sind. Aber Utopien haben eben nicht den Anspruch, zu hundert Prozent realistisch zu sein. Aber der Weg zum Großen fordert meist ein Scheitern im Kleinen und man gibt auf. Dabei kann man auch von der ganz großen Utopie träumen, ohne sich von kleinen Rückschlägen erniedrigen zu lassen, ohne sich in die Resignation zu flüchten.

Und egal, wie deine Utopie aussieht, was sich nie verändert ist die Herangehensweise. Verbündete suchen. Einen Plan machen. Und dann los.

Für ihre Utopie kämpft beispielsweise die Gruppe ‚Extinction Rebellion‘. Unser Interview mit Ihnen lest ihr hier

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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