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Was will ich wirklich? Auf der Suche nach dem Lebensplan

Wir beschäftigen uns viel mit den Themen Selbstfindung und Werteentwicklung. Das ist auch gut so. Aber keinen genauen Lebensplan zu haben, ist auch kein Drama.

Von Judith Strieder

In Zeiten der Flüchtlingskrise und des Erfolges der AfD in der Landtagswahl werden wir herausgefordert, Stellung zu unseren persönlichen Werten zu beziehen. Wir positionieren uns, wir hinterfragen, kritisieren, orientieren uns neu und setzen uns mehr als sonst mit Fragen wie „Wer bin ich (in der Gesellschaft)?“ auseinander.

Werte umfassen Vorstellungen über Politik, Religion, Moral und das Leben. Von klein auf werden uns von der Gesellschaft und von unseren Eltern Werte vermittelt. Erst einmal übernehmen wir diese unbewusst, so Professor Jean-Luc Guyer, Zürcher Psychologe und Psychotherapeut, im ZEITjUNG-Interview. In der Pubertät fangen wir an, diese kritisch zu hinterfragen, fangen an unsere eigenen Werte zu entwickeln. Meist stark geprägt von unserem gleichaltrigen Umfeld, unserer Peergroup. Und von diesem Zeitpunkt an befinden wir uns in einem nicht endenden Prozess der Identitätsfindung und -entwicklung. Jean Piaget, einer der größten Entwicklungspsychologen, die sich mit Werteentwicklung und Moral auseinander setzten, hat dies durch jahrelange Forschung wissenschaftlich belegt.

Durch die aktive Auseinandersetzung gelangen die Werte also in unser Bewusstsein. Und erst hier wird uns klar, ob wir als eigenständiges Individuum hinter diesem Wert stehen. Alle anderen Werte, die wir so mit uns herumtragen, bleiben uns alltäglich kaum präsent. Unsere Erziehung ist prägend und die Gesellschaft, in der wir leben, auch. Deshalb ist es schlichtweg unmöglich, sich komplett unabhängig davon zu entwickeln. Wir sind Teil dieses Ganzen und der Ursprung unserer Werte, unserer Überzeugungen, ist nicht immer zu benennen.

Wir brauchen diese Fragen – aber keine Antworten

 

Wir sind Teil einer Generation, die sich intensiv mit Themen wie Selbstfindung und Achtsamkeit auseinandersetzt. Grund hierfür mag die Unendlichkeit der Entscheidungsmöglichkeiten über unser Leben sein. Was auf der einen Seite eine große Freiheit darstellt, ist auf der anderen Seite eine ebenso große Herausforderung. Professor Guyer stellt fest, dass Werteentwicklung aber vor allem dann stattfindet, wenn wir durch private Schicksalsschläge oder einen anderen äußeren Anstoß (wie zum Beispiel die Flüchtlingskrise) vor diese Frage gestellt werden.

John Streckely, Autor des Buches „Das Café am Rande der Welt“ kommt an diesen Punkt, als er im Urlaub in der Speisekarte des Cafés drei Fragen über das Leben zu lesen bekommt. Er führt lange Gespräche und setzt sich eine Nacht lang intensiv mit dem Thema auseinander – ein Wendepunkt in seinem Leben. Nachdem er zwanzig Jahre in der Wirtschaft tätig war, beginnt er eine Weltreise mit seiner Frau und orientiert sich völlig neu.

 

Kein Lebensplan – kein Problem

Der Tenor dieses lesenswerten Buches ist: Wir sollten unbedingt alle herausfinden, was unserer sogenannter „Zweck der Existenz“ ist: „Wenn Sie sich diese Frage selbst stellen, dann verändert sich Ihre Welt.“ Und sicher ist es in kleinerem Rahmen möglich, sich zu fragen, was man vom Leben will und sich mit der eigenen Persönlichkeitsentwicklung auseinanderzusetzen. Möglich sei dies durch Meditation, Musik, Diskussionen mit Freunden sowie Fremden, sich Zeit in der Natur und für sich selbst nehmen, inspirierende Bücher und Geschichten, so Strelecky. Trotzdem bleibt unklar, ob es wirklich darum geht, eine Antwort zu finden. Ob das überhaupt möglich ist. Fest steht, dass jeder einzelne sie ausschließlich in sich selbst finden kann.

Je nach Zeit, je nach Lebensphase und je nach dem Bedürfnis danach handelt es sich um eine wiederkehrende Auseinandersetzung und um einen ewigen Prozess, sagt Guyer. Und genau aus diesem Grund sollten wir auf der Suche nach dem Sinn und einem Lebensplan das eigentliche Leben nicht vernachlässigen und uns im besten Falle darauf verlassen, dass wir diese Werte jeden Tag in uns tragen. Von Zeit zu Zeit ist es sicher gut und sinnvoll abzugleichen, ob man immernoch so lebt, wie die eigenen Werte es „verlangen“, oder es an der Zeit ist, sich etwas umzuorientieren. Aber die Frage danach, wie wir nach unseren Werten leben können, trägt diesen Prozess eigentlich schon in sich.

 

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Bildquelle: Stephanie Krist unter CC0 Lizenz

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